Kunst in Badisch-Sibirien Die Gefängnisstadt leuchtet

Traditionelle Jagden oder Adelsbälle haben ihn noch nie interessiert. Lieber verwandelt Louis Baron von Adelsheim seinen Schlosspark und die Innenstadt im nordbadischen Adelsheim mit gigantischen Projektionen in einen Kunstraum unter freiem Himmel.

Von Ariane von Dewitz


Er könnte sich einiges einfallen lassen, um die Öl verschlingende Heizungsanlage zu erneuern. Zum Beispiel an der neuen Sat1-Single-Show "Gräfin gesucht" teilnehmen und dort um eine spendable Gattin werben. Doch das interessiert Louis Baron von Adelsheim nicht. Der Besitzer eines mittelalterlichen Schlosses im nordbadischen Adelsheim nutzt bei der Pflege dieses Erbes vielmehr seine Fähigkeiten, die er als Kameramann und Künstler erworben hat.

Mit riesigen Kunst-Installationen und Video- sowie Licht-Projektionen erhellt er seit vier Jahren Park, Schloss und Innenstadt und lockt damit jährlich etwa 8000 Besucher in die Kleinstadt Adelsheim – die, weil sie fernab von allem liegt, auch von jeglicher Kulturszene, von ihren Bewohnern auch als "Badisch-Sibirien" bespöttelt wird. Die Freiluftkunst des Barons ist dagegen erstaunlich eindrucksvoll. Mit seiner diesjährigen Ausstellung, der er den Titel "Ströme" verlieh, dürfte er die Gäste gehörig provozieren.

Der Parcours beginnt vor dem Schloss, wo zwei hohe, von Stacheldraht gesäumte Mauern in den Himmel ragen. Sie ergeben eine bedrohliche Schleuse, die der Besucher erst einmal passieren muss. Beim eingeschüchterten Publikum, ob aus West oder Ost, dürfte dieser Mauerbau Erinnerungen an die jüngere deutsche Vergangenheit wecken. Die Inszenierung ist perfekt: Gestrenges Wachpersonal beobachtet jede Bewegung aus kleinen Luken, Überwachungskameras und ein bedrohliches Hochspannungssurren schüchtern zusätzlich ein. "Geht es hier zum Gefängnis?", fragte schon zögerlich ein Tourist, der den Aufbau beobachtet hat – und der vielleicht weiß, dass Adelsheim auch Standort für die zweitgrößte Jugendstrafanstalt Deutschlands ist.

Im Schlosspark dann, als extremer Kontrast zum Schleusenterror, asiatische Impressionen: Dort sind auf den Außen- und Innenseiten eines hexagonförmigen Holztempels Bilder von überlebensgroßen tibetanischen Mönchen zu sehen, die, gehüllt in rote Priestergewänder, gemächlich Tee trinken oder in ihren Lehrstuben arbeiten. Es sind angenehme, meditativ anmutende Szenen, die daran erinnern: Gewalt und Kontemplation liegen hier, auf diesem Gelände, ebenso beieinander, wie in der krisengeschüttelten Region im Himalaja.

Während der Fokus im Park mentalen "Strömen" gewidmet ist, geht es in der Innenstadt konkret um physikalische Phänomene. Nur ein Beispiel: Schillernde Lichtlinien schlängeln sich über die Fassaden der Häuser, welche – begleitet vom dumpfen Wummern eines Herzschlags – die sonst unsichtbare Materie Energie symbolisieren sollen. "Abbildungen der Wirklichkeit" nennt Louis von Adelsheim seine Werke, die er ohne Computerbearbeitung erschuf.

Und die Adelsheimer? Die unterstützen ihren Schlossherren heute, nach anfänglicher Skepsis, mit aller Kraft. Geschäftsbesitzer deponieren Lichtkegel in Vitrinen, sogar in ihre Schlafkammern tragen die Bürger Projektoren, um so die Stadt mitzubeleuchten. Vor allem am letzten Tag der Ausstellung (19. Juli) werden alle noch einmal richtig aktiv: Zur Nacht der 10.000 Lichter entzünden sie Kerzen in der Stadt und tanzen vor der Kirche – hoffentlich extrem und stundenlang.


Informationen zu "Adelsheim leuchtet 2008" und dem weiteren kulturellen Programm des Kunstsommers gibt es im Internet. Der Kartenvorverkauf für die Ausstellung läuft ebenfalls über die Internetseite und bei der Stadtverwaltung Adelsheim, Tel. 06291/620 00.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
tanni95, 23.06.2008
1. Mir...
Zitat von sysopTraditionelle Jagden oder Adelsbälle haben ihn noch nie interessiert. Lieber verwandelt Louis Baron von Adelsheim seinen Schlosspark und die Innenstadt im nordbadischen Adelsheim mit gigantischen Projektionen in einen Kunstraum unter freiem Himmel. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,561028,00.html
...gefallen solche Aktionen in der Provinz. Sie sind oft origineller als manche Events in den selbst ernannten Kulturhauptstädten.
comment1 23.06.2008
2. Kunst in Badisch-Sibirien
Die Ausstellung ist absolut sehenswert. Hier wird Kunst gezeigt, die alle Bevölkerungsschichten anspricht und mit auf den Weg nimmmt. Die vermeintlichen Kunst-Metropolen verblassen dagegen hoffnungslos. Der Artikel bringt den künstlerischen Wert der Ausstellung gut rüber, gleitet jedoch beim Künstler und bei der Bezeichnung des Örtlichkeit (Stadt, Umland) zu sehr ab. Am besten selbst vorbeischauen und genießen. Tipp: www.adelsheim-leuchtet.de
chatermyxi 23.06.2008
3. Adelsheim leuchtet
Hinzufügend möchte ich den Eindruck beschreiben der sich nach dem Gang durch die dichte und, im wahrsten Sinne des Wortes, beklemmend wirkende "Schleuse" eröffnet: im Mittelpunkt des Parks (neben vielen anderen, erwähnenswerten Installationen), steht dieses beeindruckende Hexagon - keine schlichte Großbildprojektion im herkömmlichen Sinne, auf der erzählerisch, oder gar dokumentarisch, sich ein Reiseerlebnis in einem Tibetischen Kloster darstellt - vielmehr ist eine Zusammenfügung von "Beobachtungen" zu spüren, die sich insbesondere durch die Kameraführung, der sensiblen Montage der verschiedenen Kameraebenen und der zurückhaltenden Mischung von Originalton und begleitender Musik, zu einem Werk bildet, dass den Betrachter aus seiner Position lockt und, im Wortsinn, in das Kunstwerk einbindet, ihn selbst zum Bestandteil des klösterlichen Raumes macht. Eindrucksvoll waren besonders die Momente der Stille und Meditation, aber auch die des Klosteralltags, die dem europäischen Besucher der Ausstellung auf wundersame Art und Weise die Welt der tibetischen Mönche nahe gebracht haben. Als Fazit bleibt: unbedingt den Weg auf sich nehmen!
die Gräfin 25.07.2008
4. der Egomane von Adelheim
Impressionen aus der Einmann Veranstaltung "Adelsheim leuchtet". Dem Baron von Adelsheim dem die alten Gemäuer gehören kampiert in einem alten Bau, von wo er die Besitztümer seiner Vorfahren verwaltete. In diesem Jahrhundert gestattet sich der Lebende mit dem Mythos des Künstler zu umgeben. Die Darstellung für die Öffentlichkeit als Projektionsfläche für innere Befindlichkeiten. Damit beschert er der Gemeinde genügend Stoff zum Tratschen um seine Person. Die mit einem idealisierten Gut(s)menschen Images einmal im Jahr ein Kunstereignis, mit seiner Vorstellung an Geschichten in Licht, mit Musik, Gottesdienst und den Geistern von Bachus aufwartet. Seine Methode ist nicht anders als was wir überliefert von früher erfuhren, wie über die mittelalterliche Art und Weise des Zusammenseins gefeiert wurde. Eben nur mit zeitgemäßer Technik ausgelegt. Es war kein künstlerisch wertvolles oder Trend setzendes Ereignis, welches Kunst als erneuernde Energie erfahrbar macht. Obwohl sich der Herr Baron gerne in solcher Funktion sehen würde. Nur dazu ist sein Talent und sein Geist zu dürftig eingestellt, um sich in entwickelten Kunstkreisen, die mit zeitgenössischen Werken die Kunstgeschichte bewegen, einreihen zu können. Es scheint auch, es reicht ihm von einer kleinen Gemeinde geehrt, gefürchtet und beneidet zu werden. Deren Teilnehmer noch weniger von der Wirkungsweise einer strömenden, verändernden Kunst wissen, als dem Betreiber solcher Ereignisse selbst lieb wäre. Daher ist die Latte an der er sich messen könnte niedriger als das, wo er sich gerne sehen würde. Ein Patch-work an Ideen tröpfelte aus Lautsprechern und endlichen Lichtkegeln aus einer waldigen Parkkulisse auf den Besucher ein. Mit erhobenen Zeigefinger begegnet er allen, die neugierig gemacht auf seine künstlerischen Ergüsse, in sein sonst verschlossenes Baronenreich ihre hungrigen Blicke hinein versenken. In meiner Absicht da heraus genährt wieder aufzutauchen. An jedem Ort, ob Kirche, Schlosspark, öffentlicher Raum oder auf seinem Wirtschaftshof im Nebengemäuer, wo mit reichlich Alkohol der Sinn eines solchen Festes alt hergebracht befeuchtend beendet wird. Jedermann und Frau bekommt die Paranoia des Barons mit der verbundenen Anklage an die Schuldfähigkeit seiner Existenz vom Baron persönlich aufgeladen. Du bist nicht richtig, strömt es aus allen Installationen. Nicht gläubig genug, ein Verschmutzer, ein Vergeuder der Umwelt mit ihren Energieressourcen, ein anonymer Knecht in einer drangsalierenden Gesellschaft. So was freut den dienst gewohnten Bürger, eine andere Vorstellung, anderes als die des versteckten Egoismus, wird hier nicht gebraucht. Amen.
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