Kunststar Tino Sehgal "Brachial an den Start gehen"

Tino Sehgal ist einer der ungewöhnlichsten Künstler der Gegenwart - er inszeniert Miniaturszenen, live und mit Durchschnittsmenschen. Jetzt stellt er im New Yorker Guggenheim Museum aus. SPIEGEL ONLINE sprach mit Sehgal über immaterielle Kunst und die Empörung über seinen "Kiss".

Spirale des Guggenheim Museums: "Auch menschliches Agieren hat eine Materialität"
AP / Solomon R. Guggenheim Foundation

Spirale des Guggenheim Museums: "Auch menschliches Agieren hat eine Materialität"


Mit Performance-Kunst brachte es Tino Sehgal zum vielbeachteten neuen Star des Kunstbetriebs. Nun bekommt der in Berlin lebende, 33 Jahre alte Künstler eine Einzelausstellung im New Yorker Guggenheim Museum. Das ist umso erstaunlicher, als der Kern seiner Arbeit in der Inszenierung von flüchtigen Begegnungen besteht. Sehgal entwickelt sehr spezifische Situationen, die von ihm beauftragte Durchschnittsmenschen - mal Museumswärter, mal Kinder, mal Akademiker - meist mithilfe der Ausstellungsbesucher zum Leben erwecken. So begrüßte im Hamburger Kunstverein der Kassierer jeden Eintretenden mit der Lesung der täglich wechselnden Schlagzeile einer Tageszeitung. Im Deutschen Pavillon der Venedig-Biennale 2005 wurden die Besucher mit einem "Oh, this is so contemporary!" angesprochen. Und bei "Kiss" versank ein Paar in eine unablässige Folge von Küssen, wie man sie aus Filmen oder der bildenden Kunst kennt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gedacht, als das Guggenheim Sie zu dieser Ausstellung einlud?

Sehgal: Das ist lange her. Ich habe, glaube ich, meiner Lebensgefährtin gesagt, sie soll mal die E-Mail lesen, ob ich das wirklich richtig verstanden habe.

SPIEGEL ONLINE: Da räumt das Guggenheim die Rotunde und die Spirale für Sie, und Sie zeigen jetzt nichts als ein paar Leute, die sich seltsam verhalten?

Sehgal: Das "nichts" würde ich schon mal bestreiten. Und meine Interpreten verhalten sich ja auch gar nicht so seltsam. Auch der Körper und das menschliche Agieren haben eine Materialität. Insofern wird das Museum im materiellen Sinne gefüllt sein. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass wir "etwas" als etwas festes Stoffliches denken.

SPIEGEL ONLINE: Was genau werden Sie zeigen? Ein Konversationsstück und eine Choreografie?

Sehgal: Ja, aber ich sehe es mehr als eine Gesamtinszenierung. Die Ausstellung findet ja im Rahmen der 50-Jahre-Feierlichkeiten des Gebäudes statt, und dementsprechend gab es das Bestreben, mit dem Raum auf eine Weise umzugehen, die seinem Architekten Frank Lloyd Wright entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie darauf, dass Sie im Guggenheim eher ein touristisches Publikum haben werden?

Sehgal: Das beschäftigt mich sehr: Wie kann man es auch logistisch lösen, ein Massenpublikum zu haben, es aber nicht als Masse anzusprechen, sondern die Menschen als Einzelne oder in ihren jeweiligen Konstellationen. Wir leben ja in einer globalen, immer größer werdenden Welt. Andererseits haben wir ein extrem starkes Bewusstsein für unsere Subjektivität wie nie zuvor in der Geschichte. Mir scheint, dass es gesellschaftlich keine unwesentliche Frage ist, wie sich diese gegenläufigen Prozesse miteinander vereinbaren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, dass Sie mit mehr Menschen arbeiten als jemals zuvor?

Sehgal: Ja, mit weit mehr. Wir proben seit Anfang Dezember. Es ist schon viel Aufwand, Leute etwa aus dem akademischen Bereich zu überzeugen mitzumachen, sie einzuführen, zu schauen, dass sie es gut machen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in der Rezeption einen Unterschied zwischen Kunstkennern und Nichtkennern?

Sehgal: Interpreten meiner Arbeiten bei der Venedig-Biennale 2005 haben mir erzählt, dass viele der mehr touristischen Besucher erleichtert waren, dass sie mal angesprochen wurden, dass sie auch mal eine Frage stellen konnten. Ich glaube, dass ich davon profitiert habe, dass meine Arbeit mit einem wenig spezialisierten Publikum funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Reagieren Besucher auch mal unwillig?

Sehgal: Eigentlich nicht. Letztes Jahr, als "Kiss" in Japan gezeigt wurde, gab es täglich Leute, die ärgerlich wurden, da traditionell dort nicht in der Öffentlichkeit geküsst wird. Sonst kaum, denn bei meinen Arbeiten muss man ja nicht stehen bleiben oder mitmachen.

SPIEGEL ONLINE: Manche Ihrer Arbeiten haben aber etwas Überwältigendes, oder?

Sehgal: Ja. Vermutlich liegt das an der Intensität der Erfahrung, im Kunstkontext von anderen Menschen adressiert zu werden, und daran, dass das Gegenüber zurückschaut und einen selbst auch bewertet.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist ein Sehgal gelungen: Wenn das Konzept stimmig ist oder wenn die Realisierung gut verläuft?

Sehgal: Nicht, wenn sie eine schöne Formel ist, sondern wenn sie jemanden bewegt. Besonders nah ist mir "This Situation": Diese Arbeit reflektiert mein Denken vielleicht am stärksten, geht aber auch über mich hinaus, weil so viele interessante und klug denkende Menschen beteiligt sind. Es ist eine Art Salon in Form eines Spiels. Die Spieler bewegen sich ausschließlich sehr langsam - wie ein in Bewegung geratenes Gemälde. Leider würde das mit einem Massenpublikum nicht funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Einerseits setzen Sie auf die Mitarbeit Ihrer Rezipienten, andererseits agieren Sie wie ein Kontrollfreak: keine Fotos, keine Filme, keine Kataloge. Ein Widerspruch?

Sehgal: Nein. Es geht mir ja darum, etwas Nichtmaterielles herzustellen. Warum sollte dann auf der Sekundärebene etwas Materielles entstehen? Außerdem: Wenn man etwas Neues oder Anderes ermöglichen will, muss man brachial mit neuen Regeln an den Start gehen, ansonsten greifen einfach die existierenden Konventionen und man ist wieder beim Status quo.

SPIEGEL ONLINE: Besitzen Sie viele Dinge?

Sehgal: Nein. Insofern ist dieser Ansatz in mir als Person angelegt. Ich empfinde den Raum der Begegnung, den Raum zwischen Menschen als den interessantesten Raum.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Arbeit soll neue Formen des Produzierens anregen. Ist das Spiel, Erziehung oder Politik?

Sehgal: Politik. Es gibt ja ein komplexes Wechselverhältnis zwischen einer Gesellschaft und ihrem Ritual. Und es spricht viel dafür, dass die Ausstellung das Hauptritual unserer westlichen demokratischen Marktgesellschaften ist. Beide sind beispielsweise um die gleiche Zeit entstanden. Die Antike hatte als Hauptritual das Theater. So ein Ritual hat Spiegelungsfunktion, vielleicht aber auch Innovationsfunktion.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Arbeiten schlagen nicht-materielle Produktionsweisen vor. Gibt es die nicht schon? Psychotherapien etwa oder Sportereignisse?

Sehgal: Ja, beides finde ich auch sehr interessant. Wir leben in einer Überschussgesellschaft, in der die Grundversorgung problemlos vorhanden ist, wir aber Einkommen generieren müssen, um an diese Grundversorgung ranzukommen. Da stellt sich die Frage: Machen wir das auf eine unnachhaltige, materialintensive Weise, oder gibt es andere Formen der Einkommensproduktion. Da ist eine Coaching-Session interessant, weil sie dem Bedürfnis nach Subjektivitätsformung entgegenkommt und Einkommen generiert, der Materialaufwand aber gering ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Arbeit funktioniert aber auch auf der psychologischen Ebene?

Sehgal: Ja, bei den Konversationsstücken denkt man vielleicht: Ist es das, was ich gesagt haben wollte? Was sagt das eigentlich über mich, dass ich so reagiere?

SPIEGEL ONLINE: Grenzt Ihre Arbeit nicht an therapeutische Selbstreflexion?

Sehgal: Nein. Therapie folgt der Vorstellung, einen Menschen zu reparieren. Ich verwende zwar ähnliche Techniken, aber es geht um offenere, ästhetische Formungen des Subjekts. Und andererseits gibt es den Aspekt der Selbstbefragung und Selbstverortung bei jeder Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Sie? Ein Konzeptkünstler, ein Bildhauer des Sozialen oder ein Innovationsforscher im Bereich der Produktionsformen?

Sehgal: Das müssen Sie schon selbst entscheiden. Aber ich denke, ich könnte alles als Kompliment auffassen.

Das Interview führte Karin Schulze

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