Kunstausstellung "Psycho": Blutige Tränen

Von Ingeborg Wiensowski

In Hamburg zeigt die Sammlung Falckenberg in der Ausstellung "Psycho" Bilder der Amerikanerin Ena Swansea und des Finnen Robert Lucander - Malerei mit gespenstischem Lebensgefühl und abgründigen Gefühlslagen.

Wer in die neue Ausstellung "Psycho" der Deichtorhallen in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg kommt, sollte gleich den Wandtext durchlesen. Hier erklärt nämlich der Sammler Harald Falckenberg, warum er diesen Titel gewählt hat und warum er gerade die Werke von Robert Lucander aus Finnland und Ena Swansea aus den USA zusammen ausstellt. "Psycho" sei "die Formel für das Unheimliche, Obzessive, der Traumata, Phobien und hysterischen Zustände", steht da, und dass die Ursachen von Katastrophen über persönliche Dramen bis zu den großen Auseinandersetzungen um Religion, Politik und Wirtschaft reichen.

"Maler befassen sich oft nur im Unterbewusstsein mit tief verankerten düsteren Zusammenhängen unserer Geschichte", sagt Falckenberg und zitiert die Sätze des Malers Gerhard Richter: "Malen ist eine andere Form des Denkens. Mich interessiert nicht, was erklärt werden kann." Das genau sei der Ausgangspunkt, daran habe er vor den Bildern von Swansea und Lucander gedacht, obwohl beide völlig verschiedene Ausdrucksweisen hätten.

Lange habe er mit den Künstlern über die persönlichen Hintergründe für ihre Bilder gesprochen. Lucander, Finne schwedischer Herkunft, bewegt die lange, traurige Geschichte seines Landes und die Suche nach der eigenen Identität. Swansea, aus einer US-Südstaaten-Familie stammend, wollte sich anfangs nicht äußern, hat die Hintergründe ihrer künstlerischen Arbeit dann aber für Falckenberg in einem Text zusammengefasst, der auch im Ausstellungskatalog zu lesen ist: Ihr Urgroßvater war der berühmte Hassprediger Thomas Dixon, eines seiner Bücher war die Vorlage für David W. Griffiths legendären Film "The Birth of a Nation", den viele bis heute als rassistische Propaganda identifizieren. Ihre Mutter verband eine lebenslange Freundschaft mit dem Dichter Ezra Pound, der während des Zweiten Weltkriegs in Italien als antisemitischer und antiamerikanischer Hetzredner auffiel und deswegen später in den USA für lange Jahre in eine Heilanstalt gesperrt wurde.

Kreideweiße Arme und dunkle Schatten

An einer analytischen Auseinandersetzung mit geschichtlichen und familiären Zusammenhängen seien beide Künstler aber nicht interessiert, "ihr Ausweg ist die Kunst als eine Form der Vergangenheitsbewältigung und zugleich persönliches Workout", schreibt Falckenberg im Katalog. Auf drei Stockwerken sind die Zeugnisse zu sehen: 37 Gemälde von Swansea und 58 Malereien und neue Aquarelle von Lucander. In der ersten Etage hängen ihre Bilder nebeneinander oder in direktem Sichtkontakt, in zwei weiteren Stockwerken sind die Werke der Künstler rechts und links des Treppenaufganges jeweils getrennt von einander zu sehen.

Swanseas Gemälde findet Falckenberg schon lange "wunderbar", weil sie "so schräg sind" und offensichtlich den Bezug zu Dingen hätten, die sich im Unterbewussten abspielen. Daher sei ihre Malerei "wenig gesteuert und überhaupt nicht konstruiert". Melancholie, Angst oder Rätselhaftes und offensichtlich Böses bestimmen die Szenen in Swanseas Bildern.

Auf ganz andere Weise rätselhaft sind die Arbeiten von Lucander. Er verarbeitet in seinen Bildern Vorlagen aus Nachrichten- und Modemagazinen und malt deren Protagonisten in ihren Haltungen, Gesten und Posen, oft schablonenhaft, in klaren Farben und mit harten Kanten. Er verfremdet ihre Mimik, Gesichter und Körper, verdoppelt Augen, Arme, Hände, Köpfe, zieht die Körperteile auseinander, spiegelt sie und versieht sie mit dunklen Schatten. Kreideweiße Arme und Beine stehen gegen schön ausgemalte Kleider.

Oft teilt Lucander die Bilder, stellt so die Personen nicht als Ganzes dar, sondern versetzt sie so, dass sie nur noch partiell wahrgenommen werden können. Aus Mündern oder Augen rinnt Farbe wie ein blutiger Tränenstrom, Stimmungen malt er nur durch den Ausdruck des Mundes in ein Gesicht ohne Nase. Seine Figuren stehen mechanisch und verloren wie auf einer Theaterbühne, in einer Welt, in der sich niemand zu Hause fühlen kann. Lucander malt die maskenhaften Menschenbilder auf Holz, oft mit sichtbarer Maserung.

Gespenstisches Lebensgefühl

Swansea stellt vorwiegend große Formate aus. Ein Bild zeigt zarte, schneebedeckte Zweige, die sich in fahlem Licht zu einem Dach über einer Straße flechten. Das zwischen dem Gestrüpp isoliert stehende große Haus mit den Worten "World Savings" am Dach ist die zweitgrößte Bank Amerikas und steht in Charlotte, dem Geburtsort Swanseas in North Carolina. Die gleiche graugrünblaue Farbigkeit, die Swansea mit einer Graphit-Grundierung erreicht, hat auch das Bild "supermodel", von dem man nicht weiß, ob darauf ein Baumstamm zu sehen ist oder vielleicht zwei Beine und der Unterleib eines Menschen.

Swansea malt aus der Erinnerung, ihre realistischen Sujets können immer für etwas anderes stehen, das unsichtbar ist und in der Phantasie des Publikums entsteht. Was malt man sich für Geschichten vor dem Bild aus, auf dem ein kleiner Junge in grünem Pullover auf einen kahlen Baum geflohen ist und sich dort an die Äste klammert, weil ihn ein Mann mit einer Säge bedroht? Das Kind mit dem lockigen Haar, das oft in Swanseas Gemälden auftaucht, ist ihr Sohn Dylan. Auf einem ihrer Bilder steht er allein im Gang eines Busses, frontal dem Betrachter gegenüber. Von den Sitzreihen sind die Rückenlehnen zu sehen, nur ein Platz ist besetzt - größere Verlorenheit ist kaum vorstellbar. In einer anderen Szene liegt er schlafend in einem viel zu großen schwarzen Bett, während über ihm kopfüber jemand von der Decke herabhängt. Bedrohlich wirken auch die Bilder von Wassermassen, Wellen und Strudeln, in denen manchmal Boote oder Menschen schwimmen, verloren und klein.

Beklemmend und traurig sind die Bilder von Swansea und Lucander, aber immer virtuos und effektvoll gemalt. Und von einer Suggestivkraft, die einen diese Ausstellung nicht so schnell vergessen lässt.


Ausstellung Deichtorhallen Hamburg - Sammlung Falckenberg (Hamburg-Harburg): Psycho - Ena Swansea und Robert Lucander. Bis 25.3.2012

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