Kunst-Stars Elmgreen & Dragset "Der Besucher trifft nur auf Strichjungen"

2. Teil: "Sehr sauber, klein, fast spießig"


SPIEGEL ONLINE: Ist es schwierig, als Künstler plötzlich in der Kuratorenrolle zu sein?

Elmgreen & Dragset: Eigentlich nicht. Für uns war der Schritt vom Künstler zum Kurator nicht so groß, weil wir als Künstler auch immer organisiert haben - Geld, Ideen und Zusammenarbeit. Besonders in der Oper haben wir viel über Teamwork gelernt, egal ob beim Bühnenbildentwurf an der Deutschen Staatsoper oder bei unserer Inszenierung auf den Bergen-Festspielen in Norwegen. Das waren große Projekte, in die eine Menge Leute involviert waren und daher haben wir eine Menge Wissen und Erfahrung für die organisatorische Seite des Kuratierens mitgebracht.

SPIEGEL ONLINE: Aber es geht ja beim Ausstellungsmachen nicht nur ums Organisieren, sondern um ein schlüssiges kuratorisches Konzept.

Elmgreen & Dragset: Klar, aber es gibt verschiedene Strategien. Wir arbeiten auch mit historischen Referenzen und beziehen uns auf Kunst- und Sozialgeschichte, aber alles spielerisch und manchmal auch respektlos. Zum Konzept gehört zum Beispiel auch, dass wir die Rolle der Sicherheits-Aufseher geändert haben. Sie schauen eher unauffällig herum, ansonsten sieht es aus, als ob sie in dem Haus leben und vielleicht frühere Lover des Bewohners des nordischen Pavillons waren. Und wenn wir die Architektur Dänemarks als bourgeois und die der nordischen Länder als weltoffen interpretieren, ist das eine ganz persönliche Herangehensweise, denn natürlich kommt man nicht von seiner eigenen Geschichte los und damit vielleicht auch nicht von einer skandinavischen Sicht auf die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Ist solche individuelle Sichtweise denn gut für die Arbeit eines Kurators?

Elmgreen & Dragset: Sie ist anders. Es gibt ja auch verschiedene kuratorische Prinzipien und manche mögen wir lieber als andere. Kaspar König macht zum Beispiel als Kurator eine tolle Arbeit, weil er sich nicht darum kümmert, ob jemand einen großen Namen hat oder was gerade trendy ist. Das haben wir auch gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Künstlerliste sind unter eher unbekannten Namen aber auch die von Stars wie Maurizio Cattelan, Terence Koh, Sturtevant oder Wolfgang Tillmans zu finden.

Elmgreen & Dragset: Wir wollten unsere Ausstellung auch in andere Bereiche öffnen, Han & Him sind zum Beispiel Modedesigner, andere machen die Möbel, Massimo Bartolini gestaltet den Garten, und Nico Muhly aus den USA ist Komponist, der auch für Björk arbeitet. Von einigen Künstlern wie von Thora Dolven Balke oder Simon Fujiwara hat man noch nichts gehört, weil sie sehr jung sind. Andere beginnen gerade international auszustellen wie Laura Horelli oder Klara Lidén, und wieder andere sind in der Kunstszene sehr bekannt wie Jonathan Monk oder Guillaume Bijl. Und von einem Star wie Tom of Finland zeigen wir Arbeiten, die man so noch nicht kennt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal geäußert, für Sie sei Dänemark konservativ, fast reaktionär. Warum kuratieren sie dann eigentlich den dänischen Pavillon?

Michael Elmgreen: Es gibt noch viel mehr, was ich als Däne über Dänemark sagen könnte. Aber repräsentiere ich Dänemark? Auf Dänemark weist nach außen gar nichts hin, keine Flagge, nichts von all diesem Mist. Wir machen eine Gruppenschau mit Künstlern aus aller Welt, das hat mit Dänemark absolut nichts zu tun, außer, dass die Schau in einem sehr dänischen architektonischen Rahmen stattfindet - und der ist sehr sauber, klein, fast spießig. Mit der Inneneinrichtung haben wir das so interpretiert, dass es jetzt einen skandinavischen, modernistischen Touch hat. Alles proper, denn alle Konflikte, Familiendramen und Depressionen werden unter den Teppich gekehrt. Kein Wunder, dass Typen wie Lars von Trier Dänen sind.

Ingar Dragset: Es gibt ja auch einen kritischen Dialog. Und wir repräsentieren als Kuratoren ja nicht Institutionen, und dass wir viele großartige Dänen kennen, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Im übrigen hat das Dänische Art Council uns völlig freie Hand gegeben, das zu tun, was wir wollen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Künstler, von dem Sie sich gern kuratieren lassen würden?

Michael Elmgreen: Nicht von einem Maler, ich würde lieber von einem kuratiert werden, der Erfahrung mit Installationen hat.

Ingar Dragset: Von jedem mit einer guten Idee. Und auf jeden Fall von Marcel Duchamp.

Das Interview führte Ingeborg Wiensowski



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