Kunstzensur in Russland "Ein Russland ohne Demokraten, Liberale und Juden"

Dem Künstler Andrej Jerofejew drohen wegen provozierender Gemälde drei Jahre Lagerhaft. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt sein Bruder Wiktor Jerofejew, warum er die Orthodoxe Kirche, den Einfluss der russischen Rechten und einen Gottesstaat nach iranischem Vorbild fürchtet.

Andrej Jerofejew

SPIEGEL ONLINE: Herr Jerofejew, Ihr Bruder ist wegen "Schürung religiösen Hasses" angeklagt, weil er in einer von ihm organisierten Ausstellung einen Jesus mit Micky-Maus-Kopf und eine Madonna aus Kaviar zeigte. Wie geht der Prozess aus?

Wiktor Jerofejew: Wir werden sehen. Wenn Andrej verurteilt wird, ist das eine dramatische Trendwende. Der Prozess ist ein Gradmesser für die Freiheit der Kunst in Russland. Ich sehe eine Parallele zum Prozess gegen Michail Chodorkowski.

SPIEGEL ONLINE: Der Ölmagnat sitzt seit acht Jahren wegen angeblicher Steuerhinterziehung ein. Ihr Bruder hat als Kurator die Ausstellung "Verbotene Kunst" veranstaltet. Wo sehen Sie denn da eine Parallele?

Jerofejew: Die Verhaftung Chodorkowskis 2003 war ein Warnschuss an die russischen Großunternehmer, die sogenannten Oligarchen, sich aus der Politik herauszuhalten und immer brav den Kreml und die Regierung zu unterstützen. Dieses Ziel ist erreicht worden. Der Prozess gegen meinen Bruder ist ein Signal an alle Künstler. Die orthodoxe Kirche soll unantastbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie denn nicht verstehen, dass sich Gläubige verletzt fühlen, wenn sie Werke von Alexander Kosolapow anschauen? Da ist beispielsweise eine Ikone zu sehen, und an der Stelle, wo normalerweise die Mutter Gottes und das Jesuskind sind, quillt statt Ihrer schwarzer Kaviar hervor.

Jerofejew: Dieses Kunstwerk hat doch einen gleichsam religiösen Kern. Es kritisiert die Verschwendungssucht der neureichen Russen. Der Prozess gegen meinen Bruder ist ein Symbol für die weltweite Agonie der Religion, ihre tödliche Krankheit auf allen Ebenen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso sprechen Sie von einem weltweiten Todeskampf der Religion? Der Islam beispielsweise hat doch viel Zulauf.

Jerofejew: Weil die Symbole der großen Religionen leer geworden sind. Die Menschen können nicht mehr viel damit anfangen, wenn im Neuen Testament Jesus irgendwelche Wunder wirkt, er aus Wasser Wein macht. Und im Koran lässt Allah einen Esel auferstehen. Das ist wie mit den vielen Göttern des antiken Griechenlands. In der damaligen Vorstellung kamen sie wie Menschen daher, stritten miteinander und mischten sich sogar unter die Sterblichen. Dann kamen Philosophen wie Platon, und die alten Götter hatten ausgedient. Auch jetzt sind die Menschen auf der Suche nach neuen Göttern.

SPIEGEL ONLINE: Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, ist ein vergleichsweise liberaler Modernisierer. Hilft das Ihrem Bruder?

Jerofejew: Der Patriarch ist ein Zentrist. Wie schwer aber wiegt das, wenn 90 Prozent der Priesterschaft Fanatiker und Nationalisten sind, wirkliche Finsterlinge? Immerhin hat der Sprecher des Patriarchen zwar die strittigen Kunstwerke als eine Form von Vandalismus verurteilt, aber gleichzeitig zu Barmherzigkeit aufgerufen.

SPIEGEL ONLINE: Ultranationalisten von der Narodnij Sobor, der Volksversammlung, haben Ihren Bruder angezeigt und damit den Prozess ins Rollen gebracht. Wie gefährlich sind diese Leute?

Jerofejew: Im vergangenen Jahr haben Rechtsradikale den Bürgerrechtsanwalt Sergej Markelow und die Journalistin Anastassija Barburowa auf offener Straße ermordet. Die Volksversammlung besteht nicht nur aus alten, frommen Mütterchen, die meinen Bruder im Gerichtssaal beschimpfen und anspucken. Da sind viele junge Männer dabei, richtige Schläger sind das, mit Springerstiefeln und Glatzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Rückhalt haben die Rechtsradikalen in der Bevölkerung?

Jerofejew: Mehr als uns lieb sein kann. Sie träumen von einem Russland ohne Demokraten, Liberale und Juden. Sie stützen sich auf Arme und Ungebildete, aber nicht nur. Es ist traurig und skandalös, dass ein Teil der orthodoxen Kirche mit ihnen sympathisiert und ihre Forderungen im Prozess gegen meinen Bruder unterstützt. Da entsteht ein nationaler Faschismus.

SPIEGEL ONLINE: Warum geht die Regierung nicht hart gegen die Ultrarechten vor?

Jerofejew: Das russische Volk ist leider zur Geisel des Kreml geworden. Wenn von dort eine weitere Demokratisierung angestoßen wird, dann wird der Nationalismus zurückgehen. Wenn sich die Putin-Variante durchsetzt, dann bekommen wir iranische Verhältnisse.

SPIEGEL ONLINE: Sie übertreiben. Russland ist kein Gottesstaat.

Jerofejew: Russland kann aber ganz schnell einer werden. So fürchterlich das ist, aber unser Volk glaubt nicht mehr an die Demokratie. Wenn der Patriarch sich zum geistigen Übervater der Nation aufschwingt und im Kreml jemand sitzt, der von niemandem mehr wirklich kontrolliert wird, dann haben wir iranische Verhältnisse. Ich komme gerade aus Teheran und weiß, wovon ich rede.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie in Iran gemacht?

Jerofejew: Ich habe mein Buch "Der gute Stalin" vorgestellt, das dort ein Bestseller ist. Es interessiert die Liberalen und die Fundamentalisten. Die Liberalen, weil sie damit den Totalitarismus bekämpfen wollen. Die Fundamentalisten, weil sie glauben, ihr System noch perfektionieren zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sie denken, dass Stalin weniger Macht hatte als die Teheraner Theokraten. Wieso?

Jerofejew: Weil er Herr über Leben und Tod in seinem Staat war, nicht aber über das Leben nach dem Tod.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie, wenn Ihr Bruder zu Lagerhaft verurteilt wird?

Jerofejew: Das wäre schrecklich. Ich würde alle meine deutschen und ausländischen Freunde in der Kulturszene, die Schriftsteller, Maler, Galeristen dazu aufrufen, jeden Kontakt mit russischen Kulturbehörden und staatlichen Museen einzustellen. Die zweieinhalb Jahre, seit der Prozess läuft, waren für meinen Bruder und seine Familie ohnehin schon eine schwere Belastung. Er durfte nicht ins Ausland reisen und konnte nicht einmal seine deutsche Frau besuchen.

Das Interview führte Matthias Schepp in Moskau

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