Wetter und Kunst Jenseits vom Small-Talk-Dunst

Hitzerekorde, Dürre, Klimawandel: Es ist höchste Zeit, dass wir unser Bewusstsein für menschengemachtes Wetter schärfen. Bücher und Kunst können dabei helfen.

Eduardo Chillidas Arbeit "El Peine de los Vientos"
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Eduardo Chillidas Arbeit "El Peine de los Vientos"

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Plötzlich donnert eine Wand aus Nass von der Seite über die Felsen und durchpflügt Stahlkrallen, die in den Himmel ragen. Am Ende der Bucht von San Sebastián, direkt am Atlantik: Skulpturen auf Steinbrocken mitten im tosenden Meer - eine Imitation der Natur. Sie zitieren die Felstrümmer, die hier vom brutalen Ozean zerklüftet im Wasser liegen, und aus denen geysirhaft wassergetränkte Luft emporjagt, sobald eine Welle ans Ufer knallt.

Der spanische Künstler Eduardo Chillida hat dieses Skulpturenensemble geschaffen. (Sie werden sie wiedererkennen: Zwei dieser Serie stehen unter anderem Namen im Hof des Bundeskanzleramts.) Chillida lenkt den Wind. Und macht damit ein kleines Wetter.

Lassen Sie uns also übers Wetter reden.

Machen ja sowieso alle derzeit. Denn der inhaltsleere Small-Talk über Heiter-bis-Wolkiges hat seine Unschuld längst verloren. Es ist heißer-als-heiß, hier trocken, dort schwül, woanders schon Steppe. Jeden Morgen Neues über Hitzerekorde, abends eröffnen die Tagesthemen mit siebeneinhalb Minuten Dürrereport aus Maisfeldern. Und wir wissen, dass die aktuelle Dürre voraussichtlich bis September anhalten wird. Der Horrorfilm "Hell" aus dem Jahr 2011 über Trockendeutschland in der Klima-Apokalypse wirkt auf einmal, nun ja, geradezu hellsichtig.

Die Zeiten, in der Wettervorhersagen als Magie galten, sind erst seit gut 150 Jahren vorbei. Aber heute wiederum ist die beruhigende Erkenntnis, dass Wetter Mustern folgt, dem Drohpotential von Klimakatastrophen gewichen. Statt Hokuspokus sind die Prognosen nun bitterer Ernst.

Wir wissen mittags mit Blick auf den Regenradar, dass wir nachts im Zelt bei Gewitterregen festhängen, und dass im Jahr 2050 140 Millionen Menschen auf der Flucht sein könnten, weil ihre Kommunen dann unterm Meeresspiegel liegen, von Sturmfluten oder Dürren verwüstet sind. Die Pazifikrepublik Kiribati hat sicherheitshalber Land auf den höher gelegenen Fidschiinseln gekauft. Und Neuseelands Regierung überlegt, Visa für Klimaflüchtlinge einzuführen.

Frau in Kiribati: Das Wetter endlich ernstnehmen
REUTERS

Frau in Kiribati: Das Wetter endlich ernstnehmen

Es ist also höchste Zeit, dass wir das Wetter endlich ernst nehmen; es wahrnehmen, und zwar nicht nur über Radar-Apps. Und uns bewusst werden: Es ist unser Wetter. Wir gestalten es, hier im Anthropozän, dem Zeitalter der von Menschenhand gemachten Natur.

In der Kunst, in den Buchverlagen ist die Akzentverschiebung hin zu einem anderen Wetterbewusstsein längst sichtbar, sie liefern uns Denkanstöße: Überall wettert es.

Da ist der neue Band "Klimabilder" von Birgit Schneider, in dem sie erklärt, wieso die "Erforschung des Klimas (...…) ihren Ausgangspunkt in Bildern [nahm]" - und wie politisch aufgeladen deren visuelle Kraft ist, von Humboldts Klimakarte von 1817 bis zu heutigen Kurven- und Kreisschaubildern.

Das ist auch "Das Wetter-Experiment" von Peter Moore, der detailversessen die Rivalenkämpfe nacherzählt, in der sich die Wetterforscher in ihren Pioniertagen weltweit verstrickten, bis aus lauter Einzelkämpfern ein Netzwerk wurde und Meteorologie erst möglich.

Klaus Reicherts "Wolkendienst" dröselt unter anderem die Wolken- und Windmanie von Malern wie William Turner und John Constable auf, dessen Himmelsbilder eher Forschungsbeiträge waren, um Naturgesetze zu überprüfen, lange vor der ersten Vorhersage.

Und der große Romancier Amitav Ghosh hat gar das Genre gewechselt und mit "Die große Verblendung" das wohl hitzigste Klimakrisenbuch der Stunde vorgelegt. Er plädiert mit Verve für mehr Verantwortung der Autoren - und mehr realistische Klimawandelaspekte in Romanen. Seine Sorge darüber, dass sie das Thema entweder aussparten oder als Science-Fiction zeigten, überzeugt sofort.

Werk von John Constable: Wolken als Sinnbild für den Klimawandel
Getty Images

Werk von John Constable: Wolken als Sinnbild für den Klimawandel

Da ist aber auch das Stück "Das Wetter", das im Mai im Hamburger Thalia Theater Uraufführung hatte, mit einem Wettervorhersage-TV-Studio auf der Bühne. "Alle reden über das Wetter. Wir machen es", so der Slogan.

Genau wie die Schauspieler müssen wir den Blick nach oben richten, staunen, drüber reden. Jenseits von Small-Talk-Dunst. Constable, der Landschaftsmaler der englischen Romantik, hat es vorgelebt: Der Sohn eines Windmüllers bildete in seinen Gemälden die Wolkenstreifen und -fetzen, die Sonnenflecken und Windböen ab, wie sie waren, notierte Datum, Ort, Witterung. "Skying", nannte er es, "himmeln".

Der Himmel sei "Wetter und Zeichen zugleich", schreibt Klaus Reichert in "Wolkendienst". Wolken, das ist formlose Masse, amorph, endlos im Vergehen und Entstehen begriffen. Taugt ideal als Sinnbild für den Klimawandel. Schauen Sie also mal nach oben. Da, die Wolke, haben Sie sie gesehen?

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