Preis der Nationalgalerie Berliner Frauen unter sich

Der Berliner Kunstpreis der Nationalgalerie setzt politische Akzente: Zum Einzug der AfD in den Bundestag bilden vier Frauen nichtdeutscher Herkunft den deutschen Kunst-Nachwuchs.

David von Becker

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Sie fertigen Skulpturen, errichten Gebäude, erstellen animierte Bildcollagen und politische Filme, sie sind nichtdeutscher Herkunft und leben alle in Berlin: Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska heißen die Hoffnungsträgerinnen des Kunststandortes Deutschland. So zumindest sieht es die Jury des Kunstpreises der Berliner Nationalgalerie. Eine Auswahl der Werke dieser vier Künstlerinnen sind nun in der Shortlist-Schau im Hamburger Bahnhof Berlin.

Die alle zwei Jahre vergebene Auszeichnung der Nationalgalerie gilt als eine der wichtigsten im Bereich junger Kunst und prämiert Künstler unter 40 Jahren, die in Deutschland leben und arbeiten. Der Preis wird in diesem Jahr am 20. Oktober verliehen und ist mit einer Einzelausstellung samt Katalog für die Preisträgerin dotiert.

Die Auswahl der Jury setzt diesmal deutliche Akzente und damit auch ein politisches Signal: Sie entschied sich erstmalig für vier Frauen und ausschließlich für Künstlerinnen nichtdeutscher Herkunft. Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska arbeiten mit Konzepten jenseits der Malerei und medienübergreifend. In ihrer Kunst nehmen sie oft Bezug auf gesellschaftliche Prozesse, alle vier thematisieren auch ihre Herkunft. Dass alle Berlin ihren Lebensmittelpunkt nennen, kann als Bestätigung des Kunststandortes gesehen werden.

Die letzte Preisträgerin, Anne Imhof, legte mit der Ehrung der Nationalgalerie eine Blitzkarriere hin: Sie konzeptionierte die dreiteilige, opernhafte Choreographie "Angst", bespielte daraufhin den deutschen Pavillon der Venedig-Biennale und gewann dort den Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag.

Das sind die Nominierten 2017:

Die Palästinenserin Jumana Manna wurde 1982 in Princeton, USA, geboren und stellt in Berlin ihren Film "A Magical Substance Flows into Me" sowie Skulpturen aus. Darin untersucht sie die Wechselwirkung von sozialen und politischen Machtgefügen aus einer persönlichen und oft auch humorvollen Perspektive. Manna studierte in Los Angeles und Oslo, heute arbeitet sie in Berlin und Jerusalem. Im Film widmet sie sich den Musiktraditionen der rund um Jerusalem lebenden Ethnien, unter anderem Beduinen, Kopten, Kurden und Juden.

Auch Iman Issa beschäftigt sich damit, wie geerbte Kultur heute wahrgenommen wird. Ihre minimalistischen Skulpturen der Werkreihe "Heritage Series" abstrahieren Gegenstände aus Museen, Denkmäler oder archäologischen Fundstücke. Dazu beschreibt sie jeweils das originale Werk, ohne ihre Quelle direkt zu nennen. Issa wurde 1979 in Kairo geboren, studierte an der New Yorker Columbia University und lebt in Berlin und New York.

Die Videoarbeiten von Agnieszka Polska sind animierte Bildcollagen und aus vorgefundenem Material aus dem Internet. Kulturelle Codes der Gegenwart, Erinnerung, die Rolle von Sprache und die Konstruktion von Geschichte sind die Themen der zwei nun in Berlin gezeigten Filme, die auf assoziative Weise eine melancholische, aber auch beunruhigende Stimmung vermitteln. Polska wurde 1985 in Polen geboren, studierte in Berlin bei Filmemacherin Hito Steyerl und war Teilnehmerin der Hauptausstellung der Venedig-Biennale.

Die Rauminstallationen der 1982 in Venezuela geborenen Sol Calero wirken auf den ersten Blick farbenfroh und fröhlich, sie präsentiert eine poppige, wilde Welt aus Kneipen, Wechselzonen, Saunen, Frisörsalons und Büros. Calero konstruiert Orte, an denen sich Menschen begegnen, zitiert dabei lateinamerikanische und karibische Kunst und hinterfragt mit ihren bunten Palmen, Obstschalen oder Vorhängen Begriffe wie "Exotik" oder "Klischee".


Ausstellung: Preis der Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin, bis 14. Januar 2018, Preisverleihung am 20. Oktober



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