Kunstprojekt "2 bis 3 Straßen" Halbe Miete? Keine Miete!

Ein Jahr lang keine Miete zahlen? Das klingt zu schön, um wahr zu sein? Falsch. Das klingt nach Kunst. Der Konzeptkünstler Jochen Gerz will mit seinem Ruhrpott-Projekt "2 bis 3 Straßen" das kreative Potential der Gesellschaft ausloten. Ein spannendes Experiment - bei dem sich jeder bewerben kann.

Von Jenny Hoch


Es sind Straßen, die garantiert nicht im Reiseführer zu finden sind. Unspektakuläre Pflaster wie die Sankt-Johann-Straße in Duisburg zum Beispiel. Schmal, ein paar Läden, renovierungsbedürftige Altbauten mit Multikulti-Flair und voller Familien mit Kindern.

Schwer vorstellbar, dass diese ganz und gar gewöhnlichen Straßen in ein paar Monaten zu einem ganz und gar ungewöhnlichen Schauplatz für ein gesellschaftlich-ökonomisches Experiment werden sollen: In Duisburg, sowie in je einer anderen Straße in Dortmund und Mühlheim werden für ein Jahr insgesamt hundert neue Mieter einziehen - ohne einen Cent Miete zu bezahlen.

Anders, als man vielleicht spontan annehmen würde, handelt es sich hierbei weder um Bewerber für eine neue Staffel von "Big Brother", noch um besonders problematische Sozialfälle. Es sind Teilnehmer des Kunstprojektes "2 bis 3 Straßen", das der Objekt- und Konzeptkünstler Jochen Gerz im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010 initiiert hat. Die neuen Bewohner brauchen dabei nichts weiter tun, als ausgestattet mit diesem "Grundgehalt", ihr Leben ganz normal weiterzuleben - und regelmäßig über ihre Erlebnisse zu schreiben. Alle auf diese Weise entstehenden Texte werden gesammelt und zum Abschluss in einem gemeinschaftlichen Buch veröffentlicht.

Voraussetzungen oder Beschränkungen, um bei diesem wohl einmaligen Projekt mitmachen zu können, gibt es keine - außer dem Willen natürlich, ernsthaft den Wohnort zu wechseln. Bewerben kann man sich bis Mitte Januar 2009 auf der Webseite von "2 bis 3 Straßen", die endgültige Auswahl folgt kurz darauf.

Gerz möchte in den urbanen, inzwischen vom Niedergang des Industriestandortes Ruhrpott gezeichneten Quartieren explizit keine "Künstlerkolonie" ansiedeln und erst recht keine "Reservate für Kreative" schaffen. "Ich will einen Schwamm in die Gesellschaft halten, die Gesellschaft in die Autorenrolle bringen", beschreibt der Künstler, der sich seit den sechziger Jahren einen Namen als Pionier von Kunst im öffentlichen Raum gemacht hat, seinen Traum von demokratischer Kunst im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Nicht zu sehen - und trotzdem da

"Es klingt vielleicht größenwahnsinnig", sagt Gerz, "aber ich habe die Städte einfach gefragt, ob sie mir leerstehende Wohnungen geben". Und siehe da: "Das Interesse war sofort da", und zwar, so der Künstler, "nicht nur von Seiten der Kulturspezialisten, auch beim Planungsdezernat und beim Amt für Städtebau."

Seitdem schlägt sich Gerz, der mit eher verkopften Projekten wie dem Hamburg-Harburger "Mahnmal gegen Faschismus, Krieg, Gewalt" in Form einer zwölf Meter hohen Säule mit Bleiummantelung oder einem Mahnmal gegen Rassismus in Saarbrücken bekannt geworden ist, mit ganz praktischen Vermieterproblemen herum: Wasserrohrbrüchen, Sanierungskosten, Mietverträge.

Laut, monumental oder aufmerksamkeitsheischend war seine Kunst nie. Bei seinem "Mahnmal gegen Faschismus" beispielsweise war das eigentliche Kunstwerk im Nachhinein gar nicht mehr sichtbar: Die Betrachter durften den unteren Teil der Säule mit Botschaften gegen rechts signieren, bevor dieser Abschnitt im Boden versenkt wurde. Und sein Saarbrücker Mahnmal bestand aus Pflastersteinen, in die die Namen der 1933 noch existierenden jüdischen Friedhöfe eingraviert waren, die allerdings allesamt mit der Prägung nach unten eingelassen wurden.

Gerz pflegt die Kunst der Unsichtbarkeit, da tanzt auch "2 bis 3 Straßen" nicht aus der Reihe. "Es wird absolut nichts zu sehen sein", sagt Gerz, und scheint sich allein schon beim Gedanken an Menschenaufläufe und Ausstellungstrubel zu schütteln, "und ich werde mich davor hüten, den dummen August zu spielen". In Anlehnung an Bazon Brocks "Besucherschule" auf der Documenta von 1968 träumt er von einer "Besucherschule für Realität". Denn: "Rubens und Caspar David Friedrich wurden lang genug angeguckt, jetzt ist die Realität dran."

Für den an Event-Kunst gewöhnten Betrachter mag dieses Konzept enttäuschend sein, schließlich verweigert es sich dem klassischen Bildwerk. Doch Gerz' Stärke ist es, einen Dialog mit unterschiedlichen Menschen zu inszenieren und diesen dann zum eigentlichen Kunstwerk zu erheben. Nur Zugucken genügt da nicht, als Künstler will Gerz, der selbst nie ein Atelier besaß, die Verantwortung weitergeben.

Konkret bedeutet das: Alle Teilnehmer, die sich für "2 bis 3 Straßen" qualifizieren, werden von ihm in Ruhe gelassen. Sie bekommen Laptops für ihre Schreibaufgabe, ansonsten brauchen sie sich nicht als lebendige Ausstellungsobjekte zu fühlen. Und wenn ein paar Sozialschmarotzer und schwarze Schafe darunter sind? Gerz zuckt mit den Schultern: "Was soll's, dieses Risiko muss ich eingehen. Ich finde, die Öffentlichkeit ist chronisch unterfordert. Und die Leute spielen gerne."

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