Kunstfund in München Was wird aus dem Bilderschatz?

Wem gehören die Kunstwerke aus der Wohnung in München-Schwabing? Nach dem Sensationsfund haben sich bereits potentielle Besitzer gemeldet, doch sie werden es nicht leicht haben. Ein Blick auf die komplizierte Rechtslage.


Die Ausmaße des Kunstschatzes, der in einer Münchner Wohnung gefunden wurde, sind nun bekannt: Es handelt sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Augsburg um 121 gerahmte und 1285 ungerahmte Werke. Viele davon stammen aus der klassischen Moderne, aber längst nicht alle: hier ein Überblick über die bisher genannten Arbeiten.

Gefunden wurden die Bilder bei dem inzwischen 79-jährigen Cornelius Gurlitt. Doch völlig offen ist, was nun aus ihnen wird. Seit der Fund öffentlich wurde, haben sich bereits potentielle Anwärter auf den Besitz einzelner Werke zu Wort gemeldet.

Zunächst sollte unterschieden werden zwischen drei Kategorien von Werken, die sich in dem Kunstschatz befinden:

  • von den Nationalsozialisten als "entartete Kunst" gebrandmarkte Werke,
  • aus Museen entfernte oder aus dem Besitz von jüdischen Sammlern und Kunsthändlern entwendete Werke (Raubkunst)
  • sowie nach dem Zweiten Weltkrieg erstandene Werke.

Letztere müsste Gurlitt am Ende der Ermittlungen zurückerhalten. In den anderen beiden Fällen ist die Lage komplizierter.

"Entartete Kunst": Als "entartet" diffamierte das NS-Regime Kunstwerke, deren Ästhetik nicht in das von den Nationalsozialisten propagierte Menschenbild passte. 1937 zeigten die Nazis in München die Propagandaschau "Entartete Kunst" mit zuvor in mehr als hundert deutschen Museen beschlagnahmten Werken. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte die Museen aufgefordert, ihre Sammlungen von "undeutschen" Werken zu "säubern".

Cornelius Gurlitts Vater Hildebrand Gurlitt war einer von vier Kunsthändlern, die der NS-Staat mit dem Verkauf "entarteter Kunst" beauftragt hatte: Für Devisen sollten sie die Werke ins Ausland veräußern. Weit über 300 Bilder in der Schwabinger Wohnung seien als verschollen geglaubte Werke der Aktion "Entartete Kunst" identifiziert worden, schreibt der "Focus".

"So moralisch unhaltbar die Verfolgung 'entarteter Kunst' auch gewesen ist, aus juristischer Sicht kann keine Restitution verlangt werden", schreibt der Rechtsexperte Carl-Heinz Heuer. Beschlagnahmungen aus Museen und der Verkauf der Werke waren demnach trotz aller Verwerflichkeit Rechtsakte. Denn der NS-Regime war Eigentümer der Kunstschätze deutscher Museen und konnte laut Heuer frei darüber entscheiden, was damit geschehen sollte.

Juristisch legitimiert wurde die Beschlagnahme zudem durch das Einziehungsgesetz von 1938. Nach Kriegsende hatten sich die Alliierten gegen die Aufhebung dieses Gesetzes entschieden, um Käufern auf dem Kunstmarkt Rechtssicherheit zu geben. Eine Rückforderung direkt von den Museen dürfte also kaum Erfolg haben.

"Raubkunst": Schwieriger ist die Lage beim einstigen Besitz verfolgter jüdischer Sammler und Galeristen. Um Werke aus den Sammlungen etwa von Alfred Flechtheim oder Max Stern werden heute erbitterte Rechtsstreitereien geführt. Immer öfter wird die NS-Raubkunstkommission der Bundesregierung zur Schlichtung angerufen. Denn sind die Restitutionsfragen rechtlich nicht mehr eindeutig zu klären, rückt die moralische Dimension in den Vordergrund. Zu "fairen und gerechten" Lösungen beim Umgang mit NS-Raubkunst hatten sich viele Staaten, auch die Bundesrepublik, 1998 verpflichtet.

Die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim wollen den spektakulären Münchner Kunstfund nach weiteren Arbeiten aus dem ehemaligen Flechtheim-Besitz überprüfen lassen. Es bestehe der begründete Verdacht, dass in der Sammlung Gurlitt noch mehr Werke aus dem unter NS-Druck aufgelösten Flechtheim-Bestand seien, erklärten die beiden Erben nach Angaben ihres Anwalts.

Die Erben verwiesen auf das Bild "Löwenbändiger" von Max Beckmann. Der Gurlitt-Sohn Cornelius hatte es 2011 über das Kölner Auktionhaus Lempertz versteigern lassen wollen. Nachdem die Experten dort jedoch auf die Herkunft aufmerksam wurden, brachten sie zuvor eine Einigung zwischen Gurlitt und den Flechtheim-Erben auf den Weg. Ein Vorbild für weitere Verhandlungen?

"Ganze Sammlung mit einem Makel behaftet"

Doch zunächst steht die ausgesprochen mühselige Arbeit an, für jedes einzelne Bild die Herkunftsgeschichte zu rekonstruieren. Meike Hoffmann von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" der Freien Universität Berlin ist mit der Prüfung der über 1400 Objekte nach gut eineinhalb Jahren erst am Anfang. Sie habe stichprobenartig damit begonnen, die Werke zuzuordnen, sagt die Kunsthistorikerin. Wie lange die Recherche noch dauert, ist unklar. "Viele Werke werden eventuell auch nicht eindeutig identifizierbar sein."

Die Staatsanwaltschaft macht sich allerdings angesichts der komplizierten Rechtslage ihre Gedanken. Etwa, ob es möglich ist, Gurlitt die Beweislast dafür aufzubrummen, dass er rechtmäßiger Eigentümer ist. Schließlich gibt es Werke in der Sammlung, die in Unterlagen als vernichtet oder veräußert angegeben wurden. "Aufgrund dieser Umstände ist diese ganze Sammlung erst mal mit einem Makel behaftet", sagt Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz.

Was die Rechtslage auch nicht einfacher macht, ist, dass Gurlitt wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche von den Alliierten zuvor beschlagnahmte Werke zurückerhielt, von denen er offenbar behauptet hatte, sie würden zu seinem Privatbesitz gehören.

Sicher ist fürs Erste also nur: Wo die Bilder jetzt sind, soll vorerst ein Geheimnis der Zollfahnder bleiben. Sie seien "jedenfalls nicht in unserem Depot in Garching", erklärt Siegfried Klöble vom Zollfahndungsamt in München.

feb/dpa/AFP

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mittagspause 06.11.2013
1. realistische Betrachtung
Bis der Besitz aller Bilder geklärt ist wird Hr. Gurlitt wohl nicht mehr leben. Wenn man die bisherigen Verfahren ansieht, dann redet man nicht über Jahre sondern Jahrzente. An gestohlenen Dingen kann man kein Eigentum erwerben und selbst ein "ersitzen" setzt voraus, dass man es im "guten glauben" erworben und 30 Jahre besessen hat. Aber dann hätte Vater Gurlitt wohl nicht bei einem Teil der Bilder angegeben, dass sie in der Dresdner Wohnung verbrannt seien. Selbst wenn Hr. Gurlitt die Bilder legal besessen hat, dann hätte er sie von seinem Vater geerbt, bei einem Schätzwert von 1 Milliarde Euro wären wohl mehrere 100 Mio Euro an Erbschaftssteuer fällig gewesen, allein Steuerhinterzeihung in dieser Höhe führt zwangsläufig ins Gefängnis, zur Nachzahlung der Steuer und Strafe in gleicher Höhe.
xysvenxy 06.11.2013
2. Leihgaben für Museen
Und was ist jetzt so kompliziert daran all diese Bilder nach ihrer Katalogisierung als Leihgaben an Museen zu geben damit die Öffentlichkeit die Chance erhält diese Meisterwerke sehen zu können?
DrGrey 06.11.2013
3.
Zitat von xysvenxyUnd was ist jetzt so kompliziert daran all diese Bilder nach ihrer Katalogisierung als Leihgaben an Museen zu geben damit die Öffentlichkeit die Chance erhält diese Meisterwerke sehen zu können?
Dann könnte man praktisch auch jeden Privatsammler enteignen und dessen Kunstwerke Museen zu verfügung stellen. Ja selbst einem Maler könnte man seine Bild konfiszieren, mit dem Hinweis auf höheres Interesse.
carlitom 06.11.2013
4. Naiv
Zitat von xysvenxyUnd was ist jetzt so kompliziert daran all diese Bilder nach ihrer Katalogisierung als Leihgaben an Museen zu geben damit die Öffentlichkeit die Chance erhält diese Meisterwerke sehen zu können?
Ist die Frage ernst gemeint? Sind Sie wirklich so kindlich im Denken? Solange gar nicht geklärt ist, wem die Bilder gehören, darf sie auch niemand einfach so ausstellen und damit über sie verfügen, von ihnen profitieren etc.. Das muss doch einleuchten. Jedem.
Galgenstein 06.11.2013
5. Das blöde ist nur
dass die Gesetze, die in der Nazizeit den wie auch immer gearteten Erwerb legalisierten, nie angefochten wurden. Museen würden das Knieschlottern bekommen, da die Provenienz von vielen Bildern höchst umstritten ist. Auch der Umstand, dass diese Werke heute auf diese Weise der Öffentlichkeit zugänglich sind, kann diesen Missstand nicht heilen. Gibt er niemandem, der Ansprüche geltend macht oder machen kann, aus welchen Gründen auch immer, dann gehören diese Werke Herrn Gurlitt, ob uns dies nun passt oder nicht. Dies gilt insbesondere für die Werke, die seinerzeit schon in Museen hingen und von dort als entartet entfernt wurden. Einige davon wurden an ausländische Museen verkauft, andere eben an Herr Gurlitt sen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.