Kunst-Weltstar Gerhard Richter: Ich probier's mal mit dem Spachtel

Von Laura Hamdorf

In seinen Gemälden zeigt Gerhard Richter deutsche Geschichte ebenso wie private Momente. Damit brachte es der experimentierfreudige Maler zum einzigen Kunst-Weltstar des Landes. Jetzt ist er 80 Jahre alt - und wird mit zwei großen Schauen gewürdigt.

Es gibt exzentrischere Maler als Gerhard Richter. Womöglich gehört er sogar zu den am wenigsten exzentrischen Malern der Welt. Bei der Arbeit trägt er die Hemdsärmel säuberlich hochgekrempelt, bedächtig verstreicht er die Farbe, konzentriert begutachtet er die Leinwand. Er wirkt nicht wie ein nach Selbstverwirklichung lechzender Künstler - eher wie ein in sich ruhender Chefarzt.

Richter hat nie die Selbstinszenierung als Genius gebraucht. Seine Kunst steht für sich selbst. Er ist Deutschlands Künstlerstar, wird international verehrt und für seine Arbeiten werden Millionen geboten. Weltberühmt ist seine in Schwarz-Weiß gehaltene Serie "18. Oktober 1977", in der Richter die toten RAF-Kämpfer im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim zeigt - ebenso bekannt aber ein ganz anderes Motiv: das farbenfrohe, friedlich wirkende Porträt seiner Tochter Betty.

Der elegant gekleidete Künstler Richter gilt als medienscheu und undurchschaubar. Es ist seine Art der Selbstinszenierung - und das Geheimnis seines Erfolgs: Seine Undurchschaubarkeit hält ihm die Welt vom Leib und lässt ihm die Freiheit, sich durch das Sortiment der Stilrichtungen zu probieren.

An diesem Donnerstag feiert Gerhard Richter Geburtstag, er wird 80 Jahre alt und die Neue Nationalgalerie würdigt gemeinsam mit der Londoner Tate Modern und dem Pariser Centre Pompidou ab Sonntag einen wichtigen Ausschnitt seines Œuvres: Die Retrospektive "Panorama" zeigt 140 Gemälde und Skulpturen sowie die eindrucksvolle Vielschichtigkeit von Richters Werk.

Zu sehen sind die gegenstandslosen Arbeiten seiner Frühphase, die fotorealistischen Werke und seine abstrakten, großflächigen Farbtafeln. Zeitgleich eröffnet die Ausstellung "Gerhard Richter - Editionen 1965-2011" im Me Collectors Room. Sie zeigt seine Druckgrafiken, Künstlerbücher und Fotoeditionen, wie beispielsweise die Arbeiten mit dem berühmten Motiv "Ema (Akt auf der Treppe)" von 1966.

Unsichtbares sichtbar machen

Als Gemälde ist die nackte "Ema" auch prominenter Teil der Retrospektive "Panorama". Das Bild stammt aus Richters früher fotorealistischer Schaffensphase. Vorlage war ein Foto seiner Frau. Das Gemälde gleicht einem unscharfen Foto, denn die Umrisse der Frau sind an einigen Stellen verwischt. Dadurch gewinnt das Bild eine surreale Komponente und gibt Aufschluss über Richters Talent, Unsichtbares sichtbar zu machen: Je unschärfer die Umrisse, desto mehr ist im Bild zu erkennen.

Richters Arbeitsweise orientierte sich an der Fotoreproduktion der Pop Art: Seine grauen Bilderserien von Kerzen, Wolken oder den Schweizer Alpen sind verfremdete Reproduktionen von Zeitungsfotos. In seiner Serie "48 Portraits" orientierte er sich an Lexikonabbildungen berühmter Menschen - Ergebnis war der deutsche Beitrag zur Biennale in Venedig 1972. Eindrucksvollstes Beispiel für das Zusammenspiel von Abstraktion und Figuration aber ist seine Serie "Vermalungen" aus den sechziger Jahren: Mittels Verwischung schafft er auf der Leinwand mehr Realität als auf dem Foto. Automatisch gebraucht der Betrachter seine Phantasie - und sieht mehr.

Seit den siebziger Jahren beschäftigt Richter sich auch mit abstrakten Farbfeldern. "Meine Bilder sind klüger als ich", sagt er und weist auf die ungeplante Entstehung dieser Bilder hin: Mit einem Gummirakel, einem großen Spachtel, trägt er bis zu 30 Schichten auf, kratzt sie ebenso wieder ab. Wie Wellenkämme türmen sich die Farbschichten auf der Leinwand. Richter erklärt die Farbe zur handwerklichen Rohmasse seiner Kunst, gleichsam erkennt er ihre ursprüngliche Perfektion an.

Sein Konzept ist das Ausprobieren: Richter will die Leinwand als Projektionsfläche ausreizen. Wie aus einem Zylinder zaubert er Perspektiven und Inhalte hervor, denen der Betrachter verblüfft gegenübersteht. Wie in seinen Spiegel- und Fensterbildern, in denen man sich selbst sieht und für einen Moment zum Motiv des Malers wird.

Richter bezeichnet seine Arbeiten als "Allerweltsbilder". Ein vornehmes Understatement, wohl wissend, dass die Kunstwelt passioniert widerspricht. Aber die Sorge, er könnte es sich mit 80 Jahren und seinem Erfolg bequem machen, ist ohnehin unbegründet: Für den Ruhestand ist Gerhard Richter zu neugierig - auf die Möglichkeiten der Malerei.


"Panorama", 12.2.-13.5. in der Neuen Nationalgalerie Berlin; "Gerhard Richter - Editionen 1965-2011", 12.2.-13.5. im Me Collectors Room Berlin, Stiftung Olbricht

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