Ausstellung "Realität und Fiktion" Mit Fakes Fakten schaffen

Die Künstler einer Potsdamer Ausstellung inszenieren den großen Schwindel. Sie verdrehen die Welt, erfinden Kollegen und hauen Besucher übers Ohr. Oder zeigen ihnen, wie sie andere Menschen übers Ohr gehauen haben. Knallharte Waffenhändler zum Beispiel.

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Die Villa Schöningen ist unwahrscheinlich schön. Zu schön, um wahr zu sein. Eine italienische Turmvilla, umgeben von preußischen Prunkbauten und dem Wasser der Havel. Von der malerischen Ideallandschaft, die als Preußisch Arkadien bekannt ist. Und die schon 1990 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

In dieser unwahrscheinlich schönen Villa, gelegen an der Grenze zwischen Potsdam und Berlin, zwischen Ost und West, widmet sich eine Ausstellung nun der Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Realität und Fiktion.

Der Kurator Friedrich von Borries hat Arbeiten von 13 Künstlern zusammengestellt, darunter die des Dänen Jakob Boeskov. Gemeinsam mit einem Industriedesigner hat Boeskov 2002 die "ID Sniper Rifle" entwickelt, die Attrappe eines Gewehrs, das angeblich GPS-Chips unter die Haut der Opfer schießt und sie gleichzeitig fotografiert. Auf diese Weise ließen sich "verdächtige Subjekte" aus sicherer Entfernung markieren und anschließend identifizieren, versprach das Werbeposter, mit dem Boeskov seine Erfindung auf Waffenmessen in China und Katar anpries. Auf solch eine spinnerte Künstleridee fällt kein Politiker rein, glauben Sie? Von wegen.

Boeskov und seine fiktive Firma Empire North bekamen viele Anfragen von Politikern, Polizisten, Soldaten; eine chinesische Firma schlug ihm gar vor, die Produktion des Gewehrs aus Dänemark nach China zu verlagern, um Menschenrechtsprobleme zu umgehen. "Ich habe mich gefühlt wie ein Science-Fiction-Autor, der einen Roman schreibt und sich darin verliert", sagt Boeskov ernst - und legt lächelnd eine Pointe nach: "Mit den Waffenhändlern war es entspannter als sonst mit Kunsthändlern. Waffenhändler wissen, was sie wollen."

Künstler, die andere Künstler erfinden

Ein Film dokumentiert Boeskovs Auftritt auf einer der Waffenmessen, ebenso wie ein Film das Reenactment dokumentiert, das der Brite Jeremy Deller initiiert hat. Normalerweise spielen Reenactment-Fans mittelalterliche Schlachten nach, Deller jedoch nahm sich ein Ereignis der Zeitgeschichte vor: die Battle of Orgreave, einen gewalttätigen Konflikt zwischen Bergarbeitern und Polizisten 1984 in South Yorkshire. Insgesamt engagierte er 800 Teilnehmer, viele von ihnen Anwohner oder sogar direkte Beteiligte des historischen Ereignisses. In der Fiktion konnten sie die Realität nachempfinden, am eigenen Leib erleben.

Mit Fakes Fakten schaffen: Das will auch Dirk Dietrich Hennig. Der deutsche Künstler erfindet andere Künstler mitsamt ihrer Biografien, erstellt sogar Archivmaterial, um ihre Existenz zu belegen, und fertigt dann unter ihrem Namen Werke an. So hat es ein Film des fiktiven Künstlerduos George Cup und Steve Elliot 2010 bis in die Tate Modern geschafft, ohne dass die Kuratoren ahnten, dass der tatsächliche Urheber Dirk Dietrich Hennig heißt. Was das soll? Hennig hat sicher eine lausbubenhafte Freude am Streichespielen, seine Werke aber transportieren ein ernstes Thema: die Manipulationsanfälligkeit der Expertenkultur in Museen, Medien, Universitäten.

Diese machen sich auch die Kommunikations-Guerilleros der "Yes Men" immer wieder zunutze. In der Potsdamer Ausstellung ist die gefälschte New York Times zu lesen, die das Duo 2008 nach der Wahl Barack Obamas veröffentlichte. Sie enthielt ausschließlich wünschenswerte Nachrichten, meldete zum Beispiel, dass der Irak-Krieg ende. Die Zeitung sollte die Phantasie der Leser beflügeln, wenigstens 15 Sekunden lang. Ihre Botschaft: Eine andere Welt ist möglich.

In der Ausstellung vertreten ist auch Mikael Mikael, ein Künstler, den der Kurator Friedrich von Borries schon in seinem Architekturroman "1WTC" hat auftreten lassen. Ob es Mikael Mikael wirklich gibt? Borries behauptet ja - und hat in seine Ausstellung Fotos einer Kunstaktion gehängt, deren Ursprung er in seinem Roman beschrieben hat. Die Fotos zeigen Poster mit dem Satz "Show You Are Not Afraid" an kameraüberwachten Orten des Terrors, etwa am New Yorker Ground Zero.

Die Villa Schöningen war von Anfang an eine Fiktion

Die Ausstellung in der Villa Schöningen besticht mit vielen beeindruckenden Objekten, das beeindruckendste aber ist die Villa selbst: So wunderschön ihre Oberfläche ist und die ihrer Umgebung, so wunderschön historisch, so wenig sagt sie aus über die wahre Historie. Sie ist eine Fiktion, und sie war es von Anfang an.

1826 ließ sich ein Schiffbauer am Ufer der Havel ein schlichtes Haus errichten; der Entwurf stammte vom ausführenden Maurermeister. Der Anblick des Hauses jedoch störte den Blick des in der Nähe residierenden Königs. Aus einer ästhetischen Laune heraus gab er seinem Hofmarschall Geld, damit dieser das unansehnliche Gebäude kaufe und aufhübsche. 1843 entstand so die italienische Turmvilla.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte die Rote Armee die Villa und richtete ein Lazarett in ihr ein; später betrieb der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund dort ein sozialistisches Wochenheim für die Kinder besonders parteitreuer Eltern. Die Villa lag nämlich damals wie heute an der Glienicker Brücke, auf der Ost und West ihre Agenten austauschten. Sie war umgeben von Stacheldraht und sogenanntem Stalinrasen, Stahlmatten mit aufragenden Dornen, die im Uferbereich der Havel eventuelle Flüchtlinge stoppen sollten. Mindestens zwei Menschen starben an diesem Grenzübergang; sie wurden beide erschossen.

Diese Gräuelgeschichten sind dem Ort eingeschrieben, für immer, aber sichtbar sind sie nicht. Sichtbar ist nur noch die malerische Ideallandschaft der Preußenkönige, die seit der Wiedervereinigung mit enormem Aufwand rekonstruiert wurde. Sie ist zu schön, um wahr zu sein.

Ausstellung "Realität und Fiktion": 1. Mai bis 1. September in der Potsdamer Villa Schöningen, Berliner Straße 86.

Öffnungszeiten: montags bis mittwochs geschlossen, donnerstags und freitags 11 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und feiertags 10 bis 18 Uhr.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
jadota 30.04.2013
1. Fehlender Ehrengast
Auch die Mauer hat nicht existiert und wenn auch dank Fakes. Ein offizielles Foto zeigt Sarkozy, der Nervenbündel aus Paris, wie er schon am 9. November (sic) mit Hammer und Sichelheit quasi als erster die Mauer zärtlich anklopft, ( http://www.letelegramme.fr/images/2009/11/09/646683_sarko.jpg ) dies geschah nach eigener Aussage, „an der Ostseite“ wohlgemerkt, die wie jeder weißt, voll Graffitis war. Dieser hammermäßigen Präsident wurde nicht wegen Verrat an der Geschichte verurteilt und auch nicht in der Villa Schöningen eingeladen. Das ist schade und ungerecht.
freier.maurer 30.04.2013
2. Ich sage nur "Hurz"
Toll, was die machen. Es ist schade, dass die meisten Menschen nicht merken, dass jeden Tag die Medien dasselbe machen.
Izmi 30.04.2013
3. Bild
Zitat von jadotaAuch die Mauer hat nicht existiert und wenn auch dank Fakes. Ein offizielles Foto zeigt Sarkozy, der Nervenbündel aus Paris, wie er schon am 9. November (sic) mit Hammer und Sichelheit quasi als erster die Mauer zärtlich anklopft, ( http://www.letelegramme.fr/images/2009/11/09/646683_sarko.jpg ) dies geschah nach eigener Aussage, „an der Ostseite“ wohlgemerkt, die wie jeder weißt, voll Graffitis war. Dieser hammermäßigen Präsident wurde nicht wegen Verrat an der Geschichte verurteilt und auch nicht in der Villa Schöningen eingeladen. Das ist schade und ungerecht.
Die Mauer fiel schon Anfang der 80er Jahre - wenn man sich an ein "Bild"-Zeitungs-Fake erinnert, welches wohl zu dieser Zeit vor allem unter deutschen Urlaubern in Italien vertrieben wurde. Eine Sensationsmeldung "Die Mauer ist weg!" oder so ähnlich soll damals nicht wenige Touristen spontan in die Heimat zurück getrieben haben. Weiß noch wer mehr?
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