An Platz eins eine Deutsche Das sind die einflussreichsten Künstler der Welt

Die deutsche Künstlerin Hito Steyerl ist die weltweit tonangebende Person der Kunstszene. Das Ranking "Art Review Power 100" sieht erstmalig in Kunstschaffenden und Frauen die bedeutendsten Einflüsse.

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Sie gilt als Who-is-who der Kunstszene, und sie wird angeführt von einer deutschen Künstlerin der Digital-Generation, einem französischen Bildhauer und einer feministischen Wissenschaftlerin: Hito Steyerl, Pierre Huyghes und Donna Haraway sind laut der "Power 100"-Liste des britischen Magazins "Art Review" die aktuell wegweisendsten Personen des Kunstbetriebs.

Darüber darf man sich freuen. Bisher teilten sich auf der "Power 100"-Liste des britischen Magazins "Art Review" hartnäckig die Direktoren der größten Museen und Weltausstellungen sowie internationale Top-Galeristen die ersten Plätze unter sich auf.

Stets mit dabei war Kurator und Galerist Hans-Ulrich Obrist, der noch im letzten Jahr Platz 1 belegte (in diesem Jahr Platz 6). Auch die Galeristen Iwan Wirth, David Zwirner und Larry Gagosian haben traditionell großen Einfluss darauf, was in der Kunstwelt angesagt ist. Documenta-Leiter Adam Szymczyk war im vergangenen Jahr wichtiger Akteur, Nicholas Serota hingegen ist mit seinem Rückzug aus der Tate Britain von der Liste verschwunden.

Doch in 2017 scheint sich etwas verändert zu haben in der Wahrnehmung künstlerischen Einflusses. Hito Steyerl ist Experimentalfilmerin, Autorin und promovierte Philosophin, ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Film und bildender Kunst. 2017 nahm sie an den Skulptur Projekten Münster teil, 2015 hatte sie den Deutschen Pavillon der Venedig-Biennale bespielt, sie hat in den meisten bedeutenden Institutionen ausgestellt. In ihrem neuen Buch "Duty Free Art" umreißt sie den Zusammenhang von Kunst, der Rüstungsindustrie und der neoliberalen Finanzwelt und stellt damit eben jenes System infrage, das eine Power-Liste hervorbringt, an dessen Spitze sie nun steht.

Platz 2 des Rankings belegt der französische Bildhauer Pierre Huyghes, der in diesem Jahr bei den Skulptur Projekten eine stillgelegte Eishalle zu einem begehbaren Biotech-Ökosystem umbaute. Dass Steyerl und Huyghes im Superkunstjahr 2017 in Münster und eben nicht auf der Biennale in Venedig oder der Documenta ausstellten und nun als einflussreichste Personen der Kunstwelt geführt werden, kann als Argument gelesen werden, dass Skulptur Projekte die Ausstellung war, die sich am meisten auf die Gegenwart, ihre Ästhetik und Probleme einließ.

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Ranking: Die Mächtigen der Kunstwelt

Kleinere Ausstellungen wie Münster schlagen die Blockbuster-Schauen in subtiler Einflussnahme. Eine weitere Botschaft dieses Rankings ist, dass Frauen die männliche Vorherrschaft des Kunstbetriebs durchbrechen. Es dürfte den 20 Juroren der "Power 100" bewusst sein, dass sich heutzutage eine Bestenliste, die, von einem großen deutschen Autohersteller finanziert, den Einfluss reicher, weißer Männer zementiert, ihre eigene Autorität untergraben würde. Der Frauenanteil des Rankings stieg von Jahr zu Jahr von nicht einmal 20 Prozent im Jahr 2002 auf mittlerweile etwa 40 Prozent. Zwar wurde die Liste auch in den Jahren 2013 und 2012 von Frauen angeführt, dabei handelte es sich aber nicht um Kunstschaffende, sondern um die Schwester des Emirs von Katar und Vorsitzende der dortigen Museumsbehörde, die über einen einzigartigen Etat für Kunstankäufe verfügt, sowie Carolyn Christov-Bakargiev, die die Documenta 2012 leitete.

Nun aber sieht es so aus, als zählten nicht nur mehr Geld und kuratorische Macht in der Kunstwelt, sondern wieder Ideen. Hito Steyerl ist eine politische Künstlerin, die sich für Geldpolitik und Machtmissbrauch interessiert. Auch Rassismus, Feminismus und Transparenz gehören zu ihren Themen. Wie stark feministische Ideen die Kunst beeinflussen, zeigt sich vor allem auch an Platz 3, den die Frauenforscherin Donna Haraway belegt. Ihre Schriften handeln von Mensch-Maschinen-Hybriden, Technowissenschaft und Haustieren, mit ihrem "Cyborg Manifesto" brachte sie die Idee eines Abschieds von der biologischen Geschlechtlichkeit in den Feminismus und beeinflusst künstlerisches Schaffen bis heute.

20 Experten auf fünf Kontinenten beauftragt die Zeitschrift "Art Review" jährlich einzuschätzen, wer die Kunst- und Ideenwelt in der jeweiligen Region bestimmt. Mithilfe eines zweiten Gremiums wird dann abgewogen, welche der Persönlichkeiten und damit auch welcher Kontinent mitsamt dortiger Kunstszene tonangebend sind.

Traditionell finden sich viele Deutsche auf der Liste. Der deutsche Fotokünstler Wolfgang Tillmans wird auf Rang 11 aufgeführt, die Galeristinnen Monika Sprüth und Philomene Magers auf Platz 20, die Museumskuratorin Beatrix Ruf auf Platz 29. Mit dabei sind auch der Kölner Galerist Daniel Buchholz (Platz 30) sowie Klaus Biesenbach, Direktor der New Yorker Kunsthalle MoMA PS1 (Platz 57) und die Berliner Galeristin Esther Schipper (Platz 61).



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