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Kunststar Demand: Großes Pappentheater

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Führerhauptquartier und Barschels Badezimmer: Der Künstler Thomas Demand baut geschichtsträchtige Orte aus Pappkarton nach, fotografiert sie dann - und hat es so zu internationalem Ruhm gebracht. Jetzt zeigt die Berliner Nationalgalerie die bislang größte deutsche Ausstellung seiner Werke.

Uff. Irgendwann beim Gang durch die Ausstellung geht man förmlich in die Knie. Da steht man vielleicht vor einem Foto, das jalousienverhängte Fenster zeigt, und die Bildlegende tönt vom "unerklärlich Schönen", von der "Eingefasstheit aller Bedeutungen" und vom "Widerschein", mit dem wir auf Kunstwerke antworten. Da liegen diese Begleittexte in Vitrinen und stammen nicht von irgendwem, sondern von dem Worte-Meißler des philosophisch abgebundenen hohen Tons, vom Dichter Botho Strauß.

Da lastet dann plötzlich auch die Bedeutungsträchtigkeit des Ausstellungsortes auf einem: die Neuen Nationalgalerie mit der nüchternen, aber nicht pathosfreien Architektur von Mies van der Rohe.

Und man erinnert sich: Im Begleitprogramm sollen über 25 Größen aus Politik, Kultur und Geisteswissenschaften antreten: vom Ex-Innenminister Gerhart Baum und dem Philosophen Jacques Rancière über den Politikwissenschaftler Herfried Münkler und den Regisseur Hans-Jürgen Syberberg bis zum Architekten Rem Koolhaas. Geht's noch?

Allerdings ist auch der ausstellende Künstler nicht irgendwer. Schon 2005 hatte es Thomas Demand (Jahrgang 1964) zu einer Werkschau im New Yorker Museum of Modern Art gebracht. Eine seiner Arbeiten ("Oval Office") entstand als Auftragsarbeit für das Cover des "New York Times Magazine". Heute wird er zwischen New York und Tokio von fünf Galerien vertreten. Aber halten seine 40 in Berlin gezeigten Fotoarbeiten, darunter ganz neue und noch nie gezeigte Werke, dem nobilitierenden Kontext stand? Und wirkt nicht das Wort "Nationalgalerie" als Titel der Schau vollends anmaßend?

Demands Arbeitsweise ist erstmal recht bodenständig: Mit Papier, Pappe und Kleber rekonstruiert er dreidimensionale Modelle von Tatorten, historischen Schauplätzen oder ganz gewöhnlichen Orten - meist nach Medienfotos und in Originalgröße. An diesen temporären Skulpturen bastelt er zusammen mit seinem Team mal nur einige Stunden, mal mehrere Monate. Dann tüftelt er Beleuchtung und Perspektive aus, lichtet mit der Großbildkamera die Attrappen-Pappen ab und stampft diese wieder ein. Die meist großformatigen Abzüge fixiert er zwischen Scheiben aus Aluminium und Plexiglas.

Abgestandener Kaffee und Attentatsspuren

Wer die Arbeiten zum ersten Mal sieht, stutzt vielleicht, geht näher ran und hakt sie mit einem "Ah, Fotos simulierter Wirklichkeiten" ab. Doch von Bild zu Bild verkanten sich die Motive und ihre eigentümlich Darstellung irritierender in ihren Betrachtern.

Demand hat für die Schau nur die Arbeiten ausgesucht, die auf deutsche Orte oder Gehalte anspielen. Dabei changieren die Motive von privaten Belanglosigkeiten bis zum historischen Schicksalsereignis, vom Waschbecken mit benutztem Geschirr und abgestandenem Kaffee bis zum Blick ins Führerhauptquartier mit den Spuren des Attentats vom 20. Juli 1944. Nicht immer nähert er sich dabei dem Ausgangsbild möglichst genau an: Hinter dem Tisch des "Was bin ich?"-Rate-Teams etwa imaginierte er ein neonbuntes Streifenmuster. Immer aber löscht er die Menschen aus den Bildern. Prominentestes Beispiel ist seine Arbeit "Badezimmer", die auf den toten Uwe Barschel im Genfer "Beau Rivage"-Hotel anspielt, genau diesen aber nicht zeigt.

Demands Blick ist ein kühler Blick. Er lässt in unbelebte und zeichenlose Räume sehen, die selbst, wenn sie voll geräumt sind, leer wirken - so als habe sich die innere Leere der Pappdinge nach außen gewendet. In ihnen ist niemand, der zu Identifikation einlädt. Selbst wenn sich manche Arbeit nicht auf ein negatives Ereignis richtet, schaut man auf sie wie unter der Wirkung eines Traumas, wenn der Blick vom Zentrum abgleitet und sich an Unbedeutenden festzurrt.

Bilder gegen vorschnelles Begreifen

Auch alle Schriften und Zeichen, die Zeit, Raum oder Anlass eindeutig identifizieren könnten, sind wie aus den Bildern heraus gesogen. Entsprechend benennen auch die Titel nur Typen von Räumen: "Badezimmer", "Büro", "Archiv", "Kinderzimmer". Mit diesen seltsam geschichtslosen Geschichtsorten schafft Demand Bühnenbilder für die Schemen unserer Erinnerung. Er selbst sagt das so: Nicht die Ereignisse selbst interessierten ihn, "sondern das diffus-schattenhafte Dasein, das sie in dem schattenhaft-diffusen Reich unseres kollektiven Gedächtnisses führen".

Da passt es, dass auch die Ausstellungsarchitektur in der Neuen Nationalgalerie in ein Zwischenreich führt. Stahlgrauer Wollstoff, in üppigem Faltenwurf zu Wänden drapiert, gliedert den sonst offenen, gläsernen Ausstellungsraum. Einerseits nehmen die Stoffe die große Geste der Architektur auf. Anderseits betten sie die Ausstellung in eine heimelig-heimliche Atmosphäre. Schließlich sind Vorhänge gewöhnlich dazu da, Blicke abzuhalten. So zeigt Demands "Nationalgalerie" gerade nicht die repräsentativen Bilder der Deutschen, sondern demonstriert die Unmöglichkeit einer solchen Offensichtlichkeit.

Demand versiegelt Bilder gegen vorschnelles Begreifen und erzeugt im Schwall der anbrandenden Medienbilder eine Art Rückstau, der sich zur zeitgeschichtlichen oder philosophischen Ausdeutung anbietet. So muss man sagen: Die Schau der Neuen Nationalgalerie hängt das Werk Demands ziemlich hoch - aber schlecht hängt es da nicht.


Thomas Demand: Nationalgalerie. 18.9. bis 17.1.2010, Neue Nationalgalerie, Berlin

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