Trend zur Textilkunst Jetzt spinnen sie alle

Wenn das die Uroma noch erlebt hätte! Plötzlich stricken, sticken und nähen Künstler ihre Werke zusammen. Gleich mehrere neue Kunst-Stoff-Sammlungen widmen sich dem Hang zur textilen Handarbeit - Teppiche mit Zigarettenqualm inklusive.


Sie strickt, sie häkelt, und sie kuschelt sich in Wolle ein: Die Kunst zieht sich warm an in diesem Herbst. In etlichen Häusern - in München, Paris oder Turin, in Mönchengladbach oder Bielefeld - stehen Ausstellungen auf dem Programm, die den Hang der Kunst zu Textilien thematisieren.

Die anregendste museale Kunst-Stoff-Sammlung bietet das Kunstmuseum Wolfsburg. Die Schau trumpft mit 170 Arbeiten von 80 Künstlern auf, mit grandiosen und verblüffenden Arbeiten wie einer Stoffskulptur von Dorothea Tanning oder Jacquard-Wandteppichen von Gerhard Richter. Und ihre elf Abschnitte gleichen begehbaren Essays.

So demonstriert sie, wie Gemälde von Edgar Degas, Gustav Klimt, oder Henri Matisse Stoffe in den Vordergrund spielen, als wären sie das eigentliche Motiv. Sie zeigt anhand einer spektakulären Wollstickerei von Sophie Täuber-Arp, wie bereits 1916 die Formen der abstrakten Malerei aus dem Geist und der Struktur von Textilien entspringen.

Sie verdeutlicht mit Arbeiten von Yinka Shonibare oder El Atnasui, wie sich Stoffe und gewebeartige Strukturen für Arbeiten über Kolonialismus und ökonomische Verstrickungen anbieten. Am Ende führt sie in eine Computeranimation von Peter Kogler. Wer sie betritt, wird verstrickt in wabernd-ungreifbares Gewusel von Gittern, Röhren und Netzen, als habe er sich im gewaltigsten Gewebe unserer Tage verfangen: im World Wide Web.

Die Häkel-Haptik

So rafft die Ausstellung die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zusammen am Leitfaden der Textilien: von der Leinwand als Bildträger über den Stoff als Material bis zum Netz als Metapher. Wenn Markus Brüderlin, Direktor des Kunstmuseums, durch seine Schau führt, spricht er - die in der Bildwissenschaft kursierende Rede vom "Iconic Turn" ironisierend - vom "Textile Turn" der Kunstgeschichte. Und schüttelt ein Knäuel von Argumenten für den Ansatz seiner Ausstellung aus dem Ärmel.

Vincent van Gogh habe seine Farben mit Wollfäden bestimmt und er setzte seine Pinselstriche oft fadenartig. Die Räume bei Matisse, der auch noch das "tisser" (französisch für "weben") in seinem Namen trägt, scheinen fast ganz aus Stoffen collagiert. Und das Werk der großen französisch-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois sei nicht zu denken ohne die Textil-Restaurierungswerkstatt, die ihre Familie betrieb.

Okay.

Warum aber setzen in diesem Herbst gleich so viele Kunstinstitutionen auf den Stoff? Wirft die Textilindustrie plötzlich mit Fördermitteln um sich? Nein, sagt Brüderlin: "Die Museen reagieren auf das Phänomen, dass in der Kunst derzeit viel gestrickt, gehäkelt und genäht wird. Die Künstler reflektieren, dass unser Alltag durch Computertechnologie immer unsinnlicher wird. Schließlich gibt es auch die Crafting-Bewegung, diese Renaissance von Handwerk und Kunsthandwerk, die gegen die Reduktion der Erfahrung durch die Virtualisierung auf Haptik und Sinnlichkeit setzt."

Klingt plausibel. Und siehe da: Eine Crafting-Variante gibt's direkt vor der Tür von Brüderlins Museum zu bewundern - das Guerilla-Knitting, bei dem Poller, Poster oder Statuen mit Gestricktem eingekleidet werden. Den weißen Säulen vor dem Eingang hat jemand rot geringelte Wadenwärmer verpasst. Hand angelegt hat hier aber kein anonymer Stadt-Bestricker oder Architektur-Verhäkler - sondern die hauseigene Museumspädagogik.


"Kunst & Textil. Stoff als Material und Idee in der Moderne von Klimt bis Heute". Kunstmuseum Wolfsburg, 12.10.2013 bis 2.3.2014


Noch mehr Stoff - die anderen Schauen zu Textilien und Kunst:

1. "Textiles: Open Letter. Abstraktionen, Textilien, Kunst".
Museum Abteiberg , Mönchengladbach, bis zum 10.11.2013

Die Ausstellung versteht den Faden als organische Linie und untersucht die gegenseitige Beeinflussung von Textilfabrikation und Kunst. Sie setzt Akzente bei den Bauhaus-Künstlerinnen und bei der Fiber Art der sechziger und siebziger Jahre (Lenore Tawney, Magdalena Abakanowicz). Sie fragt nach den Wurzeln von Abstraktion, Minimalismus und Konzeptkunst in der Textilkunst. Und sie verspinnt Zeitgenössisches etwa von Rosmarie Trockel oder Thomas Bayerle mit Arbeiten von Anni Albers oder Paul Klee.

2. "Decorum. Teppiche und Künstlerteppiche".
Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris , 11.10.2013 bis 9.2.2014

Eines der vielen attraktiven Exponate ist "Berlin B" von Pae White: Schwaden und Kringel von Zigarettenqualm täuschend echt dargestellt auf einem vier Meter breiten Gewebe. Die Schau verknüpft traditionelle Teppiche anonymer Produzenten aus Vorderasien oder Afrika mit Tapisserien von Pablo Picasso, Le Cobusier oder Francis Bacon. Sie vertritt die These, dass es seit der Jahrtausendwende einen neuen Hang zu Textilen gibt und belegt das mit Arbeiten von Latifa Echakhch oder den wundersam expressiven, archaisierenden Knüpfereien von Caroline Achaintre. Und siehe da: Auch was "auf dem Teppich bleibt", kann abheben.

3. "Soft Pictures".
Fondazione Sandretto Re Rebaudengo , Turin, 24.10.2013 bis 23.3.2014

Textiles Handarbeiten war einerseits Hausfrauenarbeit, andererseits entstanden in Werkstätten repräsentative Bildteppiche für die europäischen Höfe. Die Turiner Gruppenausstellung zeigt, dass für heutige Künstler vor allem die historischen, politischen, sozialen und symbolischen Bedeutungen des Textilhandwerks relevant sind. Der Schwerpunkt liegt bei jüngeren Künstlern wie Francesco Vezzoli, Gabriel Kuri oder Goshka Macuga.

4. "To Open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute".
Kunsthalle Bielefeld , 17.11.2013 bis 16.2.2014

In Bielefeld setzt man bei den Bauhaus-Künstlerinnen Anni Albers und Benita Koch-Otte ein, streift dann mit Arbeiten von Alighiero e Boetti und Sigmar Polke die Sechziger und Siebziger und folgt den Fäden der Kunst bis zu aktuellen Arbeiten von Olaf Nicolai oder Aiko Tezuka. Die Japanerin knüpft Stoffe auf und verschlingt gelöste Garne zu neuen Objekten.

5. "Marokkanische Teppiche und die Kunst der Moderne".
Pinakothek der Moderne , München, bis 5.1.2014

Nordafrikanische Nomadenteppiche so präsentiert, dass ihre Nähe zu Malerei deutlich wird: zu Werken von Wassily Kandinsky oder Le Corbusier etwa, die sich von ihnen inspirieren ließen. Oder zu Gemälden von Mark Rothko und Cy Twombly, die vergleichbare Farbgebungen aufweisen.

6. "Die Schöne und das Biest. Richard Müller & Mel Ramos & Wolfgang Joop".
Museum der bildenden Künste Leipzig , 13.10.2013 bis 12.1.2014

In Leipzig ist nur wenig Textiles zu sehen, aber ein prominenter Textilkünstler spielt eine zentrale Rolle: Wolfgang Joop. Der Modemacher kuratiert den historischen Teil der Schau: das Werk von Richard Müller (1874-1954). Der Künstler machte Radierungen in der Klinger-Nachfolge, war Akademielehrer von George Grosz, wirkte als Vorläufer des Magischen Realismus, malte schrille Frau-Tier-Kombinationen, war ein Nazi-Mitläufer und wurde zugleich wegen "zersetzender Tendenzen" in seiner Kunst als Dresdner-Akademie-Rektor entlassen. Joop sammelt Müller und findet ihn "kitschig", "akribisch", "lächerlich", "verstörend" und "wunderbar". Dem Werk Müllers stehen brünstige Weib-Tier-Arrangements des US-Pop-Art-Künstler Mel Ramos zur Seite. Und Joop darf seine eigenen Gemälde, Skulpturen und Stickereien zeigen.



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Stabhalter 14.10.2013
1. moment mal
Zitat von sysopPhilippe de Champaigne/ Kunsthaus ZürichWenn das die Ur-Oma noch erlebt hätte! Plötzlich stricken, sticken und nähen Künstler ihre Werke zusammen. Gleich mehrere neue Kunst-Stoff-Sammlungen widmen sich dem Hang zur textilen Handarbeit - Teppiche mit Zigarettenqualm inklusive. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kunst-textil-ausstellungen-in-wolfsburg-paris-bielefeld-leipzig-a-927683.html
bin ich noch auf der Erde,oder wo bin ich denn.Mann oh Mann da schlägts aber 13.
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