Kunstzensur in Russland: Marilyn mit Sprengstoffgürtel

Von Carmen Eller, Moskau

Die Kunst der Zensur beherrscht Russland wie nur wenige Staaten. Kreative Provokateure haben es schwer, jetzt wird wieder einem Kurator der Prozess gemacht - weil die Werke, die er zeigt, angeblich zu religiösem und nationalem Zwist anstacheln.

Andrej Jerofejew, Chefkurator für Gegenwartskunst der Staatlichen Tretjakowgalerie in Moskau, versteht die Welt nicht mehr. Der brav aussehende Mann mit Brille und Cordblazer ist angeklagt nach Artikel 282 des russischen Strafgesetzbuches: Religiösen und nationalen Zwist soll er geschürt haben. Dabei hat er doch nur getan, was die Aufgabe eines Kurators ist: Kunstwerke zu zeigen. "Es war meine bisher kleinste Ausstellung", sagt Jerofejew über sein Projekt "Verbotene Kunst 2006" und lächelt verwundert. Ganz so, als könne er selbst kaum glauben, was es ausgelöst hat.



Der Bruder des bekannten Autors Wiktor Jerofejew ("Die Moskauer Schönheit") wählte 24 Werke aus, die der Zensur russischer Medien zum Opfer gefallen waren. Zum Beispiel eine Blondine unter der Öldusche, einen grinsenden Milizionär mit Dollarnoten, eine Ikone aus Kaviar. Oder auch die "tschetschenische Marilyn", eine Fotoarbeit der sibirischen Künstlergruppe "Blaue Nasen". Ihr schwarzes Gewand fliegt so hoch wie Marilyn Monroes Rock in Billy Wilders Film "Das verflixte 7. Jahr". Auf ihren schwarzen Strümpfen aber prangen weiße Totenköpfe, dazu trägt sie einen Sprengstoffgürtel.

Perspektive der Angst

Mit Problemen hatte Jerofejew gerechnet. Deshalb erblickte, wer den Ausstellungsraum betrat, zunächst nur weiße Wände. Um die dahinter verborgenen Bilder zu sehen, mussten die Besucher auf Leitern steigen und durch winzige Gucklöcher linsen. Es war eine Schutzmaßnahme, aber auch ein Sinnbild für die Angst. Die Werke offen zu zeigen, wagte man nicht. Ärger gab es trotzdem.

Nach einem Wink aus dem Pressereferat des Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche hagelte es Anzeigen von religiösen und rechtskonservativen Gruppierungen wie der "Volkskirche" oder der "Bewegung gegen illegale Immigration". "Mein Mann ist streng orthodoxen Gläubigen ein Dorn im Auge", sagt Silke Högner-Erofeeva, die Ehefrau des Kurators. "In einer Zeit hoher Ölpreise herrscht in der Gesellschaft ziemliche Zufriedenheit", meint Jerofejew selbst. "Sie möchte weder religiöse, politische noch kulturelle Probleme ansprechen – auch nicht in der Kunst."

Ärger entlädt sich allerdings nicht nur gegenüber dem Kurator, sondern auch gegenüber Juri Samodurow, dem Direktor des Moskauer Sacharow-Zentrums, wo Jerofejew seine Ausstellung zeigte. Dort, unweit des Kursker Bahnhofs weht ein freigeistiger Wind. Hier diskutieren Menschenrechtler über Demokratie, hier erinnert ein Museum an den Gulag, hier zeigt der Direktor Juri Samodurow politisch brisante Arbeiten: bissige Plakate zur Ära Putin etwa, Porträts politischer Gefangener, Gemälde zur Geiseltragödie in Beslan.

Im Jahre 2003 stürmten orthodoxe Nationalisten das Zentrum und verwüsteten Exponate der Ausstellung "Vorsicht, Religion!" Im darauf folgenden Prozess verurteilten die Richter aber nicht die Krawallmacher, sondern die Kuratoren wegen "Schürung von nationalem und religiösem Zwist". Nun ist Samodurow wieder angeklagt. Weil er die Türen seines Zentrums für Jerofejews Ausstellung geöffnet hat, droht ihm eine Gefängnisstrafe.

"Schande für Russland"

"Ein Gespenst geht um in Russland, das Gespenst des religiösen Nationalismus und der Intoleranz, und was es als Nächstes erzürnen kann, weiß niemand", schreibt der russische Philosoph Michail Ryklin in seinem Essay "Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie". Zeitgenössische Kunst wurde in Russland auch in jüngster Zeit immer wieder zum Zankapfel. Als besonders skandalträchtig erwiesen sich dabei die Werke der "Blauen Nasen".

2007 hielt der russische Zoll sechs Exponate, die zur Ausstellung "Learning from Moscow" in die Städtische Galerie nach Dresden reisen sollten, am Flughafen zurück. Unter anderem "Brenne, brenne, meine Kerze", eine Fotocollage, in der die "Blauen Nasen" vor einem Wandteppich mit Pappmasken von Putin, Puschkin und Christus posieren. Wenige Monate später sorgte die von Andrej Jerofejew konzipierte Ausstellung "Soz-Art. Politische Kunst in Russland" für Wirbel.

Dieses Mal mussten Werke zurückgezogen werden, die für das Pariser "Maison de Rouge" vorgesehen waren. Darunter die knutschenden Polizisten und die "Masken-Show" der "Blauen Nasen", eine Serie von Collagen, die prominente Politiker beim Schäferstündchen zeigen (etwa einen flotten Dreier zwischen Bin Laden, Saddam Hussein und Condoleezza Rice). Der damalige Kulturminister Alexander Sokolow nannte einzelne Exponate "eine Schande für Russland".

Auch wenn er als Mitglied der "Blauen Nasen" immer wieder ins Visier gerät – Künstler Alexander Schapurow ärgert sich, wenn derartige Vorfälle automatisch der Politik des russischen Staates zugeschrieben werden. "Was würde man in Deutschland sagen, würden Künstler Angela Merkel beim Sex mit Adolf Hitler zeigen?" Selbstzensur gebe es nicht nur in Russland. Man müsse sich nur an die Ereignisse um die Mozart-Oper "Idomeneo" an der Deutschen Oper in Berlin erinnern, als die Intendantin eine Inszenierung aus Furcht vor Islamisten aussetzte.

Die Kunst des Gehorsams

Offensichtlich ist allerdings der große Einfluss orthodoxer und rechtskonservativer Kreise auf die russische Justiz. Künstler, die mit religiösen Symbolen arbeiten oder sich ironisch auf Politik und Pornografie beziehen, müssen mit Ablehnung rechnen. "In der Sowjetunion gab es die Zensur. In Russland gibt es die Selbstzensur", sagt Jerofejew.

Problematisch sei auch, dass Direktoren von Museen in der Regel Staatsdiener seien, die wenig von Kunst verstünden. Oftmals wiesen sie Kuratoren an, Werke zu entfernen, ohne ihre Entscheidung mit Argumenten zu begründen. Vor allem in der Provinz. Mit seiner eigenen Ausstellung "Verbotene Kunst 2006" habe er kein politisches Statement abgeben wollen, betont der Kurator. "Wir wollten einfach erörtern, in welchem Format man diese Bilder zeigen kann."

Der Prozess um die Ausstellung wird seine eigene Antwort auf diese Frage geben. Noch ist das Urteil offen, aber schon jetzt scheint sicher: Es wird der Kulturszene auch als Seismograf dienen. Für die Stimmung in Medwedews Russland.

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