Kunstsammler Rik Reinking Das fliegende Auge

Rik Reinking ist ein Jungstar im millionenschweren Kunstgeschäft. Gerade mal 30 Jahre alt und ohne Vermögen hat er eine bedeutende Sammlung aufgebaut. Doch seine Hingabe schafft ihm viele Feinde.

Von Jenny Hoch


Auf der Art Cologne tanzte Rik Reinking mal wieder aus der Reihe. Statt wie im gediegenen Kreis der Großsammler üblich im Minutentakt das Scheckbuch zu zücken, stand er lieber am Stand seiner Freunde vom Revolver-Kunstbuchverlag und verbreitete dort Partystimmung. Für ihre "Kunsthandlung" zeigte das aufrührerische Grüppchen Champagner trinkend sperrige Performances - nicht gerade leicht verkäufliche Ware. Ein Manifest klärte über das Ziel der Aktion auf: Statt um die übliche Geschäftemacherei sollte es um Freundschaft und Begeisterung für die Sache gehen und um die ideelle Förderung zeitgenössischer Künstler.

Einige verstanden den Witz sofort, doch vielen stieß der satirische Fingerzeig übel auf: Der Sammler Reinking habe sich auf der Messe als Aussteller eingeschlichen, tuschelten Neider. Es seien sogar echte Künstler an seinem Stand gewesen, die gehörten nicht auf einen Kunst-Umschlagplatz wie diesen. Und überhaupt, als Sammler umgehe er Galerien und sei insgesamt unseriös.

Dass er sich mit Aktionen wie dieser in der Küsschen-Küsschen-Branche nicht nur Freunde machen würde, war Rik Reinking klar. "Ich habe eine Heerschar von Feinden", sagt der Hamburger, und bemüht sich, unbeschwert dreinzublicken. "Ich habe mal eine Dreiviertelstunde mit jemandem über mich gelästert. Das hilft." Der Mann hatte damit geprahlt, alles über "diesen Rik Reinking" zu wissen. Nur erkannt habe er ihn bis zum Schluss nicht.

Sein siebter Sinn für die Künstler-Stars von morgen provoziert die Konkurrenz. Dazu kommt sein respektloser Umgang mit Kunst – ein Affront für jeden standesbewussten Kunstmillionär. "Für mich ist Kunstsammeln wie Essen und Trinken, ich muss mich dadurch nicht selbst sockeln", sagt Reinking. Und: "Es geht nicht um mich". Die Tatsache, dass der studierte Jurist und Kunsthistoriker nicht wie viele andere Jungsammler auf ein Millionenerbe zurückgreifen kann und trotzdem oft richtig liegt mit seinen Entdeckungen unbekannter Künstler, macht es nicht einfacher.

Das erste Bild kaufte er mit 16

Stolz ist er auf seinen Außenseiterstatus allerdings nicht: "Ich muss mich zu allen Anfeindungen und Gerüchten ja irgendwie verhalten, das raubt Zeit und Energie, die ich lieber für wichtigere Dinge aufwenden würde", sagt der 30-Jährige, der schon im Alter von 16 sein erstes Kunstwerk kaufte. Ein Horst-Janssen-Selbstbildnis war das, Reinking hatte es auf dem Schulweg im Schaufenster einer Galerie gesehen und war ihm sofort verfallen. Er hatte Glück, der Galerist ließ ihn die 250 Mark dafür abstottern und stellte die Weichen für eine beeindruckende Sammlerkarriere.

Mittlerweile ist sein Ruf als engagierter Sammler junger, noch unbekannter Kunst bis in die hintersten Winkel der Akademien gedrungen. Schon lange kann er nicht mehr unerkannt über deren Jahresausstellungen schlendern und nächtelang mit den Studenten beim Bier über ihre Arbeit diskutieren. "Wenn ich da reinkomme, fängt hinter mir das Getuschel an", erzählt Reinking.

Heute umfasst seine Sammlung Werke von rund 200 Künstlern. Von einigen besitzt er nur eine Arbeit, viele begleitet er seit Jahren. Er besitzt Kunst aus den sechziger Jahren - Informel, Fluxus und Minimal Art - sowie Konzeptkunst, Street Art und Malerei der Gegenwart. Mehr will er nicht sagen, das fände er "angeberisch". Doch geheim sei nichts: "Alle Stücke können permanent von Museen ausgeliehen werde, viele Arbeiten habe ich nicht mehr gesehen, seitdem ich sie gekauft habe, so lange zirkulieren sie schon auf Ausstellungen."

Verschwinden in der Kunst

Bittet man Reinking um ein Portrait von sich selbst, schickt er ein Foto, auf dem sein Kopf vollständig in einer zylinderförmigen Skulptur verschwindet. Darunter steht: "Hier bin ich… geht das Portrait so? … hihihi…" Geht natürlich nicht. Das weiß der Sammler, und doch würde er am liebsten in der Kunst verschwinden und die von ihm gesammelten Werke für sich sprechen lassen. Auf dem Catwalk des internationalen Kunstmarktes gilt es aber, Präsenz zu zeigen. "Mir ist klar, dass ich mit meiner Person für die Sammlung einstehen muss", sagt er, der zwar 280 Tage im Jahr in der ganzen Welt umherfliegt, aber noch immer in einer Zweizimmerwohnung im Hamburger Stadtteil Winterhude wohnt, einen klapprigen Seat fährt und auch sonst einen betont unprätentiösen Lebensstil pflegt.

Sein Geld verdient der Kunstliebhaber, indem er reichen Sammlern seine Augen leiht und für sie gegen Provision vorwiegend Alte Meister und Werke der Klassischen Moderne aufspürt. Namen will Reinking nicht nennen - Diskretion gehört zum Geschäft. Nur soviel: "Ich will nicht nur Spesengelder verprassen, deshalb arbeite ich nur für ernsthafte Sammler."

Am liebsten sieht sich Reinking als Mann im Hintergrund, in der Rolle des Strippenziehers und Moderators. "Als Sammler suche ich nicht den Dialog zwischen mir und dem Werk, sondern zwischen den Werken", sagt er, "ich will Beziehungen zwischen älteren und jüngeren Positionen, zwischen Kulturen und Generationen schaffen."

Besonders gut gelungen ist ihm die Vernetzung von Historischem mit Zeitgenössischem im vergangenen Jahr, als Reinking neben einigen Grandseigneurs der Sammler-Szene wie F.C. Gundlach und Harald Falckenberg eingeladen war, die Sammlung der Kieler Kunsthalle neu zu präsentieren und mit Stücken aus der eigenen Kollektion anzureichern. Reinking wählte das Thema "persona", lateinisch für "Maske", und hängte neben Stücke aus dem Museum unter anderem ein Bild des jungen Hamburger Malers Till Gerhard.

Kreativ einkaufen - mit wenig Geld

Mit der Wahl des damals noch unbekannten Künstlers bewies Reinking einmal mehr das richtige Gespür: Gerhard fand nach der Ausstellung sofort einen New Yorker Galeristen; mittlerweile kümmert sich Charles Saatchi um ihn, einer der mächtigsten Kunst-Einkäufer der Welt. Von der Professionalität, mit der Reinking zu Werke geht, ist auch Dirk Luckow, der Direktor der Kieler Kunsthalle, angetan: "Der stellt was auf die Beine", lobt er den Jungspund im millionenschweren Kunst-Geschäft.

Auch der Berliner Galerist Mehdi Chouakri findet nur gute Worte für seinen Kunden. Reinking kaufte bei ihm unter anderem Arbeiten von Monica Bonvicini und Mathieu Mercier, beides vielversprechende Talente. "Er sammelt nicht nach Trends und geht sehr kreativ mit seinem Budget um. Das finde ich beeindruckend", sagt der Galerist. Für sein Alter sei er extrem sicher in seinem Urteil und habe keine Angst, Fehler zu machen.

Eine besondere Vorliebe hegt Reinking für Graffiti – eine Kunstrichtung, die seit Jahren immer parallel zum Markt läuft, doch noch immer nicht salonfähig ist. Obwohl Rik Reinking nicht der Typ ist, der nachts an Bauzäunen umherstreift, um illegale Sprayer bei der Arbeit zu besuchen, ist er begeistert von der authentischen Kraft der Street-Art: "Ich kann glauben, was diese Leute machen, außerdem ist meine Generation mit dieser Bildsprache aufgewachsen." Indizien, dass auch der Markt sich immer mehr für Graffiti interessiert, gibt es genug. Neulich, erzählt Reinking, sei ihm unter der Hand ein Wandbild seines guten Freundes, des bekannten britischen Street Art-Künstlers Banksy angeboten worden – für satte 50.000 Pfund. Die Diebe hatten es heimlich aus einer Londoner Hauswand gebrochen.

Dass die Blase platzen wird, zu der sich der hochspekulative Kunstmarkt inzwischen aufgepumpt hat, da ist sich Rik Reinking sicher: "Die Preise, die im Moment auf dem Markt bezahlt werden, haben nichts mit der Realität zu tun. Um Qualität geht es schon lange nicht mehr." Ihm soll's recht sein, denn er hat in letzter Zeit viele Arbeiten in Museumsqualität gekauft, für die sich niemand interessierte. Total am Trend vorbei und mit dem Budget eines Normalsterblichen. Rik Reinking wartet einfach, bis sich der Wind dreht. Denn er besitzt das, was viele Sammler kaum noch haben: Er hat Geduld.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.