Kunstsammler Alan Kluger: Einhorn im Pelzmantel

Aus Aventura, Florida, berichtet

Überall Kunstwerke, sogar auf dem Gästeklo: Als Promi-Anwalt hat Alan Kluger ein Vermögen gemacht, jetzt lebt er in Miami in der früheren Wohnung von Whitney Houston - er hat das Luxusdomizil zum Privatmuseum ausgebaut. Ein Besuch im Phantasiereich eines leidenschaftlichen Sammlers.

Kunstsammler Alan Kluger: Der Mann mit dem goldenen Blick Fotos
Daniel Portnoy

Adam ist empfindlich. Neulich stieß ihm ein Partygast aus Versehen mit dem Ellenbogen in die Seite. Prompt verhedderten sich die Perlen.

Adam ist eine Skulptur. Genauer gesagt: eine Installation aus blauen Perlen, die an dünnen Glasfaserfäden von der Decke hängen. Die Perlen sind so angeordnet, dass sie das dreidimensionale Bild eines Mannes ergeben. "Mein Vorbild war James Dean", sagt Milton Rosa-Ortiz, der Künstler, der Adam schuf, und zupft mit einem Mikadostäbchen an den Fäden herum, um die Perlen zu entheddern.

Rosa-Ortiz kniet in einem lichtdurchfluteten Wohnzimmer. Durch die Fenster geht der Blick über eine Subtropen-Idylle in schwindelnder Tiefe: das türkisfarbene Wasser des Intercoastal-Kanals entlang der Ostküste Floridas, dahinter der Landstreifen von Sunny Isles Beach, mit hellen Luxusbauten gesprenkelt, und das Meer.

Adam war mal Teil eines größeren Pop-Art-Kunstwerks, das der aus Puerto Rico stammende Brooklyner Rosa-Ortiz für eine Galerie entwarf. "Paradise, According to Milton" hieß das: Adam, Eve, die Schlange und ein angebissener Apfel. Adam fand den Gefallen Alan Klugers, der die Skulptur hier in seinem Wohnzimmer installieren ließ. Und als sie jetzt bei einer Cocktailparty beschädigt wurde, flog er kurzerhand den Künstler aus New York ein, um den Defekt zu richten. Rosa-Ortiz zog übers Wochenende in Klugers Gästezimmer.

Alan Kluger, 60, scheut weder Kosten noch Mühen, wenn es um Kunst geht - und öffnet sein Heim dazu auch gerne mal Fremden. "Kaffee? Tee? Wasser?", fragt der Jurist und verschwindet in der Küche, während sein Blackberry klingelt. Klingelton: Michael Jacksons "Man in the Mirror". "Toller Song", sagt Kluger und zitiert den Refrain auswendig: "If you wanna make the world a better place, take a look at yourself." Willst du die Welt verbessern, fang bei dir selbst an.

Weltweite Galerie-Streifzüge

Seine 500-Quadratmeter-Wohnung im 17. Stock eines Nobelhochhauses nördlich von Miami hat Kluger in ein Privatmuseum verwandelt. Livrierte Torwärter fragen nach dem Ausweis. Der Aufzug rauscht direkt ins Penthouse hoch - eine fast meditative Oase für bildende Kunst.

Im Berufsleben ist Kluger ein begehrter Prominentenanwalt. Zu seinen Klienten zählen Banker, Unternehmer, Sportler, Stars und der VIP-Restaurateur Michael Chow. Er vertrat Baseballer Alex Rodriguez, dessen Frau Cynthia die Scheidung einreichte, da er sie mit Madonna betrogen habe. Er verhalf Karen Kozlowski, der Ex-Gattin des wegen Betrugs verurteilten früheren Tyco-Chefs Dennis Kozlowski, zu einer Millionenabfindung.

In der Öffentlichkeit zeigen sich Kluger und seine Frau Amy Dean, 59, eine pensionierte Bezirksrichterin, gern als glamouröses power couple.

In Klugers Kunstsammlung findet sich nicht nur lateinamerikanische Nachkriegskunst, wegen ihrer "Lebhaftigkeit und politischen Botschaft", er fördert auch viele Nachwuchskünstler, die er auf seinen weltweiten Galerie-Streifzügen entdeckt.

So hat er auch den New Yorker Rosa-Ortiz seinen Museumsfreunden und Kunstbrokern vorgestellt und dessen Karriere damit erst richtig angekurbelt. "Ich bin", freut sich der Künstler, "auf zwei Jahre hinaus mit Auftragsarbeiten gebucht."

"Habe ich runtergehandelt"

Klugers Wohnung ist ein Labyrinth aus Gängen, Zimmern und Seitenflügeln. Die Regale sind vollgestopft mit Kunstbüchern, Fotos und Memorabilia - darunter ein Boxhandschuh, signiert von Muhammad Ali.

Und überall Kunstwerke, selbst im Gästeklo. Etablierte Stars wie Roberto Fabelo, León Ferrari, Tomas Sanchez und Roberto Matta (ein Monumentalbild über dem Ehebett). Dazwischen Jungtalente wie Alejandro Pereda, Michael Vasquez oder Aimeé García Marrero, deren Pinocchio-Gemälde Kluger mit den Worten kommentiert: "In Kuba lügt jeder."

Zu jedem Stück erzählt Kluger eine kleine Anekdote. Das Einhorn im Pelzmantel, das auf den Beinen einer Schaufensterpuppe steht, stammt vom Künstlerduo Alain Guerra und Neraldo de la Paz: "Das Material ist aus Müllcontainern in Little Haiti." Die mit Mini-Sitzreihen bestückte Basketball-Skulptur des Kubaners Alexandre Arrechea: "Er wollte mir einen Fußball machen. Ich sagte ihm, das zieht in den USA nicht."

Der Pförtner klingelt: Holly Block, die Direktorin des Bronx Museums, schaut vorbei. Kluger führt sie durch sein Phantasiereich, und selbst der Expertin verschlägt es die Sprache. Sie kritzelt alles in einem kleinen Notizblock mit.

Kluger findet seine Objekte in Galerien, Ateliers und Schuppen, auf Auktionen und Messen. Manchmal wartet er, bevor er zuschlägt, manchmal greift er gleich zu. Bei der "Art Basel Miami Beach", der größten US-Kunstmesse, schnappte er sich gleich am ersten Abend ein Bild. "War zu teuer", sagt er. "Habe ich runtergehandelt."

Klugers Leidenschaft begann mit einem Gemälde von Josef Albers, das er mit 23 Jahren erwarb. Er war mit dem legendären Künstlerpaar Jasper Johns und Robert Rauschenberg befreundet, und bis heute sind viele seiner Stücke persönliche Geschenke der Urheber.

"Wow, umwerfend!"

Der Brasilianer Ernesto Neto baute Kluger eine Giraffenskultur aus PVC. Die Puertoricanerin Betsy Rosado schuf ein riesiges Doppelporträt von Kluger und Dean. Ihr Landsmann Arnaldo Roche-Rabell hinterließ Kluger ein gigantisches Ölbild: "In 30 Jahren wird es das wert sein, was ich dafür bezahlt habe."

Sein Kunstbudget soll angeblich 250.000 Dollar im Jahr betragen. Von jedem Künstler kauft er nur ein Werk und dann nie wieder eins, um sich "eine Enzyklopädie aufzubauen".

Die Kollektion war bald so umfangreich, dass er mehr Platz brauchte. 2005 kaufte er seine Mega-Wohnung - von Pop-Ikone Whitney Houston und ihrem Noch-Gatten Bobby Brown. Preis: 1,3 Millionen Dollar.

Für die Lage - Williams Island, eine Luxus-Enklave am Atlantik - und die Größe war das ein Schnäppchen. Doch das Penthouse war in einem so elenden Zustand, modrig und muffig, mit fehlenden Sanitärinstallationen und Löchern in der Wand, dass der Jurist Kluger den Vorbesitzern einen Rabatt von 35.000 Dollar abnötigte.

Kluger und Dean brauchten Monate für die Renovierung. Sie legten Marmorparkett aus, das dem Hauptraum die Kühle eines Museums gibt. Sie versahen die Fensterfronten mit Rollos, die zum Schutz der Gemälde fast den ganzen Tag geschlossen sind. Sie wählten selbst als Mobiliar Kunstwerke.

Die orangefarbene Mahagoni-Eingangstür, angefertigt vom Bildhauer Jorge Pardo. Die Wohnzimmersessel aus brasilianischem Tropenholz, geschaffen vom legendären Möbelbauer Sergio Rodrigues aus Rio. Die Gartenzwergstatue im Foyer stammt aus der Hand des kubanischen Meisters Ernesto Rancano, die Kluger beim Transport "mit allem möglichen Zeug einwickelte", um es vor den Santeria-Bannflüchen der Einheimischen zu beschützen.

Erneut klingelt der Pförtner. Die junge Künstlerin Maria Nepomuceno rückt mit einem Koffer an, frisch vom Flughafen. Im Gepäck: ihr neuestes Oeuvre, das Kluger in einer Galerie in Rio fand - eine gehäkelte Riesen-Hängematte, mit Perlen bestickt. Mit Hilfe eines Handwerkers hängt Nepomuceno sie im Wohnzimmer auf. "Wow, umwerfend!", strahlt Kluger und schlägt die Hände zusammen wie ein kleines Kind.

Nepomuceno und Neto sind die Ehrengäste einer Sammlerparty, zu der Kluger tags darauf eingeladen hat - serviert wird nur Weißwein: "Wir wollen's leicht halten." Fast scheint es, dass Kluger so verhindern will, dass sich noch mal ein Gast in Adam verheddert.

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1. Dann doch zur Not lieber IKEA
Sapientia 13.12.2010
Zitat von sysopÜberall Kunstwerke,*sogar*auf dem*Gästeklo: Als Promi-Anwalt hat Alan Kluger ein Vermögen gemacht, jetzt lebt er in Miami in der früheren Wohnung von Whitney Houston - er hat das Luxusdomizil zum Privatmuseum ausgebaut. Ein Besuch im Phantasiereich eines leidenschaftlichen Sammlers. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,733434,00.html
Wie man sieht, korrespondiert Geschmack nicht mit Geld, oder: Der Geschmacklosigkeit sind keine Grenzen gesetzt. Offenbar ist auch Dummheit im Spiel: Die ganze Welt soll nun an der Geschmacklosigkeit teilhaben - stimmt was in der Ehe nicht?
2. Wer es mag....
Realo 14.12.2010
...soll es sich so schön machen wie er es möchte, denn über Geschmack kann man nicht streiten.
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