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Kusch bei Friedman: "Wie fühlt man sich als Deutschlands Todesengel Nummer eins?"

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Skandal-Sterbehelfer Roger Kusch hat in Michel Friedmans Sendung erstmals zugegeben, bei seiner Todesvideo-Aktion den Arzt für die tödlichen Drogen vermittelt zu haben. Der Moderator war in der Sendung aggressiv wie selten - und trieb so den selbsternannten Missionar geschickt in die Enge.

Hamburg - Das Duell läuft gerade sieben Minuten, da ringt Michel Friedman seinem Gast das Geständnis ab. Da gibt Sterbehelfer Roger Kusch plötzlich zu, der 79-jährigen Bettina Schardt den Arzt empfohlen zu haben, der ihr das tödliche Gift für ihren Selbstmord verschrieb. Ein wichtiges Detail, zu dem Kusch in den vergangenen Tagen wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens geschwiegen hatte - doch in der N24-Sendung "Studio Friedman" sagt er dann den entscheidenden Satz: "Ich weiß nicht, ob sie ohne meine Vermittlung an den Richtigen geraten wäre."

Moderator Friedman, Sterbehelfer Kusch: "Ich habe niemanden umgebracht"
N24

Moderator Friedman, Sterbehelfer Kusch: "Ich habe niemanden umgebracht"

Friedman ist Deutschlands Radikaltalker schlechthin, der Chef-Scharfrichter des Fernsehens - dass er den Publicity-heischenden Sterbehelfer und seine Thesen vor der Kamera auseinanderpflücken würde, war keine Überraschung. Dass er aber so leichtes Spiel mit Kusch hatte, ist ungewöhnlich.

Man könnte daraus schließen, dass sich der Hamburger Ex-Senator tatsächlich in der Defensive fühlt - seit er am vergangenen Montag im Konferenzraum eines Hotels die Videoaufnahmen einer sterbewilligen Rentnerin vorführte, um für aktive Sterbehilfe zu werben. Kusch kam bei Friedman kaum dazu, einen Satz zu Ende zu sprechen. Der Moderator wollte die öffentliche Abrechnung mit seinem Gast.

Zu den harmloseren Momenten gehörte noch Friedmans Eröffnungsfrage, die jeden anderen Interviewpartner erst mal aus der Bahn geworfen hätte: "Wie fühlt man sich eigentlich als Deutschlands Todesengel Nummer eins?" Kusch sagt, er könne mit der Wortwahl nichts anfangen, und blockt ab. So geht es dann weiter.

Die Arena Friedman ist eröffnet

Auch wenn Friedmans Verhörstil schon immer an Verbalfolter grenzte - man kann im "Studio Friedman" mit halbwegs plausiblen Argumentationssträngen durchaus bestehen. Kusch dagegen bewies in den 25 Minuten, dass er eigentlich keinen Diskurs mehr führen will. Er möchte nur noch bekehren. Er ist auf einer Mission. Mögen die Kritiker noch so sehr toben.

"Bettina Schardt hat die Entscheidung über ihren Suizid selbst getroffen", sagt Kusch. Sie habe sich schon um einen Termin beim Sterbehilfeverein Dignitas in der Schweiz bemüht. Nicht er habe ihr das Leben genommen, sie selbst sei es gewesen. Er nehme die Menschen ernst, auch dann, wenn sie sterben wollten. Kusch sagt all diese Sätze mit unerschütterlicher Selbstüberzeugung, kontrolliert, stur, fast regungslos. Er hat sie in dieser Woche oft wiederholt. Doch das reicht nicht in Friedmans Arena.

"Was ist mit Ihrer persönlichen Verantwortung?", donnert der Moderator. "Sie hätten Bettina Schardt dabei helfen können, besser zu leben!"

Und dann: "Woher nehmen Sie sich das Recht heraus, einen Menschen eher in den Tod als in ein anderes Leben zu begleiten?"

Der Talker hat gefühlte 300 Fragen vorbereitet. "Machen Sie es sich nicht zu leicht, die Ängste der Menschen vor dem Pflegeheim zu entsorgen, indem sie die Menschen gleich mit entsorgen?"

Aus Fragen werden Vorwürfe, im Sekundentakt. Kusch widerspricht reflexartig, selbst wenn es ihm schadet. Frau Schardt sei nicht einsam gewesen, sagt er trotzig. Umso unverständlicher, dass sie sterben musste, sagt Friedman. Das Wortgemetzel nimmt zuweilen groteske Züge an:

Friedman: "Wer sind Sie eigentlich, dass Sie entscheiden, wem Sie beim Sterben helfen, und wem nicht?"

Kusch: "Zumindest bin ich der, der um Hilfe gebeten wurde."

Friedman: "Das ist eine furchtbare Vorstellung von Selektion!"

Kusch: "Sie brauchen mich ja nicht um Hilfe zu bitten, Herr Friedman."

In seinen abgebrühtesten Augenblicken erlaubt sich Kusch keine Geste des Durchatmens, keinen Versprecher, teilweise schaut er leidenschaftslos wie ein Dauerschulschwänzer, dem der Mathematiklehrer mit dem sechsten Eintrag ins Klassenbuch droht. Friedman hingegen legt immer weiter nach - und Kusch bietet ihm viel Gelegenheit dazu.

Kusch: "Ich habe Frau Schardt intensiv kennengelernt ..."

Friedman: "Gründlich? In drei Monaten? Nach vier Treffen? Ich bin vier Jahre verheiratet, und weiß noch immer nicht, ob ich meine Frau gut kenne!"

In Momenten wie diesen entlarvt sich Kusch selbst, indem er seine Dogmen einfach beschwörend wiederholt: Niemand wolle über Menschen sprechen, die sich in ihrer Verzweiflung vor einen ICE werfen, sagt er, und er habe Bettina Schardt nur den Wunsch erfüllt, im eigenen Bett zu sterben. Mitschuldig an ihrem Tod fühle er sich nicht: weil bei der Rentnerin "medizinisch Hopfen und Malz verloren" gewesen seien.

Das sagt Kusch wirklich so.

Manchmal verrät einen die Sprache, die man benutzt.

"Dann hab' ich echt die Arschkarte!"

Irgendwann setzt der Gastgeber an, die Persönlichkeit des Roger Kusch zu packen: "Was sind Sie eigentlich?", singsangt Friedman listig und beugt sich über das Diskussionspult. "Ein Genie? Ein Scharlatan? Ein Hochstapler?"

Zwinkerfrei hält Kusch Friedmans verachtendem Blick stand. Die Regie fängt seine Augen mit der Kamera in dramatischer Nahaufnahme ein. Im Hintergrund leuchtet das Bild der weißhaarigen, lächelnden Bettina Schardt kurz vor ihrem Tod - das Foto einer Frau, die in Panik vor dem Altersheim und Einsamkeit einen Giftcocktail schluckte, es ist zum Symbol für Kuschs morbide Mission geworden.

Als Friedman zu merken scheint, dass dem "Menschen Kusch" an diesem Tag nicht noch ein Geständnis zu entreißen ist, wird er härter: "Woher maßen Sie sich eigentlich an, der Richter über Leben und Tod zu sein?" Und: "Wenn ich Sie zum falschen Zeitpunkt kennenlerne, habe ich ja echt die Arschkarte!"

Auch das sagt Friedman wirklich so.

Kusch: "Ich habe niemanden umgebracht!"
Friedman: "Ohne Sie wäre Bettina Schardt aber nicht tot!"
Kusch: "Ich habe nicht ..."
Friedman: "Sie haben ihren Tod kausal mitverantwortet! Sie haben den Selbstmord, die schwerste Entscheidung, die ein Mensch treffen kann, beeinflusst!"

So geht das immer weiter, und nein, Kusch gibt sich nicht geschlagen. Er geht sogar so weit, seine Sterbehilfeaktion noch als "Akt christlicher Nächstenliebe" zu bezeichnen. Es sei möglich, sagt er, "dass der liebe Gott das Verhalten von mir in Würzburg billigt".

Und das Geld, das er mit Sterbehilfe verdienen will? Er habe die "Frage der Finanzen" bisher nicht abschließend "durchdacht", sagt Kusch. "Bisher habe ich am Tod wenig Geld verdient."

Auch das sagt er wirklich so.

Und fügt hinzu, er "schließe gar nichts aus. Sogar nicht, dass ich wieder zu Ihnen in die Sendung komme."

Das brächte ihm dann wieder ein bisschen Publicity.

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