Kunst-Ikone Mondrian Junge Wilde mit Stijl

Schnurgerade Linien, streng geometrische Formen: Piet Mondrians modernistische Gemälde waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Revolution. Das Pariser Centre Pompidou zeigt jetzt eine große Retrospektive des Niederländers und der Gruppe "De Stijl"- es geht um nichts weniger als totale Kunst.

Von , Paris


Der Maler sitzt im Atelier und trägt Anzug und Krawatte. Die Haare sind zurückgekämmt, ein kurz getrimmtes Bärtchen ziert die Oberlippe. Der Mann, der 1926 so streng den Blick ins Objektiv des Fotografen richtet, ist Piet Mondrian (1872-1944). So rigoros wie die Körperhaltung sind auch seine abstrakten Kompositionen: ästhetische Quadrate mit exakt entworfenen Gittern aus schwarzen Linien, auf grauem Grund und wenigen Grundfarben, etwa Blau, Rot, Gelb.

Der junge Niederländer in der zugeknöpften Pose war ganz den künstlerischen Traditionen seiner Heimat verhaftet, bevor er in Paris mit den jungen Wilden seiner Zeit zusammenfand. Die Entwicklung vom Traditionalisten zum Protagonisten der Moderne zeigt eine umfassende Doppelausstellung im Pariser Centre Pompidou: Eine Monografie unter Leitung von Brigitte Léal, die Piet Mondrian gewidmet ist. Parallel dazu gibt es, betreut von Fréderic Migayrou, eine Retrospektive der Künstlerbewegung, die Mondrian im Jahre 1917 mit aus der Taufe gehoben hat: die Gruppe um die Zeitschrift "De Stijl".

Die erste Pariser Retrospektive des Niederländers seit 1969 kann dank großzügiger Leihgaben aus Otterlo, Den Haag und New York im Detail nachzeichnen, wie sehr die Vordenker der europäischen Avantgarde einander inspirierten; die Ausstellung beschreibt die Entwicklung Mondrians, der zwischen 1912 und 1938 vornehmlich in Paris arbeitete, von der "natürlichen zur abstrakten Realität".

Mit Spiritualismus und Bionahrung in die Moderne

Der junge Piet, geboren in Amersfoort erhält eine traditionelle akademische Ausbildung. Seine ersten Aufträge sind Porträts, er malt Kirchen aus. Die Wende kommt mit dem Umzug nach Paris, wo er sich 1912 niederlässt. Mondrian entdeckt Picasso und den Kubismus. Seine Motive - Bäume und Felder, Windmühlen oder Bauernhöfe - verschwinden unter dem Einfluss der Fauvisten und Neo-Impressionisten allmählich in abstrakten Mustern.

"Es geht im Kern um die Schematisierung der Natur", sagt Mathieu Poirier, Kunsthistoriker an der Pariser Sorbonne: "Der Baum wird zur Vertikalen, die Sichtgrenze zur Horizontalen - zusammen mit der Abwesenheit des Menschen gehört die Auflösung des Figurativen im Geometrischen zur DNA von Mondrians Kunst."

Mondrian strebt, so sein Credo, "nach der Harmonie durch die Gleichwertigkeit von Linien, Farben und Flächen. Zunächst noch angelehnt an Motive wie etwa Stillleben, löst er sich zunehmend vom Gegenständlichen und erreicht dieses Ziel mit der Serie seiner "Compositions". Der Künstler wird später dafür seinen eigenen Begriff bilden: "Neoplastizismus".

Befeuert wird diese Wandlung durch Mondrians Auseinandersetzung mit den Thesen der Theosophie. "Die kosmologische Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts geht davon aus, dass sich hinter der äußeren Aufsicht der Welt eine 'höhere Realität' verbirgt", erklärt Migayrou, Vizedirektor des Musée national d'art moderne: "Da gab es eine Madame Helene Petrovna Blavetsky, die mit einem englischen Leutnant und einem indischen Guru die Welt bereiste und verbreitete, dass man nach universellen Regeln leben müsse. Die Theosophie berief sich auf das alte Griechenland und auf die Kunst Ägyptens, pries die Rückkehr zu spirituellen Werten und empfahl ein naturnahes Leben und Bionahrung."

Die "verfrühte New-Age-Bewegung" (Migayrou) hatte in den Niederlanden ungeheuren Zulauf. In Amsterdam standen rund 1500 Künstler der Organisation nahe, darunter auch Theo van Doesburg. Mondrian, wegen des Ersten Weltkriegs 1914 in seine Heimat zurückgekehrt, trifft dort auf den Maler und Kunstkritiker - eine Begegnung, die Mondrians Bekehrung zur Abstraktion entscheidend beflügeln wird. Zusammen mit dem Architekten und Möbeldesigner Gerrit Rietveld und einem halben Dutzend weiterer Maler, Dichter und Grafiker gründen sie 1917 die Bewegung "De Stijl", die ein europaweites Echo auslöst.

"Gedicht des rechten Winkels"

"Eine paradoxe Namensgebung", sagt Architekturspezialist Migayrou, "denn die Gruppe lehnt 'Stil' ab, will die Vereinfachung in geometrischen Mustern, die Negation des künstlerischen Gestus." In der gleichnamigen Zeitschrift wird das Manifest der Avantgarde vorgestellt - man strebt nach einem Gleichgewicht zwischen Individuum und Universum. Der Kurator: "Vor allem geht es der Gruppe darum, eine formelle Sprache zu finden, die kurz nach Kriegsende den Herausforderungen der Industriegesellschaft entspricht und zugleich die Strategie entwirft für die Gestaltung einer neuen sozialen Ordnung."

Die ästhetische und soziale Vision einer "totalen Kunst" ist keine graue Theorie. "De Stijl" verbindet Utopie mit handfester Produktion. Die Vorstellung von einer allumfassenden Harmonie findet den Niederschlag in Malerei, Skulptur, Möbeldesign und Grafik, in Architektur und Städtebau; manches bleibt visionärer Entwurf, wie die "City in Space" von Frederick Kiesler, anderes wird ausgeführt - etwa das "Rietveld-Schröder-Haus" in Utrecht.

Auch Gerrit Rietvelds berühmter Stuhl in Rot-Blau von 1918 mit dem entsprechenden Tisch ist in Paris zu sehen. Die farbkodierten Inneneinrichtungen, die Leuchtkörper, die Entwürfe für himmelwärts strebende Städte und "bewohnbare Brücken", werden im Centre Pompidou mit Originalexponaten, Fotos, Zeichnungen und Modellen präsentiert. Sie belegen die vielfältigen Möglichkeiten dieser Formengrammatik - und ihre Grenzen.

Mondrian trennte sich Mitte der Zwanziger von der Gruppe De Stijl und ihrer praxisbezogenen Arbeit - aber er bediente sich der von ihr entwickelten Formensprache aus Grundfarben, geometrischen Formen und dem Verzicht auf Perspektive: Bestandteile, die er in beinahe mathematisch genauer Ausfertigung immer wieder neu kombinierte.

In Paris fand seine strikte Interpretation nur allmählich Käufer, doch sein Atelier blieb 20 Jahre lang Treffpunkt für Kubisten, Konstruktivisten oder Dadaisten und Anlaufstelle für den avantgardistischen Nachwuchs. Für das Studio, im Centre Pompidou nachgebaut, hatte Mondrian seine Farb- und Formprinzipien auf den Raum übertragen: Schreibtisch, Bett, Bilder sind in geometrischer Askese angeordnet, an den weiß-grauen Wänden hängen Farbquadrate in Blau, Gelb und Rot.

"Gedicht des rechten Winkels" nannte Le Corbusier den strengen Mikrokosmos jenes Künstlers, der zu den großen abstrakten Malern des 20. Jahrhunderts gehört. Das Atelier lag unweit vom Bahnhof Montparnasse in der "Rue du Départ": "Straße der Abfahrt" - ein Name wie ein Programm.


Mondrian/De Stijl, bis zum 21. März 2011, Centre Pompidou

Mehr zum Thema


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.