Kuriose Museums-Funde "In Hitlers Globus klappert die Kugel"

Das Deutsche Historische Museum eröffnet seine Dauerausstellung mit Tausenden von Exponaten - von Napoleons Schnupftuch über Hitlers Schreibtisch bis zum Kinderwagen der RAF-Terroristen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der stellvertretende Generaldirektor Dieter Vorsteher über kuriose Funde.


Dieter Vorsteher: "Wie die Geschichte ist eine Ausstellung ein sich ständig wandelnder Prozess"
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Dieter Vorsteher: "Wie die Geschichte ist eine Ausstellung ein sich ständig wandelnder Prozess"

SPIEGEL ONLINE: Herr Vorsteher, wo befanden sich eigentlich die historischen Gegenstände aus Ihrer Ausstellung, bevor sie ins Deutsche Historische Museum kamen?

Vorsteher: Der größte Teil lag über Jahrzehnte in den Depots des Königlich Preußischen Zeughauses und in den Sammlungen des Museums für Deutsche Geschichte/DDR oder stammt aus verschiedenen Privaten Sammlungen. Das Deutsche Historische Museum sammelt seit 1987 auf dem internationalen Kunstmarkt. Manchmal wurde die Sammlung glückhaft beschenkt. So überreichte in der Frühphase der DDR der Präsident der damaligen Tschechoslowakei, Klement Gottwald, dem SED-Vorsitzenden Otto Grotewohl ein Fragment aus dem Heliand, die sächsische Sagengeschichte über Jesus als Ritter aus dem Jahr 830. Nach dem Fall der Mauer ist es dann in unseren Besitz des Deutschen Historischen Museums gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Ausstellungsstücke, die zufällig gefunden wurden?

Vorsteher: Ja, zum Beispiel die Urkunde der Verfassung der Paulskirche von 1849, die nach dem Scheitern der Revolution nie in Kraft trat. Ein Abgeordneter, der die Verfassung als einer der letzten unterschrieb, steckte sie ein und floh nach England. Erst 1870 holte er sie zurück nach Berlin ins Reichsarchiv. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt sie lange als verschollen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde das Dokument dann wieder entdeckt?

Vorsteher: Durch Zufall. Ein Kind hatte es 1952 im Neuen Garten in Potsdam unter einigen Büschen gefunden. Dort muss die Urkunde sieben Jahre gelegen haben. Aber wie sie nach Potsdam kam, ist unbekannt.

SPIEGEL ONLINE: In der Ausstellung ist auch der Globus von Hitler zu sehen. Nahm der einen ähnlich ausgefallenen Weg?

Vorsteher: Nein. Der wurde bereits 1945 in der Reichskanzlei eingesammelt. Es ist ein Glück, dass er erhalten blieb. Man sieht, dass ein Rotarmist mit seiner Waffe auf jene Stelle geschossen hat, wo das Deutsche Reich lag. Das Loch ist geblieben und in dem Globus hört man heute noch die Kugel klappern.

SPIEGEL ONLINE: Zum ersten Mal wird bei Ihnen auch der Schreibtisch von Hitler zu sehen sein. Wieso wurde er noch nie ausgestellt?

Vorsteher: Bisher bestand wohl kein Interesse daran, das Möbelstück auszustellen. Es passte bisher in keine der Ausstellungen, die sich mit dem NS-Staat befasst haben.

SPIEGEL ONLINE: War da wirklich kein Interesse oder wurde diese Entscheidung aus Gründen der Pietät getroffen?

Vorsteher: Sicher, das kann manchmal das Gleiche bedeuten. Aber man kann den NS-Staat wohl kaum auf den Schreibtisch Hitlers reduzieren. Dazu ist dieser Teil der deutschen Geschichte zu komplex. In der bei uns breit dargestellten Geschichte des Dritten Reiches bildet er nur einen Aspekt des Terrorstaates. Er ist eine Leihgabe der Oberfinanzdirektion München.

SPIEGEL ONLINE: Aber wurde denn in der Vergangenheit nicht danach gefragt?

Vorsteher: Die Oberfinanzdirektion macht keine Museumsarbeit und gibt auch keinen Museumskatalog heraus. Man überlegt sich dort sehr wohl, wer Leihgaben aus der NS-Zeit bekommt. Aber welches Bundesland hätte Interesse gehabt, sich in der Nachkriegszeit einen Schreibtisch von Hitler hinstellen zu wollen? Dass er heute ausgestellt wird, hängt auch mit der Gründung unseres Museums und dessen Auftrag zusammen, eine gesamtdeutsche Geschichte im europäischen Kontext darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich auch Leihgaben, die nicht aus Ihrem Bestand stammen? Vielleicht sogar aus privatem Besitz?

Vorsteher: Eine Dauerleihgabe aus privater Hand sehe ich jetzt nicht. Aber aus der Aservatenkammer des Bundeskriminalamtes haben wir den Kinderwagen bekommen können, der 1977 beim tödlichen Anschlag der RAF auf Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer eine wichtige Rolle spielte. Die Terroristen ließen den Wagen auf die Straße rollen, um dessen Limousine zu stoppen und Schleyer zu entführen, sein Fahrer und die ihn begleitenden Leibwächter wurden erschossen. Die letzten 30 Jahre wurde das Gefährt vom BKA zur Spurensicherung benutzt, jetzt haben sie uns den Wagen erstmals ausgeliehen, um die Geschichte der RAF darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn auch Objekte, die Sie gerne gehabt hätten, aber die nicht zugänglich waren?

Vorsteher: Man wünscht sich vieles. Aber die Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reichs liegen nun mal in Wien - wo sie auch hingehören. Für die jetzige Ständige Ausstellung sind wir erst mal wunschlos glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das mit unauffindbaren Gegenständen? Suchen Sie noch etwas Wichtiges?

Vorsteher: Zur Zeit nicht. Wenn ich die Frage aber auf die Geschichte unseres Museums beziehe, dann ist nach 1945 sehr viel von dem alten Zeughausbestand verschollen geblieben. Es gibt Vermutungen, dass die Stücke in Moskau und in Warschau noch in militärhistorischen Museen stehen. Vielleicht wird es einmal eine Zeit geben, wo man sich mit beiden Ländern auf kollegialer Ebene über dieses Beutegut unterhalten kann. Die ersten Versuche Anfang der 90er Jahre sind ergebnislos geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal bekommt man ja für eine Ausstellung auch Gegenstände, die man eigentlich gar nicht gesucht hat. Man hört von einem besonderen Schnupftuch Napoleons. Was hat es damit auf sich?

Vorsteher: Ein preußischer Soldat hat auf dem Schlachtfeld von Waterloo aus dem Tornister eines Gefallenen Bouillonwürfel und Schokolade mitgehen lassen. Er fand in einer umgeworfenen Kutsche ein seidenes Schnupftuch und wickelte das Essen darin ein. Erst später erkannte er das napoleonische Wappen. Und plötzlich war das Tuch wichtiger als Bouillon und Schokolade, eine Trophäe für den gemeinen Soldaten. Wir wissen das so gut, weil er ausführlich beschrieben hat, wie er an das Tüchlein gekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sind Tuch und Beschreibung zu Ihnen gelangt?

Vorsteher: Die Objekte haben wir vor einer Woche von einem privaten Spender geschenkt bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist dieser Spender auf die Idee gekommen?

Vorsteher: Da nun die Eröffnung der Ständigen Ausstellung bevorstand, ist er auf uns aufmerksam geworden. So sind heute mehr Leute bereit, uns Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise haben wir noch in den letzten Monaten den Adelsbrief von Scharnhorst und einige Gemälde erhalten. Viele wollten noch unbedingt ihr Bild, ihr Objekt in unserer Ständigen Ausstellung unterbringen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Ihnen denn noch immer etwas anbieten?

Vorsteher: Nein, im Moment nicht mehr. Bis vorgestern haben wir noch Stücke aufgenommen. Heute ist die Ausstellung komplett und wird eröffnet. Aber eine Ausstellung wandelt sich ja, so dass wir in vier Monaten anfangen werden, einzelne Dinge auszutauschen, Neues und Interessantes hinzuzufügen. Wie die Geschichte ist auch eine Ausstellung ein sich ständig wandelnder Prozess.

Das Interview führte Christopher Stolzenberg



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