Kusch bei Plasberg Todesschwingen ausgebreitet, Diskussion erstickt

Frank Plasberg gegen Roger Kusch: Der ARD-Nachhaker diskutierte mit dem Todesengel über Nächstenliebe und Sterbehilfe - und scheiterte wie alle anderen Medienprofis vor ihm an dieser Aufgabe.

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Als Todesengel ist er bekannt im ganzen Land. Schon deshalb, weil Roger Kusch zurzeit viel in Talkshow-Studios sitzt und auch sonst keine Kamera scheut – manchmal hat er gar selbst eine dabei, um sein düsteres Handwerk eigenhändig in Szene zu setzen. Doch es ist ja nicht so, dass er ganz plötzlich mit seinen schwarzen Schwingen im Zentrum der Medienöffentlichkeit gelandet wäre. Der Mann hat eine lange Geschichte, und Frank Plasberg genoss es gestern in der Mitte seiner Talkshow zum Thema Sterbehilfe sichtlich, einen Teil dieser Geschichte als Einspieler zu präsentieren.

Sterbehilfeverfechter und Medienprofi Roger Kusch: "Herr Plasberg, Sie haben es in der Hand, mich in Ihre Sendung einzuladen"
WDR

Sterbehilfeverfechter und Medienprofi Roger Kusch: "Herr Plasberg, Sie haben es in der Hand, mich in Ihre Sendung einzuladen"

Dass es einst Kuschs erste Amtshandlung als Hamburger Justizsenator war, eigenhändig die Spritzenautomaten in Gefängnissen zu entfernen, die eine Infektion der Insassen mit dem HI-Virus verhindern sollten, sparte der Beitrag dabei ebenso aus wie seine in Hamburg verwirklichten inhumanen Knastvisionen nach US-Vorbild.

Dafür wurde gezeigt, wie die "lächelnde Guillotine" (Kuschs damaliger Spitzname im Rathaus) ohne Absprache für die Komplettabschaffung des Jugendstrafrechts stritt und nach der Entfernung aus dem Amt erst eine Partei und dann einen Sterbehilfeverein unter eigenem Namen gründete.

Gewohnt direkt fragte der Moderator im Anschluss an das Mini-Porträt: "Herr Kusch, finden Sie Ihren Namen so schön?" Worauf der antwortet: "Herr Plasberg, Sie haben es in der Hand, mich in Ihre Sendung einzuladen." So wie sich hier die inzwischen recht ausgefeilte Technik Kuschs zeigte, alle an ihn gerichteten Fragen erstmal ins Leere laufen zu lassen, so offenbarte sich auch die Grundproblematik des Talkshowbetriebs im Umgang mit ihm: Da wird jemand zum Diskurs eingeladen, dem man erstmal die Diskursfähigkeit abspricht. Aber warum holt man sich überhaupt jemanden an den Tisch, mit dem man dann eigentlich nicht wirklich sprechen will? Wie soll das gehen?

Verlierer ist nie der Polit-Egomane Kusch

Eben gar nicht. Verlierer ist dabei niemals der Polit-Egomane Kusch, der jede Form der Öffentlichkeit auf der Haben-Seite verbucht, sondern die Gesprächskultur. Das zeigte sich übrigens nicht erst Ende letzter Woche, als Michel Friedman in seiner Talkshow auf N24 die bizarre Selbstinszenierungen Kuschs nur mit ebenso bizarrer Gaga-Rhetorik zu kontern wusste. Auch das Team des N3-Satire-Magazins "Extra 3" machte schon mal eine extrem schlechte Figur, als sie Kusch nach dessen Parteineugründung ins Studio eingeladen hatte, um dann Zoten über dessen offen gelebte Homosexualität zu reißen. So ist es immer bei Kusch: Die, die ihn (zu Recht) demontieren wollen, demontieren bloß sich selbst.

Die Geschichte der Verfehlungen im medialen Umgang mit Roger Kusch ist also lang. Die Frage gestern war: Kann Frank Plasberg, der harte und kühl kalkulierende Nachhaker, einen Schlussstrich unter diese Geschichte setzen?

Am Anfang machte er alles richtig. Sehr ausführlich zu Wort kommen ließ Plasberg da Edith Fux, die Witwe des Schauspielers Herbert Fux, der einst nach langem Leiden in der Schweiz in den Freitod ging. Der Verstorbene hinterließ sehr reflektierte Aufzeichnungen, in der er über seine Vorgehensweise Auskunft gibt. Seine Witwe machte deutlich, wie schwer es als Angehörige fällt, diese letzte Entscheidung des geliebten Menschen zu akzeptieren – um dann für sich selbst die Möglichkeit des assistierten Suizids nicht auszuschließen.

"Ich respektiere die Maßstäbe meiner Mitmenschen"

Ein fast kontemplativer Auftakt war das, der sowohl Gegner als auch Befürworter der Sterbehilfe noch einmal zwang, die eigene Position zu überdenken. Doch nun galt es, Kusch, den schon in der letzten "Hart aber fair"-Sendung angekündigten Stargast, ins Gespräch einzubinden. Den fragte Plasberg in Bezug auf einen möglicherweise zu früh gewählten Freitod: "Was wäre gewesen, wenn Herr Fux noch die Filmrolle seines Lebens angeboten bekommen hätte?" Medienprofi Kusch wies kühl auf die Entscheidungshoheit jedes Einzelnen hin: "Ich respektiere die Maßstäbe meiner Mitmenschen." Dann schwieg er wieder und genoss die Wirkung, die alleine schon seine wortlose Präsenz hervorrief.

Wie schwer das seinen Kontrahentinnen zu schaffen machte, zeigte sich am Auftritt der evangelischen Landesbischöfin Margot Käßmann, einer eigentlich besonnen Talkshow-Veteranin, die ihr Anliegen sonst mit durchaus scholastischer Verve vorzutragen versteht. Auf die Frage, wie man mit den Sterbewünschen von Dahinsiechenden umgehen soll, fiel ihr gestern allerdings nur immer wieder die Forderung nach "Zeit, Zuwendung und Liebe" ein. Zu Recht wies sie zwar darauf hin, dass es mit der Sterbebegleitung und Palliativmedizin hierzulande noch hapere; da müsse noch viel getan werden. Der Frage aber, wie man mit Sterbewilligen umgeht, die trotz "Zeit, Zuwendung und Liebe" lieber sterben wollen, die also bei voller Zurechnungsfähigkeit und in einem intakten sozialen Umfeld an ihrem Wunsch fest halten, wich sie konstant aus.

"Wie viele Quacksalber des Todes sitzen an diesem Tisch?"

Plasberg insistierte und provozierte, doch die Diskussion stand still. Auch die konfliktfreudige bayerische Justizministerin Beate Merk, die den Sterbehilfevereinen im Vorfeld Profitgier und Quacksalberei vorgeworfen hatte, brachte keine Impulse in die Diskussion. Dabei hatte Plasberg so böse gebohrt: "Frau Merk, wie viele Quacksalber des Todes sitzen an diesem Tisch?"

Doch es bewegte sich argumentativ nichts im Studio. Und das lag vielleicht auch daran, dass alle nur in lustvoller Angst auf den großen Auftritt von Roger Kusch warteten, der in der zweiten Hälfte dann endlich auch seinem Ruf als Demagoge gerecht wurde.

Es wurde noch einmal der "Fall Bettina Schardt" (Plasberg) aufgerollt, also der Freitod jener alten, aber noch recht fidelen Dame, die Kusch bei laufender Kamera in den Suizid geleitet hatte. Um darzustellen, wie nah er der Dame gewesen war, erzählte er eine kleine, zutiefst perfide Anekdote. Einmal habe er mit ihr telefoniert, und da habe sie ihm erzählt, so grinste Kusch in die Kamera, dass sie schon deshalb nicht im Pflegeheim enden wolle, weil sie dort ja nicht mehr eigenhändig die blöde Margot Käßmann mit der Fernbedienung ausschalten könne.

"Wissen Sie, wie sich Ihre Mutter ihren Tod vorstellt?"

Auf dem Niveau ging es dann – trotz Zurechtweisungen seitens Plasbergs – weiter. Der ebenfalls anwesende zweite Vorsitzende des Sterbehilfevereins "Dignitate", Uwe Christian Arnold, unterstellte eine vorsätzliche öffentliche Hinrichtung Roger Kuschs. Und Bayerns oberste Rechtsbeauftragte Merk warf Arnold und den Seinen im Gegenzug immer wieder Profitgier vor, ohne ihre Beschuldigungen konkret zu belegen.

Eine verfahrene Situation, aus der sich Plasberg auch mit Versatzstücken aus alten, gelungenen Sendungen zum Thema nicht wirklich befreien konnte. Schon einmal hatte er über einen Krebspatienten im Endstadium berichtet, der nach einer anfänglichen Freitodsehnsucht im Hospiz friedlich und im Reinen mit sich selbst dahingeschieden war. Ein eindringliches Dokument des bewussten Sterbens, das der Moderator nun noch einmal präsentierte.

Und auch auf eine andere ältere "Hart aber fair"-Sendung wurde referiert: Anfang 2007, da war er noch im WDR zu sehen und musste sich also kaum um die Quoten sorgen, hatte Plasberg schon einmal eine Diskussion angeleitet, in der er mit ungehöriger Leichtigkeit moderierte und so dem Thema seine erdrückende Schwere nahm. In einer Passantenumfrage hatten "Hart aber fair"-Reporter damals gefragt: "Wissen Sie, wie sich Ihre Mutter ihren Tod vorstellt?" Davon gab es gestern am Ende noch einen Aufguss.

Um das Gespräch wieder in die Gänge zu bringen, war es allerdings zu spät. Plasberg guckte denn auch nach einer ungewohnt unwitzigen Schlussfrage ("Wen hätten Sie von den Anwesenden am liebsten auf Ihrer Beerdigung?") ungewohnt zermürbt in die Kamera. Nur Kusch, die Guillotine, lächelte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 147 Beiträge
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Seite 1
Oskar ist der Beste 10.07.2008
1. der Fehler lag beim Moderator
Zitat von sysopFrank Plasberg gegen Roger Kusch: Der ARD-Nachhaker diskutierte mit dem Todesengel über Nächstenliebe und Sterbehilfe - und scheiterte wie alle anderen Medienprofis vor ihm an dieser Aufgabe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,564969,00.html
eine Gesellschaft, die sich vor allem dadurch definiert, daß sie die Entscheidungfreiheit des Einzelnen hervorhebt, kann bei dem Thema "Selbstmord" natürlich schwerlich auf das Recht auf Irrtum verweisen. Kusch war gestern nach meinem Eindruck nicht unsympatisch, sein Bsp mit der Bischöfin etwas albern. Letztlich lag es aber am Moderator, der mir generell für seine Aufgabe intellektuell nicht gewachsen zu sein scheint.
telefoner, 10.07.2008
2. Kusch bei Plasberg: Todesschwingen ausgebreitet
es ist bedauerlich, wie sich spiegelonline, beginnend mit der überschrift des artikels, sich dem bildzeitungniveau annähert.
M. Michaelis 10.07.2008
3. Mission impossible
Zitat von sysopFrank Plasberg gegen Roger Kusch: Der ARD-Nachhaker diskutierte mit dem Todesengel über Nächstenliebe und Sterbehilfe - und scheiterte wie alle anderen Medienprofis vor ihm an dieser Aufgabe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,564969,00.html
Wen sollte das wundern. Ein so schwieriges Thema im Grenzbereich des menschlichen ist denkbar ungeeignet für jedwedes Talkformat.
Foul Breitner 10.07.2008
4. Daß bei Diskussionen
nichts rauskommt liegt am öffentlichen Fernsehen, wo alles quotiert ist. Um die Frauenquote - falls nicht vorhanden - zu erfüllen, hätten die auch Nina Hagen dazugebeten. Da gehe ich jede Wette ein.
chrissie 10.07.2008
5. Kusch hat recht, Käsmann und CO unrecht
das wurde jedem schnell klar, der die Sendung gesehen hat. Mit selbstbestimmten Menschen kann die Ideologin Käsmann nicht umgehen, die autoritäre CSU-Frau schon gar nicht. Das Kusch eine problematische Person ist mag sein, hat aber mit dem thema nix zu tun. Hier fand eine persönliche Verunglimpfung statt, weil man in der Sache nichts dagegen sagen konnte. Der Verein von Herrn Arnold heisst übrigens "Dignitas"
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