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Kunststar Blinky Palermo: Drinks, Drogen und simple Formensprache

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Blinky Palermo gilt als der James Dean der deutschen Kunst. Sein Leben war exzessiv, seine Malerei dagegen schlicht. Jetzt würdigt eine große Ausstellung in Münster die Bilder des Beuys-Schülers. Ihre Faszination ist 30 Jahre nach Palermos Tod ungebrochen - nur eine Farbtube trocknete ein.

Seine Kunst ist spröde, seine Persönlichkeit schillernd. So schillernd, dass er als späte Personifikation eines romantischen Künstlerideals durchgeht: zerrissen, um seine Kunst ringend, Frauen verführend, befreundet mit den wichtigsten Künstlern seiner Zeit. Sein früher, mysteriöser Tod ließ ihn als den, wie es häufig heißt, "James Dean der deutschen Kunst" erscheinen: Er starb mit 33 Jahren unter bis heute ungeklärten Umständen während einer Urlaubsreise auf der Malediveninsel Kurumba.

Offensichtlich ist mehr als dreißig Jahre nach dem Tod Blinky Palermos (1943-1977) die Neugier auf diese Künstlerfigur ungebrochen. Während in der Bundesrepublik zuletzt vor gut drei Jahren eine Düsseldorfer Schau sein Werk zeigte, ist eine durch die USA tourende Retrospektive derzeit im Hirshhorn Museum in Washington zu sehen. Ende Februar startet im Landesmuseum in Münster eine kleinere Werkschau, bei der der Akzent auf der sinnlichen Intensität und der Farbigkeit seiner Bildobjekte und zeichnerischen Arbeiten liegt.

"Ich bevorzuge eine ziemlich karge, simple Formensprache", lautet einer der wenigen Sätze, die sich der wortkarge Palermo jemals über seine Arbeiten abgerungen hat. Schon am Anfang seines Studiums bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Akademie hatte er angefangen, das Bild zu verschlanken, bis es nur noch als nesselbespannte Holzlatte daherkam. Während er so einerseits den Bildkörper schrumpfen ließ, reduzierte er zwei Jahre später bei den Stoffbildern den malerischen Farbauftrag auf Null, ohne dabei auf maximale Farbwirkung zu verzichten: Er ließ monochrom durchgefärbte Stoffe aus dem Textilhandel bahnenweise vernähen und zog sie - amerikanische Farbfeldmalerei zitierend und bei horizontal vernähten Bahnen auf Landschaftsmalerei anspielend - auf Bilderrahmen auf.

"Er war eine sehr poröse Natur"

Bei Ausstellungen hat er seine Bildreduktionen dann auch gern noch sehr luftig auf möglichst großen, leeren Wänden verteilt. Für eine Schau in Mönchengladbach hatte er einmal 40 Arbeiten vorgesehen, vor Ort dann aber nur 13 aufgehängt.

In Leipzig geboren war Palermo als Peter Heisterkamp zusammen mit seinem Zwillingsbruder bei Adoptiveltern in Münster aufgewachsen. In seinem Auftreten mit Sonnenbrille und Lederjacke sahen seine Düsseldorfer Kommilitonen eine vage Ähnlichkeit mit dem mafiösen US-Boxmanager Frank "Blinky" Palermo. Folglich kassierten sie seinen behäbig klingenden bürgerlichen Namen und tauften ihn neu: Seine Freunde sagten von nun an "Blinky" zu ihm. Und "Palermo" wurde zu seinem Künstlernamen.

Bald war Blinky mit Gerhard Richter, Sigmar Polke, Imi Knoebel und Ulrich Rückriem befreundet und noch während des Studiums hatte Palermo eine erste Einzelausstellung in einer Münchner Galerie. Danach jobbte er zeitweise als Barkeeper im Düsseldorfer "Creamcheese", der von Künstlern wie Günther Uecker avanciert gestalteten Diskothek und Künstlerkneipe. Museumsausstellungen folgten, und schon 1972 wurde Palermo zur documenta eingeladen. Unterdessen heiratete er zwei Mal und ließ sich zwei Mal scheiden, wechselte häufig Wohnungen und Ateliers und lebte zwischen 1973 und 1976 hauptsächlich in New York, wo er sich nachts an den Blues- und Jazzevents in den Bars berauschte. Irgendwann waren dann auch Drogen und viel Alkohol im Spiel.

"Er ließ alles an sich herankommen. Er war eine sehr poröse Natur", sagte Beuys sieben Jahre nach Palermos Tod in einem Interview, in dem er ihn als einen stillen, äußerst sensiblen, oft verzweifelt wirkenden und fast schutzlos durchlässigen Menschen beschrieb, bei dem das Unbehagen an den Verdrängungen und Saturiertheiten seiner Zeit nicht in Aktionen oder Engagement explodierte, sondern in den poetischen Chiffren seiner Kunst implodierte.

"Malen Sie mit Hilfe der Schablone ein blaues Dreieck über eine Tür"

Vielleicht resultiert aus dieser emotionalen Grundierung die rätselhafte Intensität seiner Kunst. So könnte man in den verwischten schwarzen Balken und zerdellten roten Kreisen von zwei Acrylzeichungen von 1976 sehr wohl die jetzt zerstückten Formeln der utopischen Moderne etwa eines Malewitsch sehen, während dieser resignative Impuls der Arbeiten auch in ihrem Titel "Who knows the beginning and who knows the end" anklingt.

Fast nur noch eine Hommage an das Licht scheint dann die Serie von vier kleinen, mit leuchtend hellgelber Acrylfarbe bemalten Aluminiumtafeln. Diese Arbeit muss wenige Wochen vor Palermos Tod entstanden sein. Sie wurde noch unsigniert und daher möglicherweise unvollendet in seinem Atelier gefunden. Diese Gelbballungen kommen, wie so vieles bei Palermo, so frisch daher, als wären sie gerade erst gemalt worden. So war es offensichtlich nicht nur sein früher Tod, der ihm den Stempel "forever young" aufdrückte.

Und doch zeigte sich bei der Vorbereitung der Münsteraner Ausstellung, dass auch ein Palermo altern kann. Sein Auflagenobjekt "Blaues Dreieck" von 1969 besteht aus einer Schablone, einer Tube blauer Farbe, einem Pinsel und der Aufforderung: "Malen Sie mit Hilfe der Schablone ein blaues Dreieck über eine Tür." Als man diese Handlungsanweisung über der Eingangstür der Ausstellung ausführen wollte, musste erst einmal eine neue, farblich genau entsprechende Farbpaste gekauft werden: Die Originaltube war eingetrocknet.


Palermo - Who knows the beginning and who knows the end. 27. Februar bis 15. Mai im LWL-Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster

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