Kunstbiennale in Venedig Diese Pavillons müssen Sie gesehen haben

Heute eröffnet die wichtigste Kunstausstellung der Welt, die Biennale in Venedig. 86 Länder zeigen in ihren Pavillons das Beste, was sie zu bieten haben. Sehen Sie hier die Highlights.

Anne Imhof/ Foto: Nadine Fraczkowski

Von , Venedig


Venedig liebt die Kunst, und das ist gut so, denn nun ist wieder die Zeit der Kunst-Invasion. Es ist rammelvoll in der Lagunenstadt, die Hotels sind bis aufs letzte Zimmer ausgebucht. Die Gäste sehen in diesen Tagen ein wenig anders aus als sonst. Statt Rentnerbeige tragen sie Künstlerschwarz, statt Rucksäcken und Turnschuhen sieht man Vollbärte, knallrote Lippen und Haute Couture. Künstler, Sammler, Museumsleute und Kunstliebhaber schieben sich durch die engen Gassen, sie lassen die Kreuzfahrt-Touristen an der Rialtobrücke und dem Markusdom hinter sich und haben nur ein Ziel: die Giardini, die Gärten im Osten der Insel.

In dem Park, den einst Napoleon anlegen ließ, stehen die 29 herrschaftlichen Nationalpavillons, in denen die Länder mit ihrer Kunst nun bis Ende November um Aufmerksamkeit buhlen. Es gibt 60 weitere Ländervertretungen im Arsenale-Hafen neben der Hauptausstellung und über die Stadt verteilt, doch die Präsentationen in den Giardini sind der Hauptmagnet einer jeden Biennale. Alles anzuschauen auf einer Biennale, das schafft keiner. Lesen Sie deshalb hier, welche Pavillons Sie auf keinen Fall verpassen dürfen.

Phyllida Barlow/ Foto: Ruth Clark

Großbritannien: Phyllida Barlow

Phyllida Barlow ist eine große Nummer in der Kunstwelt, doch die Bildhauerin auf die Biennale einzuladen, das hatten die Briten bisher versäumt. Nun zeigt Barlow in der Ausstellung "folly" ihre ungewöhnlichen großformatigen Skulpturen aus Draht, Sperrholz, Schaumstoff und Textilien endlich auch in Venedig. Die Installationen, die teilweise an bekannte Formen wie einen Flügel oder einen Balkon erinnern, scheinen in der Barlow-Dimension allerdings den nicht gerade kleinen britischen Pavillon zu sprengen, einige der Arbeiten reichen über Räume hinaus oder befinden sich außerhalb des Gebäudes. Graue Kolosse setzen sich dabei dramatisch von ihren fröhlich-pastelligen Wandverkleidungen ab.

Anne Imhof/ Foto: Nadine Fraczkowski

Deutschland: Anne Imhof

Lange Schlangen bildeten sich vor dem Deutschen Pavillon zu seiner Eröffnung, stundenlang durfte keiner das Gebäude betreten, und ob noch eine Performance stattfinden würde, das konnte niemand sagen. Als sich dann die ersten Besucher dem neuen Werk Anne Imhofs mit dem schwerwiegenden Titel "Faust" nähern durften, befanden sie sich sogleich mittendrin: Imhof hat einen Glasboden in den Pavillon einziehen lassen, ihr Fünf-Stunden-Stück über persönliche und territoriale Grenzen, über Angriff und Abwehr, über Konsum und Kontrolle kann damit unter und zwischen den Betrachtern stattfinden, aber auch auf Podesten über den Köpfen und auf dem Dach des Pavillons. Gegen das Glas gepresst verformen sich die Körper ihrer Darsteller zu fleischigen Massen, während Performer und Hunde in dieser beschränkten Welt die Rollen tauschen. Am Ende hat sich der Aufwand gelohnt: Der von Imhof gestaltete Pavillon ist mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden. Er erhielt den Hauptpreis für den besten nationalen Beitrag.

Tracey Moffatt

Australien: Tracey Moffatt

Die Foto- und Videokünstlerin Tracey Moffatt zeigt in ihrer Ausstellung "My Horizon" fotografische Geschichten, die von Sehnsucht erzählen und dem, was wir nicht erreichen können. Ihre neuen Werkserien "Body Remembers" und "Passage" vermengen persönliche Erfahrungen mit Fiktion, aus ihnen spricht eine traumähnliche Symbolik der Melancholie und Einsamkeit, kombiniert mit einer Ästhetik der Fünfzigerjahre in Sepiatönen, es finden sich aber auch düstere Vorahnungen und Pessimismus wie im Film noir. Zwei Jahre arbeitete die Künstlerin an den Serien, die im Siebdruck-Verfahren zu Papier gebracht wurden.

Cody Choi/ Foto: Riccardo Tosetto

Korea: Cody Choi und Lee Wan

Mit seinen leuchtenden Neonröhren gleicht der koreanische Pavillon in diesem Jahr einem Kasino in Las Vegas. Die Installation "Venetian Rhapsody" des Konzeptkünstlers Cody Choi ist eine der schrillsten in diesem Jahr in den Giardini. Pop und Trash Art treffen bei Choi auf Verweise auf die gesamte Kunstgeschichte, er verfremdet und kopiert, was das Zeug hält. Die Doppelausstellung "Counterbalance. The Stone and the Mountain" gemeinsam mit dem Bildhauer und Performance-Künstler Lee Wan beschäftigt sich mit der Frage, wie das Schicksal des Einzelnen zu nationaler Historie beiträgt, und zeigt dazu Werke der Künstler über drei Generationen und drei geografische Regionen.

Dirk Braeckman/ Courtesy of Zeno X Gallery

Belgien: Dirk Braeckman

Während es in den Giardini surrt vor Geschäftigkeit und andere Länderpavillons mit großen Gesten um Aufmerksamkeit buhlen, begegnet dem Besucher in der belgischen Präsentation für einen kurzen Moment Stillstand, Ruhe und Verharren in den Schwarz-Weiß-Fotografien Dirk Braeckmans. Mittels analoger Technik hat er eine Bildsprache entwickelt, die sich auf den Akt des Betrachtens bezieht: Es geht um Oberflächen, Texturen und Muster auf Wänden, Vorhängen oder Teppichen. Undefinierte Räume und Landschaften, die meisten davon menschenleer, hin und wieder ein nacktes Körperteil. Weder einzelne Werke noch die Ausstellung tragen Titel - Braeckman ist die leise, aber eindringliche Gegenstimme der bombastischen Biennale.

Erwin Wurm/ Foto: Eva Wu¿rdinger

Österreich: Brigitte Kowanz, Erwin Wurm

Mit voller Kraft auf die Nase gefallen scheint der riesige umgestürzte Truck, der alle Blicke auf den österreichischen Pavillon lenkt. Hier haben sich in diesem Jahr zwei hochkarätige Künstler ausgetobt: Der Aktions- und Objektkünstler Erwin Wurm lädt den Besucher ein, an seinen "One Minute Sculptures" teilzunehmen, die er durch Handlungsanweisungen auf Möbelstücken und einem durchlöcherten Wohnwagen inszeniert. Für die Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz hat sich der Pavillon einen "Light Space" genannten Anbau gegönnt, dort erweitert die Künstlerin den realen Raum durch künstliches Licht und Spiegel um zahllose weitere virtuelle Räume.

Mark Bradford/ Courtesy Hauser & Wirth/ Foto: Joshua White

USA: Mark Bradford

Die Welt Mark Bradfords betritt man durch die Seitentür, er lenkt weg vom neoklassizistischen Aufgang, der mit seinen Säulen an das Weiße Haus erinnert. Bradford hat mit seinem Biennale-Beitrag "Tomorrow is Another Day" die Tradition des Pavillons verändert, das Gebäude verbaut, seine wuchtigen Installationen beengen einige der Räume derart, dass nur ein Besucher zur Zeit sich daran vorbeischieben kann. Daneben zeigt er seine abstrakten Großformate, die von oben auf Großstadtdschungel zu schauen scheinen, für sie verwendet Bradford Materialien, die er auf der Straße findet, weil sie für ihn ein soziales Gedächtnis haben.

Lisa Reihana

Neuseeland: Lisa Reihana

Eine imperialistische Panoramatapete bildete den Ausgangspunkt für das neue Werk der Multimedia-Künstlerin Lisa Reihana. In ihrem großformatigen Mehrkanal-Video "In Pursuit of Venus (infected)" arrangiert sie Seefahrer-Motive aus Darstellungen von Reisen Thomas Cooks aus dem frühen 19. Jahrhunderts mit realen Darstellern neu. Die 250 Jahre alten Bilder erwachen in ihrem Biennale-Beitrag "Emissaries" auf dem Arsenale-Gelände wieder zum Leben, dadurch verändern Fiktion, Historie und Mythologie ihr Kräfteverhältnis. Es ist ein feinfühliger, nachdenklicher Beitrag: Wie stark bestimmen damalige Klischees heute noch unser Denken?

Candice Breitz & Mohau Modisakeng/ La Biennale di Venezia

Südafrika: Candice Breitz und Mohau Modisakeng

Was ist Empathie? Wie entsteht Mitgefühl? Das fragt die in Berlin lebende und lehrende Künstlerin Candice Breitz in ihrer Video-Installation "Love Story" auf der Biennale. Breitz untersucht oft in ihrer Videokunst komplexe soziale Zusammenhänge, in ihrem jüngsten Werk holte sie sich die Hollywoodschauspieler Alex Baldwin und Julianne Moore an Bord und verschafft ihrem Inhalt damit besonderes Gehör: Baldwin und Moore erzählen reale Fluchtgeschichten von Menschen aus Syrien, Somalia und dem Kongo. Der im Township Soweto geborene Mohau Modisakeng befasst sich in seiner neuen Arbeit "Passage" mit Südafrikas postkolonialer Geschichte und der Frage sozialer und politischer Anerkennung.



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xchdav 13.05.2017
1. Über Kunst läßt sich bekanntlich streiten
Wir haben heute, wie schon mehrfach, die Publikumseröffnung der Biennale besucht und sind auch diesesmal wieder begeistert, wenn vielleicht auch nicht so, wie bei früheren Biennalen. Die Rezension befriedigt uns, Familie mit erwachsenem Sohn, insofern nicht, als die nach unserem einhelligen Urteil eindrucksvollste Installation im Russischen Pavillion darin keine Erwähnung findet.
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