Kunstprozess in Russland Religionskrieg im Gerichtssaal

Der Staatsanwalt spricht von Volksverhetzung - seine Zeugen von Satanismus und Gotteslästerung: In Russland nimmt ein Prozess gegen die Macher einer Kunstausstellung immer bizarrere Formen an. Wegen der gezeigten Werke, die religiöse mit politischen Motiven vermischen, droht ihnen Gefängnis.

Von , Moskau


Die Hände der Frau zittern vor Erregung. "Für das, was diese Menschen getan haben, bin ich bereit, ihnen die Augen auszukratzen!" Die 56-Jährige trägt ein blaues Kopftuch, der Blick darunter ist streng. Ihr Kleid bedeckt den fülligen Körper bis zum Boden. "Es tut mir weh, das anzusehen", stößt die Rentnerin hervor und wendet sich angewidert von den Bildern ab, die der Staatsanwalt vor ihr ausbreitet.

Verletzt eine McDonald's-Reklame mit dem Konterfei Jesu die Gefühle dieser Frau und anderer Christen? Um diese Frage dreht sich der Prozess, der am Freitagnachmittag im Moskauer Taganski-Gericht in die nächste Runde ging. Angeklagt sind Andrej Jerofejew, prominenter Kurator für zeitgenössische russische Kunst, und Juri Samodurow, ehemaliger Direktor des Sacharow-Zentrums. Der Vorwurf: Volksverhetzung. Nach Paragraf 282 des russischen Strafgesetzes drohen den Angeklagten bis zu fünf Jahre Haft. Besonders der wegen einer ähnlichen Ausstellung schon vorbestrafte Samodurow muss fürchten, tatsächlich im Gefängnis zu landen.

Als Gotteslästerung beschimpft die Frau mit dem Kopftuch die Kunstwerke, die im Frühjahr 2007 nur ein paar Kilometer von hier im Sacharow-Zentrum gezeigt wurden. "Verbotene Kunst 2006" hieß die Ausstellung der Bilder, die dabei jedoch von hohen Stellwänden verdeckt wurden. Nur wer durch die kleinen Gucklöcher linste, konnte zum Beispiel eine Ikone erkennen, in deren goldenen Rahmen keine Gottesmutter gemalt war, sondern schwarzer Kaviar. Besonders weh hat den russisch-orthodoxen Zeugen jedoch das Kunstwerk von Wagritsch Bachtschanjan getan: Der Erlöser am Kreuz - mit einem Lenin-Orden als Kopf. Das Bild hat Bachtschanjan Anfang der achtziger Jahre gemalt.

Der größte Teil der 136 Zeugen, die die Anklage seit April dieses Jahres aufbietet, haben die Ausstellung freilich nie besucht, kennen die Bilder nur aus dem Internet, sagt Jerofejew.

"Kriminelle Übereinkunft" im Dienste Satans

"Im zaristischen Russland stand auf Gotteslästerung die Todesstrafe", ruft Priester Pawel Burow den Angeklagten in Erinnerung und erntet dafür Applaus der vielen älteren Frauen mit Kopftüchern, die in den hinteren Reihen sitzen und ihre Bibeln und Ikonen festhalten. "Die russische Seele ist vom orthodoxen Glauben erzogen", fährt der Mann im schwarzen Priestermantel mit seiner Predigt fort, streicht sich dabei immer wieder durch seinen langen grauen Bart.

Zwei Welten treffen im Gerichtsaal aufeinander: Auf der einen Seite Jerofejew, Bruder des postmodernen Schriftstellers Wiktor Jerofejew, aufgewachsen in einer aufgeklärten Diplomatenfamilie in Paris. Und im Zeugenstand russische Orthodoxe mit den Wertvorstellungen des zaristischen Russlands im Kopf, angestachelt von Politikern wie Oleg Kassin, Chef des orthodox-nationalistischen "Narodny Sobor" (Volkskonzil).

Die einen glauben an die in der russischen Verfassung festgeschriebenen Menschenrechte, an die Freiheit der Meinungsäußerung und die Trennung von Staat und Kirche. Die anderen würden das alles am liebsten ändern. "Ich bedauere, dass unsere Konstitution weltlich ist. Ein weltlicher Staat ohne Ideologie kann das Volk nicht sittlich erziehen", sagt Priester Pawel. Es geht in diesem Prozess um mehr als eine provokative Ausstellung.

Immer wieder drehen sich die Argumente von Anklage, Verteidigung und Zeugen um die wahren Ziele von Jerofejew und Samodurow. Die Anklage schreibt, die beiden Übeltäter hätten eine "kriminelle Übereinkunft" getroffen, um das Christentum und insbesondere die orthodoxen Gläubigen öffentlich herabzuwürdigen. Mit den Gucklöchern hätten sie sich "vorsätzlich und bewusst" ein System ausgedacht, durch das "in noch stärkerem Ausmaß die negative psychologische und sittliche Wirkung auf die Besucher der Ausstellung verstärkt wurde, die in ihnen ein Gefühl der Beleidigung und der Erniedrigung der menschlichen Würde bewirkte".

Die Zeugen sind sich sicher, dass die Ausstellung "antirussisch und antichristlich" ist, und es das Ziel der Ausstellungsmacher war, "unsere Heiligtümer zu verspotten". Priester Pawel wirft ihnen gar vor, damit Satan zu dienen.

Ausgestellte Künstler kommen nicht zum Prozess

Samodurow und Jerofejew dagegen beteuern immer wieder, das Thema der Ausstellung seien nicht die Kunstwerke selbst gewesen, sondern die Zensur und die Selbstzensur des Kunstbetriebs. Denn die Schau versammelte Bilder, deren Ausstellung in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen verboten worden war.

Die hetzerischen Aufrufe im Internet und die Verwünschungen der christlichen Fundamentalisten gegen die Ausstellungsmacher vor Gericht erinnern an den Streit um die Mohammed-Karikaturen, die 2006 in der kleinen dänischen Zeitung Jyllands-Posten abgedruckt wurden und zu gewalttätigen Protesten von Muslimen auf der ganzen Welt führten. Aber die Parallelen seien nur oberflächlich, sagt Jerofejew: "Die meisten Kunstwerke entstanden in den siebziger und achtziger Jahren: Sie machten sich über das sowjetische System lustig!" So wie der Jesus mit Lenin-Gesicht.

Auch Michail Ryklin ist zum Prozess gekommen, russischer Philosoph und Ehemann der inzwischen verstorbenen Anna Altschuk, die zusammen mit Samodurow wegen der Vorgänger-Ausstellung "Vorsicht Religion!" 2006 in einem ähnlichen Prozess verwickelt war. "Dieses Mal ist es noch schlimmer", meint Ryklin: "2006 haben Künstler und Menschenrechtler klar verloren", deshalb gebe es jetzt noch weniger Chancen auf ein unparteiisches Urteil.

"Solidaritätsproblem in unserer Szene"

Traurig macht Ryklin, dass keiner der ausgestellten Künstler zum Prozess erscheint, um die Angeklagten zu unterstützen. "Jeder steht in seiner Ecke", sagt Ryklin. "Tja, es gibt wohl ein gewisses Solidaritätsproblem in unserer Szene", bedauert Kurator Jerofejew achselzuckend.

Immerhin erschien vor wenigen Tagen in der regierungskritischen "Nowaja Gaseta" ein Protestbrief von 16 Künstlern aus Europa und den USA, unterschrieben unter anderem vom russischen Konzeptkünstler Ilja Kabakow und dem deutschen Philosophen und Kunsthistoriker Boris Groys. Darin rufen sie Präsident Dmitrij Medwedew dazu auf, das Recht der Künstler auf freie Meinungsäußerung zu respektieren. "Die künstlerische Freiheit ist ein zuverlässiger Gradmesser für den Grad der Freiheit in der gesamten Gesellschaft."

Wenn sie das wirklich ist, dann wird eine Verurteilung von Samodurow und Jerofejew vor allem eines beweisen: Die russische Gesellschaft ist alles andere als frei.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 92 Beiträge
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EdwinHubble 25.07.2009
1. Zwei Kulturen
Dieser Beitrag verdeutlicht mal wieder den tiefen Riss, der tief durch alle Gesellschaften unserer Welt geht. Vernunft auf der einen, religiöser Fanatismus auf der anderen Seite. Und der Beitrag zeigt auch, dass von den religiösen Menschen die Gefahr ausgeht, in diesem Fall fordern sie sogar die Todesstrafe! Untersuchungen in den USA zeigen, dass gerade die religiösen Menschen die Todesstrafe dort mehrheitlich begrüßen. Ich glaube nicht, dass Jesus der Meinung derjenigen wäre, die sich heute auf ihn berufen.
Born to Boogie, 25.07.2009
2. Religion ist Gift
Brüll . . . ich kann mir die alten Weiber mit ihren Bibeln & Ikonen bildlich vorstellen - wenn es nicht so traurig wäre . . . dann wäre es rasend komisch. Die wären alle bereit, für ihren Gott zu töten.
Antje Technau, 25.07.2009
3. Gott ist die Liebe
Zitat von Born to BoogieBrüll . . . ich kann mir die alten Weiber mit ihren Bibeln & Ikonen bildlich vorstellen - wenn es nicht so traurig wäre . . . dann wäre es rasend komisch. Die wären alle bereit, für ihren Gott zu töten.
"Im zaristischen Russland stand auf Gotteslästerung die Todesstrafe", ruft Priester Pawel Burow den Angeklagten in Erinnerung und erntet dafür Applaus der vielen älteren Frauen mit Kopftüchern..."Ich bedauere, dass unsere Konstitution weltlich ist. Ein weltlicher Staat ohne Ideologie kann das Volk nicht sittlich erziehen", sagt Priester Pawel. Oy vey. Und das nennt der Mann "sittliche Erziehung", wenn er nach der Todesstrafe für Gotteslästerung ruft. Wobei, die Götter sind auch nicht mehr das was sie mal waren. Früher haben sie Frevler noch höchstselbst mit Blitzen dahingestreckt, Seuchen gesandt, oder die Menscheit mit einer anständigen Sintflut ausgelöscht. Oder so ähnlich. Jetzt muss das Bodenpersonal das alles wieder selbst machen...
systemfeind 25.07.2009
4. harte Sitten
Zitat von sysopDer Staatsanwalt spricht von Volksverhetzung - seine Zeugen von Satanismus und Gotteslästerung: In Russland nimmt ein Prozess gegen die Macher einer Kunstausstellung immer bizarrere Formen an. Wegen der gezeigten Werke, die religiöse mit politischen Motiven vermischen, droht ihnen Gefängnis. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,638256,00.html
finde ich völlig ok , ich würde den auch verknacken . Cholokowski sitzt auch schon ne`Weile im Bunker und jeder der in Russland aus der Reihe tanzt wird eben verknackt . Das ist doch völlig ok ! Wo ist das Problem ? Wer sich in der brd mit dem mainstream anlegt landet auch im Knast .
filos eleftherias 25.07.2009
5. Bedrohung der Freiheit
Der Denkfehler, den ich auch spontan gemacht habe, und wohl viele andere beim Lesen, ist "Russland, verstehe.". So einfach darf man es sich nicht machen, man muss sich nur vor Augen halten welche unglaubliche Macht die katholische Kirche, die evangelischen Landeskirchen, sowie der jüdische und islamische Zentralrat auch heute noch in Deutschland haben, und wie schnell man Ärger mit der deutschen Justiz bekommt, wenn man religiöse Karikaturen macht, weil Religion noch immer einen sacrosancten Schutz genießt. Man möge nur z.B. an die Popetownwerbung erinnern, oder an den Karikaturenstreit, oder die Nennung eines Teddybären nach Mohammed (mein nächstes Schwein wird auf jeden Fall so heißen). Die "Rücksicht", die gefordert wird, ist prinzipiell die der eigenen Gruppe, nicht aber die der anderen in den eigenen Predigten, etwa der Homosexuellen. Religion ist heutzutage ein Superschutzschild für jeglichen Terror und jede Gewalt, und das effektiveste Mittel zur Passiv-Aggresivität. Erst eine Gesetzgebung, die konsequent jegliche Blasphemie aus den Gesetzbüchern verbannt, die konsequent den Passus "geeignet, die öffentliche Ruhe/Ordnung zu gefährden" streicht (denn das heißt in der Praxis nur eines: Wer Radau macht, bekommt Recht), und die Beleidigung an und für sich nicht verfolgt, wird Kindergartenverhalten, welches von Millionen von Erwachsenen praktiziert wird ("der da hat mir den Vogel gezeigt!") stoppen können, und Erwachsene solche sein lassen. Nämlich Menschen, welche sich mit WIRKLICHEN Problemen beschäftigen.
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