Kunstraub hat Konjunktur Picasso als Geisel

Heute wurden Picasso-Bilder für 50 Millionen Euro in Paris gestohlen. Kunstraub hat Konjunktur: "Artnapping" gehört bereits zur Lieblingsdisziplin der organisierten Kriminalität. Kleinformatige Kunstgeiseln wie Goya, Munch und Rembrandt sind oft unzureichend bewacht und leicht zu entwenden.


Paris - Zwei Picasso-Gemälde im Schätzwert von zusammen 50 Millionen Euro wurden aus der Pariser Wohnung der Picasso-Enkelin Diana Widmaier-Picasso gestohlen. Auch bei diesem Raub deutet alles auf "Artnapping", in Anlehung an "Kidnapping", hin: Diese Spezialdisziplin der organisierten Kriminalität bezeichnet den Versuch, Lösegeld von den Museen oder den zuständigen Versicherungen zu erpressen. Denn oft sind die Versicherungen dazu bereit, das verlangte Lösegeld an der Polizei vorbei zu bezahlen, denn die "Belohnung zur Wiederbeschaffung" ist noch immer preiswerter als die Auszahlung der vollen Versicherungssumme.

Deshalb hat der Kunstraub auch Konjunktur - die Kunst-Geiseln Picasso, Munch, Goya, da Vinci oder Rembrandt sind meist kleinformatig und daher leichter zu entwenden, dafür aber millionenschwer und oft unzureichend bewacht. Laut Interpol rangiert Kunstraub an vierter Stelle der kriminellen Aktivitäten, nach Drogenhandel, Geldwäsche und Waffenhandel.

Einer der spektakulärsten Diebstähle ereignete sich am 22. August 2004 im Munch-Museum in Oslo. Während der regulären Öffnungszeiten stürmten zwei maskierte und bewaffnete Männer das Museum, rissen Munchs Meisterwerke "Der Schrei" und "Madonna" einfach von der Wand. Die Bilder blieben verschollen, und auch die Verurteilung dreier Tatbeteiligter zu acht, sieben und vier Jahren Haft erbrachte keine neuen Hinweise. Erst zwei Jahre später tauchten die Bilder wieder auf. Medienberichten zufolge soll ein wegen Bankraub zu 19 Jahren Haft verurteilter norwegischer Gangster den entscheidenden Tipp gegeben haben - im Gegenzug erhielt er Strafmilderung.

"Wer vor Gericht Hinweise auf einen dringend gesuchten Rembrandt geben kann, darf nach wie vor mit Strafmilderung, zum Beispiel bei Drogendelikten, rechnen", erklärt Stefan Koldehoff, Autor des Buchs "Aktenzeichen Kunst". Erst vergangenes Jahr wurde Goyas Gemälde "Kinder mit Karren" auf dem Transport zum New Yorker Guggenheim-Museum geraubt. Das Werk war für eine Million Dollar versichert.

Im vergangenen Jahr schlugen Kunsträuber bei der "Art Cologne" zu. Sie entwendeten zwei Kunstwerke im Wert von insgesamt 300.000 Euro - ein Ölbild von Max Ernst und eine Skulptur von A.R. Penck verschwanden spurlos. Im Jahr 2000, einen Tag vor Weihnachten, wurden aus dem Nationalmuseum in Stockholm Rembrandts "Selbstbildnis", "Junge Pariserin" sowie die "Unterhaltung" von Renoir gestohlen. Die Werke hatten einen Wert von etwa 30 Millionen Euro.

In einem der größten Kunstdiebstähle der Geschichte wurden am 14. April 1991 aus dem Van Gogh Museum in Amsterdam 20 Bilder im Wert von rund 436 Millionen Euro entwendet - dann aber wenig später in einem verlassenen Auto wieder entdeckt.

Doch die Liste der Kunstwerke, die für immer verschollen bleibt, ist noch viel länger: Im Schnitt werden in Deutschland pro Tag sieben Kunstwerke geraubt. Nach Angaben des "Art Loss Register", einem Informationsdienst für Kunstdiebstähle, werden 54 Prozent aus Privathäusern geraubt, jeweils zwölf Prozent aus Museen und Galerien, zehn Prozent aus Kirchen, der Rest verteilt sich auf öffentliche Institutionen, Geschäftsräume oder Lagerhäuser.

albi/AFP



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