Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ausstellung "Wir kommen auf den Hund!": Auf sie mit Gebell!

Von

Endlich dürfen auch Hunde ins Museum: Dackel, Terrier und Pudel sind zu Führungen durch die Berliner Ausstellung "Wir kommen auf den Hund!" eingeladen. Dort können sie bewundern, wie ihre Artgenossen in der Kunst dargestellt werden.

Taco, 6, ist ein Hund, genauer gesagt ein Zwerggriffon, und Taco interessiert sich für ein Bild von Otto Dix. Es hängt in der Sommerausstellung "Wir kommen auf den Hund!" im Berliner Kupferstichkabinett (noch bis 20.9.), und zwar genau auf seiner Schnauzenhöhe. Und weil Taco nun schon ein paar Minuten vor dem Bild steht, das "Hugo Erfurth mit seinem Schäferhund Ajax" zeigt, geht sein Frauchen davon aus, dass Taco dieses Bild ziemlich spannend findet und beglückt ist über seinen ersten Museumsbesuch. Sie jedenfalls findet es "eine schöne Idee", dass sie zusammen mit ihrem Hund die Ausstellung ansehen kann. Denn normalerweise dürfen Hunde Museen nicht mal betreten. Und "recht öffentlichkeitswirksam", sagt Tacos Besitzerin, sei es auch noch.

Das ist allerdings sehr wahr: Schon zur ersten "Führung für Hunde mit Begleitern am anderen Ende der Leine" kamen rund ein Dutzend Hundebesitzer mit ihren Lieblingen und mindestens genauso viele Journalisten - besonders solche mit Kameras.

Viel Gebell und eine Pfütze

Das war vor einer Woche, und inzwischen gab es die zweite Führung, und vier weitere stehen noch an. Der erste Sonderbesuch für Hunde verlief relativ laut, es wurde viel gebellt, gejault, gelacht, eine gelbe Pfütze blieb zurück. Es gab Hunde-Annäherungsversuche, und ein Ausreißer musste eingefangen werden, bevor es überhaupt mit der Führung losging. Dagegen verlief die zweite Führung mit genau so vielen Hunden ruhig: Heidi, ein heller Labrador, lag voll entspannt in der Ausstellung, ein winziger Dackel guckte zufrieden auf das Bild, vor das ihn sein Frauchen hielt. Leider war es nicht vom Dackel-Besitzer Picasso, weil dessen Bild in einer zu hohen Vitrine liegt.

Die Zeichnungen, Druckgrafiken, Ölskizzen und Aquarelle stammen aus fünf Jahrhunderten - denn der Hund ist schon seit den frühen Felsritzzeichnungen präsent in der Kunst- und Kulturgeschichte. Als Jagd-, Schäfer-, Rettungs- und Spürhund, Wach-, Zieh- oder Schoßhund begleitet er seit Jahrtausenden die Menschen, er wurde Teil der bürgerlichen Lebens- und Gefühlskultur, manchmal dient er heute als sozialer Begleiter, der den Partner ersetzt - der Hund als bester Freund des Menschen.

Emotional bis ironisch

Rassen definieren auch den Einsatzbereich der Tiere. Taco, der Zwerggriffon zum Beispiel, galt vor Jahrhunderten in Brabant als der beste Rattenfänger, bis in die Zwanzigerjahre war er dann besonders in Berlin als Schoßhund beliebt. Für solche historischen, gesellschaftlichen und emotionalen Aspekte der Mensch-Hund-Beziehung fanden die Kuratoren des Kupferstichkabinetts etwa 2000 Belege in den eigenen Beständen; die 100 ausgewählten ordneten sie in sechs Abteilungen ein.

Die Bilder zeigen Wach-, Hüte-, Jagd- und Schoßhunde. Und gequälte Arbeitstiere: Unter dem Motto "Ein Bild von einem Hund" zeichnete Adolph Menzel um 1864 in erdigen Brauntönen den Hund als vor den Karren gespanntes Zugtier, das eingeschirrt und geschunden im Rinnstein liegt und nicht mal mehr Interesse für die Katze aufbringen kann, die gerade aus einem Kellerloch klettert.

In "Hunde, Hunde überall" sitzt das älteste Haustier sogar in der Schöpfungsgeschichte zu Füßen von Adam und Eva, auch, wenn es nicht in der Bibel verbrieft ist, dass die beiden einen Hund hielten. Andere Grafiken zeigen ihn als treuen Bewacher von Haus und Hof.

Auch als Modell konnten Hunde sich verdingen. Künstler fertigten Porträts an und bewiesen damit ihre zeichnerischen Fähigkeiten, wie Agostino Carracci in der Kopfstudie eines Spaniels um 1598. Mit den unangenehmen Seiten der Hundehaltung kann man auch provozieren, wie Rembrandt oder Dieter Roth vorführten: Der eine zeigt 1633 im Vordergrund seiner Radierung "Der barmherzige Samariter", wie ein Hund einen Kothaufen auf die Straße setzt; der andere malt ein dynamisches "Selbstbildnis als Hundehauf in Stuttgart am 27.10.73".

Und natürlich ist da auch der Hund als Jagd-Kamerad. Zu den vielen ausgestellten Jagd-Szenen gehört auch Albrecht Dürers größter Kupferstich "Der Heilige Eustachius", auf dem Eustachius, umgeben von seinen Hunden, einem Hirsch mit Kruzifix im Geweih begegnet und Christ wird.

Der schmale Windhund als modisches Accessoire

Diesseitiger wird es bei "Herrchen, Frauchen, Kind und Hund". Treue und Emotionen werden thematisiert, etwa bei Max Liebermann, bei dem Hund und rudernder Herr im selben Boot sitzen. Otto Dix zeichnete den Sammler Hugo Erfurth mit dessen Hund, und von Hendrick Goltzius stammt ein Kupferstich, der den Sohn eines Freundes mit seinem Hund zeigt. Bei Ludwig Kirchners "Dame mit Hund" gibt der schmale Windhund allerdings nur ein modisches Accessoire ab.

Mit der ironischen Doppeldeutigkeit von "Auf den Hund gekommen" endet die Schau: Sigmar Polkes zeigt einen bettelnden Hund in der Kölner Fußgängerzone. Gemein ist Otto Dix' "Streichholzhändler"-Bild (von 1920), auf dem die Menschen vor dem beinamputierten Kriegsversehrten weglaufen, ein Dackel aber stehenbleibt, um an dessen Beinstumpf zu pinkeln.


Infos zu Führungen mit Hund
Für die Führungen mit Hund ist eine Anmeldung bis drei Werktage vor Beginn nötig. Unter der Nummer +49 30 266424242 oder unter service@smb.museum.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
espet3 28.07.2015
Kommt Berlin noch mehr auf den Hund? Es reicht doch !!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Facebook
Anzeige


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: