Kunstkenner Thomas Olbricht Sammeln aus Sucht und Sehnsucht

Mit Briefmarken und Matchbox-Autos fing er an, heute sammelt Thomas Olbricht Kunst: Arbeiten von Stars wie Andreas Gursky, Daniel Richter und Maurizio Cattelan, aber auch Käferpräparate, Sanduhren und Totenschädel. Nun eröffnet er ein Ausstellungshaus in Berlin.


Die Auguststraße war vor ein paar Jahren noch die Kunstmeile der Kunsthauptstadt Berlin, dank der Ausstellungsinstitution Kunst-Werke und wichtiger Galerien. Heute werden Touristengruppen durch die Straße geführt, aber die Galerien der ersten Stunde sind weggezogen. Nur Judy Lybke mit Eigen+Art ist geblieben.

Nun bekommt Lybke wieder Verstärkung: In der Auguststraße 68, zwischen den Kunst-Werken und dem größten innerstädtischen Fußballplatz Europas, eröffnet am Wochenende die Sammlung Olbricht aus Essen ihren "Me Collectors Room Berlin". Und zwar in einem Neubau, gegen den eine "Betroffenenvertretung" vor drei Jahren Unterschriften von Anwohnern sammelte, weil die Sanierungsplanung eigentlich ein Haus mit 80 Prozent Wohnbebauung vorsah. Außerdem fand man das geplante Gebäude des Sammlers zu hoch, zu groß, zu klotzig.

Jetzt steht es, höher und größer als alle anderen Gebäude in der Auguststraße, aber mit weniger Raum als geplant für die Sammlung und mehr für luxuriösen Wohnraum, der vermietet wird. Olbricht ist damit zufrieden, er sei heute für die Auflagen der Ämter "dankbar", alles sei viel zu groß gewesen.

Thomas Olbricht, 62, Sammler und Bauherr, Wissenschaftler, Arzt, ehemaliger Vorsitzender des Aufsichtsrates der Wella AG und Erbe, spricht am liebsten über seine Kunst. Aber er erzählt auch über sich: von Sammlervorbildern in der Familie und wie seine Sammlerleidenschaft begann. Schon als Kind habe er Briefmarken und Matchbox-Autos gesammelt, seit über 40 Jahren kaufe er nun Kunst - alte und klassische Moderne, Jugendstilobjekte, Zeitgenössisches. Sammeln sei für ihn eine "Sehnsucht und eine Sucht, die ihr Recht fordert".

Werke zu Liebe, Sex und Tod

Rund 2500 Werke besitzt Olbricht. Vom Thematischen - Liebe und Tod, Sexualität und menschlicher Körper - geht er aus, wenn er kauft, oft mit spontaner Begeisterung. Die meisten seiner Arbeiten sind figurativ, in der Mehrzahl von Künstlerinnen. Das alles sei kein Programm und kein Plan, das habe sich so ergeben, sagt Olbricht.

Seine erst Schau im neuen Haus hat sein langjähriger Berater Wolfgang Schoppmann kuratiert. "Passion Fruits" heißt sie und beginnt schon im Eingangscafé mit 27-mal "Liebespaare" der jungen Corinne von Lebusa, einem Filmstill von Cindy Sherman und Gemälden von Herbert Brandl und Uwe Henneken. Im "Me Shop" liegen Kataloge neben T-Shirts und Gläsern, die Künstler gestaltet haben. Von hier aus geht es in die Sammlung, und zwar zuerst nach oben zu den Wunderkammern, die früher Beweise für Ruhm und Reichtum ihres Besitzers waren.

In Vitrinen sind kleine Objekte aus der Renaissance und dem Barock ausgestellt, wahre Wunder zum Staunen wie die kleine Figur aus Elfenbein aus dem 18. Jahrhundert, deren Körper man öffnen kann. Es gibt goldgefasste Warzenschweinhauer, Käferpräparate, Dosen in Sargform, einen Kirschkern mit Gesicht, Sanduhren, einen Gevatter Tod aus dem Besitz von Yves Saint Laurent, Totenschädel, einen Schrumpfkopf und die weltweit größte Sammlung geschnitzter Wendeköpfe mit mehreren Gesichtern aus Elfenbein, Knochen und Holz.

Olbricht sei jemand, der "Stillstand zu umgehen versucht", sagt seine Direktorin Julia Rust, auch den Stillstand in der Einseitigkeit. Das erklärt vielleicht die Armada von kleinen roten Feuerwehrautos in der Wunderkammer.

Skulptur aus Penissen

Oben, neben der Wunderkammer, geht es in eine "Lounge" mit bequemen Sesseln und Sicht auf das Eingangscafé, dann wieder runter in die zwei großen Ausstellungshallen. "Jugendgefährdend" müsste wahrscheinlich am kleinen Durchgangsraum stehen, weil die Skulptur "Chocolate narcissus" von Tim Noble & Sue Webster aus Penissen besteht - die sind allerdings so beleuchtet, dass ihr Schatten die Profile der Künstler an der Wand abgibt.

In der Halle wird man von Großformaten, viel Glitzerspray und schriller Buntheit fast erschlagen: "Jackie" von Andy Warhol sieht neben dem glatten, popfarbigem Porträt des Chinesen Feng Zengjie diskret aus. Das riesige Porträt Michael Jacksons als reitender Ritter in Rüstung hat der King of Pop kurz vor seinem Tod selbst in Auftrag gegeben, aber nie gesehen, Olbricht kaufte es auf der Art Basel Miami.

Viele der Künstler kennt man nicht: Olbricht liebt es, junge Positionen selbst zu entdecken, und kümmert sich nicht um den Mainstream des Kunstmarktes. Aber das heißt nicht, dass er nicht auch Arbeiten angesagter Künstler wie Andreas Gursky, Daniel Richter, Elmgreen & Dragset, Maurizio Cattelan, John Currin und Glenn Brown besitzt.

In den drei geplanten Wechselausstellungen jährlich wird man sehen, wie sich die Sammlung von anderen Sammlungen unterscheidet. Olbricht gibt sich selbstbewusst: "Ich habe eine Position und muss mich nicht positionieren."


Ausstellung "Me Collectors Room Berlin". Berlin, Sammlung Olbricht. Ausstellung: "Passion Fruits" und "Wunderkammer Olbricht". 1.5.-12.9., Tel. 030/86 00 85 10.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Ernst Wurscht 27.04.2010
1. Wieder ein Fall von
zu viel Geld, zu wenig Geschmack.
join3 27.04.2010
2. hinter dem jubel her
Zitat von sysopMit Briefmarken und Matchbox-Autos fing er an, heute sammelt Thomas Olbricht Kunst: Arbeiten von Stars wie Andreas Gursky, Daniel Richter und Maurizio Cattelan, aber auch Käferpräparate, Sanduhren und Totenschädel. Nun eröffnet er ein Ausstellungshaus in Berlin. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,691308,00.html
sammler sind langweiler. stets mit galeristen im gefolge hinter hochgejubelten künstlern her, niemals alleine in den fantastischen niederungen die verborgenen diamanten jagend.die gibt es und sie werden eines tages sehr teuer sein - und uninteressant. die benötigten suchtentakel werden leider nicht in der hochglanzpresse geliefert.1
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