Kunstschau "Index": Beton, Marmor und Hühnerknochen

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Sie spielen mit Disney-Figuren, verarbeiten Hühnerknochen oder führen Werbebotschaften ad absurdum. Auf der chaotisch charmanten "Index"-Ausstellung in Hamburg wagen junge Künstler den Schritt in den Markt.

Am liebsten hat sie es, wenn ihre Bilder leuchten und knallen. Gitte Jabs reiht auf ihren Ölgemälden Smileys auf. "Alle gucken", nennt sie die Werke. Die 32-Jährige malt Landschaften aus Comic-Heften ab, kombiniert sie mit realistischen, aus der Werbung adaptierten Bildern. Jabs liebt diese künstlichen Welten, mag die Plastikgesellschaft: Ihre Werke führen die Botschaften der Werbung ad absurdum.

Gitte Jabs ist eine von mehr als 20 Künstlern, die ihre Bilder auf der Verkaufsausstellung "Index" in Hamburg präsentieren. Vor zwölf Jahren fand die chaotisch charmante Schau zum ersten Mal statt. Damals lag die Kunsthistorikerin Elena Winkel Nacht für Nacht in ihrem Bett und konnte nicht schlafen. Die Verantwortung raubte ihr die Ruhe. Als Initiatorin der "Index" musste sie sich allein darum kümmern, die Miete für die Ausstellungsräume zusammenzubekommen, den kleinen Katalog, die Website und die Mitarbeiter zu bezahlen.

"Jedes Mal habe ich gezittert, ob es wohl dieses Mal mit den Verkäufen reichen würde", sagt sie. Irgendwann ging es besser, irgendwann war es schick geworden, Kunst zu kaufen.

Einmal im Jahr arbeitete Winkel eine Woche lang mit den Künstlern zusammen, ohne festen Raum und mit dem finanziellen Risiko. Und weil sie so nicht weitermachen wollten, eröffnete die Kunsthistorikerin vor vier Jahren in Hamburg eine Galerie. "Index" ließ sie weiterleben. Eine Doppelstrategie, für die es gute Argumente gibt: Bei der Verkaufsschau habe sie viel mehr Spielraum. Mit einer Galerie müsse man ein Programm verfolgen, wenn man ernst genommen werden wolle.

Eine Maus als Direktor

Vor zwei Jahren stieg eine Bank als Sponsor ein. "Jetzt steht der Förderaspekt im Vordergrund. Aus der Verkaufsschau ist nun ein Forum für junge Künstler geworden, in dem sie ihre Sachen vor einer unabhängigen Jury präsentieren und verkaufen können", sagt Winkel. Sie selbst schlägt Künstler vor, die inzwischen auch eine junge Galerie haben dürfen, und die nicht mehr aus Hamburg kommen müssen - den Bremer Christian Holtmann zum Beispiel. Sein großes Micky-Maus-Bild im Eingang zwischen den zwei Hallen, in denen die Ausstellung zu sehen ist, heißt "Direktor" und ist auf bedrucktes und beschriebenes A4-Papier gemalt.

Verena Issel, 30, hat ein großes Wandbild installiert, das aus Fundstücken besteht. "Ich mache aus vorhandenen Dingen etwas anderes als das, was ihnen zugeschrieben wird", sagt sie. Patrick Alt, 36, kombiniert Malen und Schreiben: PIN und TAN hat er groß auf seine ursprünglich als Blumenstillleben konzipierten Bilder geschrieben und diese "beiden Begriffe bringen die Werke in die Jetztzeit".

Monströses und Wahnsinniges

Julia Phillips interessiert sich für Abweichungen. Zum Beispiel auf Gipsfliesen mit einer künstlichen Marmorstruktur und einem Diptychon, auf dem Bilder eines Slums und eine Fassade von Jean Nouvel mit abweichenden Fenstern zu sehen sind.

Annelie Schütz, 31, hat eine wunderbare Installation aus Beton, Marmor und Hühnerknochen, einem Gedicht und einem Video aufgebaut, die sowohl an eine Drückbank mit Gewichten erinnert als auch an Tanz und kultische Handlungen. Sie selbst bewegt sich und einen weißen Plisseerock wie einen Fächer in ihrem Video.

Der 33 Jahre alte Konstantin Sotnikov zeigt perfekt ausgeführte Holzschnitzereien, die aus dem allgemeinen Kunstgeschmack völlig herausfallen. In Anlehnung an die italienische Renaissance will er "Monströses und Wahnsinniges, Realität und Mystik" aufeinander treffen lassen, alles mit einem Verweis auf Comics.

Vor den Fotos von Holger Niehaus grübelt man, was auf den Bildern nicht stimmig ist: Ist das schleimig rote, das aus einer blauen, aufgeschnitten Kugel quillt, wirklich nur eine Johannisbeere auf einer Blaubeere?

Aus einer surrealen Welt scheinen auch die zarten Aquarelle von Lars Hinrichs, 29, zu kommen. Und Christian Hans Albert Hoosen, früher Werber, jetzt freier Künstler und nach eigenen Angaben 1981 in St. Fantasia geboren, lässt in seinen Collagen und Malereien die Realität surreal und manchmal brutal aussehen. Willentlich tue er das nicht, "die Szenen kommen zu mir, ich lasse die Geschichten nur rahmen und bezahle die Farbe".


Index 12. Hamburg. Kunsthaus. 7.-11.11.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Schrott hoch drei
schüttelkugel 06.11.2012
Das ist "Kunst" für ganz Arme. Wenn man es denn Kunst nennen will. Jede Ausstellung auf dem Flur einer Grundschule hat mehr Potenzial.
2. Art or it didn't happen
wiediebäume 06.11.2012
Zitat von schüttelkugelDas ist "Kunst" für ganz Arme. Wenn man es denn Kunst nennen will. Jede Ausstellung auf dem Flur einer Grundschule hat mehr Potenzial.
Klingt spannend, wo ist denn so eine Grundschulflur-Ausstellung mal dokumentiert? Mögliches Potential sollte ja nicht einfach so übergangen werden! Eigentlich müssten doch bereits Generationen von Grundschulkindern die Kunstszene dominieren, nachdem dieses "Das kann mein Kind auch"-Argument schon seit gefühlten 100 Jahren heruntergeleiert wird ...
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