Kunstshow "Die perfekte Ausstellung" "Ich operiere nicht gegen die Künstler"

Wo Statistik statt Fachwissen regiert: Kühn nennt der Heidelberger Kunstverein seine aktuelle Schau "Die perfekte Ausstellung". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Direktor Johan Holten, warum das kein Anfall von Anmaßung ist - sondern Kritik an Kunstbestenlisten.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Holten, 2009 ist der Heidelberger Kunstverein unter Ihrer Leitung zum Kunstverein des Jahres gewählt worden. Klingt, als wären Sie der perfekte Kunstvereinsleiter. Jetzt eröffnen Sie "Die perfekte Ausstellung". War das die logische Folge?

Holten: Nein, ganz und gar nicht. Der Titel der Schau klingt, als würde ich die perfekte Ausstellung machen wollen. Eigentlich aber ist die Ausstellung ein Angriff auf einen Gedanken, der sich in den letzten zehn Jahren breitgemacht hat: dass man die Qualität von Kunst objektiv, mathematisch und daher korrekt ermitteln könne.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie diese Tendenz?

Holten: Kunstwert-Ermittlungsdienste haben sich wie eine Krake in die Kunstwelt hineinbewegt. Den ältesten, den Kunstkompass, gibt es schon seit 1970. In den letzten zehn Jahren sind etliche andere dazugekommen. Der umfassendste ist Artfacts.Net mit 60.000 angeblich objektiven Rankings. Dort werden Künstler von Platz eins bis Platz 60.000 gelistet und miteinander verglichen - egal ob sie aus Kuala Lumpur, Göttingen oder Shanghai stammen. Wenn aber eine solche Bewertung möglich ist, dann wäre in absurder Konsequenz auch eine mathematisch errechnete perfekte Ausstellung möglich.

SPIEGEL ONLINE: Genau das haben Sie gemacht. Sie haben acht Künstler eingeladen, die sie statistisch ermittelt haben.

Holten: Ja, ich habe 26 Gruppenausstellungen in Kunstvereinen ausgesucht, die dem unseren vergleichbar sind. Dann habe ich für alle beteiligten Künstler die Durchschnittswerte errechnet: den Platz im Ranking, den Anteil von Männer und Frauen, das Geburtsjahr, die Nationalität und die Bewegung im Ranking. Und dann habe ich wiederum in dieser Liste acht Künstler ausgewählt, die diesen Werten entsprachen. Diese Kandidaten habe ich dann nicht, wie im Normalfall, aufgrund ihrer Arbeiten, sondern aufgrund ihres Rankings angeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Eingeladenen reagiert?

Holten: Für die Künstler war die Art der Einladung sicher ungewöhnlich. Ein amerikanischer Fotokünstler hat die Teilnahme abgelehnt, weil er meinte, dass die Differenz zwischen seinen Arbeiten und dem konzeptuellen Ansatz der Schau zu groß wäre.

SPIEGEL ONLINE: So eine Ausstellung hat ja auch ein Problem: Wird sie gut, dann können Rankings so unsinnig nicht sein. Wird sie nicht gut, dann haben Sie eine schlechte Ausstellung im Haus, und die Künstler kommen dabei auch nicht gut weg.

Holten: Schon, aber ich operiere nicht gegen die Künstler. Die Ausstellung ist kein Joke, sie soll eine seriöse Debatte anstoßen. Wir zeigen hochkarätige, eigenständige Arbeiten. Etwa die große Gitterstruktur von Werner Feiersinger, die auf Le Corbusier verweist, oder die Fotos von Maria Sewcz, die schon als Studentin in der DDR der achtziger Jahre einen sehr eigensinnigen Blick hatte. Aber durch ihre zufällige Nachbarschaft verbinden sich die Werke nicht zu einem sinnvollen Ganzen, zu einer stimmigen Schau.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Künstler mit Bestenlisten um? Ignorieren? Bekämpfen? Korrigieren?

Holten: Einige Künstler haben mir gesagt, dass sie die Löschung ihrer Daten beantragt haben. Und es gibt eine Künstlerin, ich verrate ihren Namen nicht, die aus Protest mit immer neuen Lebensläufen auftritt. Und die Künstlerin Carey Young ärgert sich schon lange über Rankings und über die Lässigkeit, mit der sie selbst von Künstlern hingenommen werden, die sich sonst gegen alle möglichen Machtsysteme auflehnen.

SPIEGEL ONLINE: Young ist auch im zweiten Teil der Ausstellung vertreten. Dafür haben Sie gezielt Künstler eingeladen haben, deren Arbeiten die Bewertung von Kunst durch Statistik und rein ökonomische Kriterien thematisieren.

Holten: Ja, Young listet dort alle chemischen Bestandteile ihres Körpers und deren jeweilige Marktpreise auf. Das ergibt eine Summe von 16.000 Pfund. Und für genau diesen Preis, bietet sie - nein, nicht sich, sondern die Arbeit an. Zu sehen ist dort auch Christian Jankowskis Video einer Teleshopping-Show, in der er Kunstwerke etwa von Franz West im Stil von Staubsaugern oder Billigbrillantringen verkaufen ließ.

SPIEGEL ONLINE: Vorgestellt wird auch die Internetplattform bioswop.net. Worauf zielt dieses Projekt?

Holten: Künstler können sich dort anmelden und ihre Biografie gegen eine andere Vita tauschen. Das richtet sich gegen das Bestreben vieler Galeristen, Künstler mit "perfekter" Biografie - schneller Aufstieg, hochkarätige Schauen, bedeutende Sammler - zu haben. Und es ist eine Art Guerillataktik, die Fakten zu verschleiern, mit denen Rankings arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Nützen nicht auch Sie Lebensläufe, um sich über Künstler zu informieren?

Holten: Ja, schon. Über Lebensläufe lässt sich erfahren, ob ein Künstler schon fünf Jahre an etwas arbeitet oder nur zufällig jetzt. Wenn aber nur Herkunft, die Ort der bisherigen Ausstellungen oder das Renommee der ihn vertretenden Galerie über die Einladung zu einer Ausstellung entscheiden und nicht das Werk selbst, dann läuft etwas schief.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Ihre "perfekte Ausstellung" mit Ihren eigenen Kriterien bewerten sollten, wie gut ist sie?

Holten: Eine interessante, nicht ganz einfache Ausstellung zu einem virulenten Thema. Für letzteres spricht schon das immense Medieninteresse. Ob die Ausstellung die richtige Form ist, diese Bewertungsversuche zu problematisieren, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall wird über sie geredet - so wie wir es jetzt tun.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal eine "perfekte Ausstellung" gesehen?

Johan Holten: Ästhetisch wie theoretisch beeindruckt hat mich die von Charles Esche kuratierte Sektion der 1. Brüssel Biennale. Esche wiederholte dort eine für ihn prägende Ausstellung, die er Jahre zuvor in Venedig gesehen hatte und zeigte gleichzeitig, dass so etwas nicht möglich ist: Er ließ die Ausstellungsarchitektur nachbauen; in ihr aber waren nur die Beschreibungen der Werke zu sehen. Und auch die Schau der Atlas Group 2006 im Hamburger Bahnhof oder kürzlich die Ausstellung von Zoe Leonard im Museum Moderner Kunst in Wien haben mich begeistert. Das waren keine statistisch oder markttechnisch perfekten Schauen, sondern ganz private Momente, in denen ich etwas über mein Verhältnis zur Welt gelernt habe.

Das Interview führte Karin Schulze.

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k.laus 28.05.2010
1. O.t.
Zitat von sysopWo Statistik statt Fachwissen regiert: Kühn nennt der Heidelberger Kunstverein seine aktuelle Schau "Die perfekte Ausstellung". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Direktor Johan Holten, warum das kein Anfall von Anmaßung ist - sondern Kritik an Kunstbestenlisten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,697113,00.html
Solche Rankings und Hitparaden bieten Orientierung in einem kaum durchschaubaren Kunstmarkt und der Künstler als Produkt der Selbstvermarktung kann seinen aktuellen Tageswert an der Platzierung in der Bestenliste ablesen. Das ist in seiner Konsequenz absolut bestechend allerdings auch schrecklich unromantisch. Insofern scheint mir die Kritik daran zwar verständlich aber auch irgendwie verkitscht, weil sie die realen materiellen Gegebenheiten nicht zur Kenntnis nehmen möchte.
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