Kunst im Problemviertel: Schwermetalle und schwerer Ärger

Von Heiko Klaas und Nicole Büsing

Big Trouble in little Hamburg: Das Projekt "Kultur|Natur" will Kunst in das Arbeiterviertel Wilhelmsburg bringen. Das gefällt nicht jedem: Die Politik fürchtet die Kritik der Künstler, die Bewohner laufen Sturm gegen die "Schickimickis" - und die linke Szene kämpft mit sich selbst.

Südlich der Elbe ist Hamburg anders - ganz anders. In der Fährstraße 69 im Arbeiterstadtteil Wilhelmsburg hat sich in einem ehemaligen Ladenlokal das Büro des Projekts Kultur|Natur eingerichtet. Zwei Schreibtische, ein paar wackelige Regale. Bald kam der erste neugierige Nachbar vorbei, ein Italiener mit Goldkettchen. Kultur|Natur steht an der Scheibe - er hatte sich so seine Gedanken dazu gemacht. Natur, ja, das wären die Berge, die Sonne, das Meer und der Wein. Aber Kultur? Ihm fiel dazu nur ein, dass keiner hier im Viertel welche hätte.

Das soll jetzt anders werden.

Der Hamburger Senat hat die Internationale Bauausstellung IBA nach Wilhelmsburg geholt. Solche Bauausstellungen gibt es in Deutschland seit über hundert Jahren. Der moderne Wiederaufbau des Berliner Hansa-Viertels 1957 firmierte ebenso als IBA wie die Erneuerung des nördlichen Ruhrgebiets 1989 bis 1999, die als IBA Emscher Park bekannt wurde.

Nun ist in Wilhelmsburg bis auf einen neuen Radweg zwar noch nicht viel gebaut worden - die Fertigstellung der meisten IBA-Projekte ist erst für 2013 geplant. Doch das Projekt Kultur|Natur bildet so etwas wie die kulturelle Vorhut der IBA.

Wilhelmsburg gehört nicht gerade zu den Vorzeigevierteln der Hansestadt. Obwohl nur wenige S-Bahnstationen vom Hamburger Zentrum entfernt, erinnert der Stadtteil eher ans Ruhrgebiet als an die feinen Stadtteile rund um die Alster. Die meisten Hamburger waren noch nie dort.

Mit der IBA hat man Großes vor: Aus dem industriell geprägten Stadtteil mit niedrigen Mieten, hohem Migrantenanteil und Wasser voller Schadstoffe soll ein Musterstadtteil mit hohem Wohn- und Freizeitwert werden. Nachhaltige Stadtentwicklung wollen Senat und IBA betreiben. "Unorte", so heißt es, sollen zu "Metrozonen" werden.

Zerdepperte Vitrinen

Die von der IBA engagierten Kultur|Natur-Kuratoren Anke Haarmann und Harald Lemke luden Künstler ein, vor Ort zu recherchieren. Sie ließen Bürger Plakate entwerfen, hörten sich geduldig die Geschichten von Polit-Aktivisten, Nachbarn und lokalen Künstlern an.

Doch im Viertel sah man all das mit gemischten Gefühlen. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die viele unterschwellige Konflikte im Stadtteil hervorgekitzelt hat, Vandalismus provoziert, die mächtige Hafenbehörde aufschreckt und die linke Kunstszene Hamburgs in helle Aufregung versetzt.

So wurden gleich in der ersten Woche Großplakate umgestürzt und Vitrinen zerdeppert. Teilnehmende Künstler mussten im Szenetreff Butt-Club, einem Relikt der einst besetzten Hamburger Hafenstraße, Rechenschaft ablegen - ihnen wurde vorgeworfen, das Spiel des Senats zu spielen und der Veredelung des Stadtteils Vorschub zu leisten. Kuratoren und Künstler sahen sich während der Ausstellungseröffnung offenen Anfeindungen ausgesetzt.

Ganz fair ist das nicht, denn die Kuratoren lavierten geschickt zwischen den strengen Rahmenbedingungen der kunstfremden IBA, der lokalen Szene vor Ort und der Einbindung internationaler Künstler. Unter der Fragestellung "Wie sieht die Stadt im Klimawandel aus?" sorgten sie dafür, dass etliche spannende Kunstprojekte verwirklicht wurden.

So untersuchte die New Yorker Künstlergruppe Critical Art Ensemble die Wasserqualität der Kanäle. Sie verteilten ein simples Test-Kit an Angler und Bürger. Die Untersuchung in einem US-Labor ergab wenig Beruhigendes: Schwermetalle im Wasser.

Gartenfreuden für jedermann bietet die US-Künstlerin Susan Leibovitz Steinman. Vor dem S-Bahnhof hat sie Behälter mit Pflanzen aufgestellt. Erdbeeren, Kräuter, Salat und Blumen zum Anschauen - und vielleicht auch zum Mitnehmen. Guerilla-Gardening als Kunstaktion. Viele Bürger begriffen dies aber als Einladung - sie pflückten Chilischoten ab, ernteten Sonnenblumen, ein Heuballen wurde angekokelt.

"Sprung über die Elbe"

In einer Gegend, wo breite Schneisen zur Stadtautobahn führen und die mächtige Hafenverwaltung immer mehr Flächen beansprucht, hat die Hamburger Künstlerin Nana Petzet eine Brachfläche zum Biotop erklärt. Mit Biologen bestimmte sie seltene Arten, fotografierte Kleinstlebewesen und drehte einen Film über die Rückeroberung des brachliegenden Lebensraums.

In einem Bootshaus gleich um die Ecke präsentiert sie die Ergebnisse ihrer Feldforschung. Bei der Rechtsabteilung der Hamburg Port Authority (HPA) stieß ihr Projekt auf wenig Gegenliebe. Die Expansionsgelüste der Hafenmanager und das Aufspüren seltener Arten passen einfach nicht zusammen.

Mit Misstrauen beäugten auch viele Bewohner Wilhelmsburgs den Einzug von Kunst und Kultur. Sie betrachten den vom Hamburger Senat propagierten "Sprung über die Elbe" - also das städtebauliche Aufmöbeln des Stadtteils - als Bedrohung. Auf Plakaten wettern sie gegen Mieterhöhungen, gegen die Kulturfestivals und die "Schickimickisierung".

Ihr Protest richtet sich nicht nur gegen Ausstellungen wie Kultur|Natur, sondern auch gegen andere Kulturevents wie das 2007 gegründete Dockville-Festival. Zu dem Konzertwochenende kamen viele Bands - aber vor allem massenweise Besucher aus anderen Hamburger Stadtteilen.

Womöglich hat der italienische Nachbar Recht.

Solange diese Gäste als Vorboten von Mieterhöhungen betrachtet werden, müssen Kunst und Kultur noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um Freunde im gebeutelten Wilhelmsburg zu finden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Im Norden nichts Neues
Kai Frederking 08.09.2008
Keine Überraschungen in diesem Artikel: Weltfremde Künstler treffen auf Reflexantagonisten.
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