Kusej-Einstand am Residenztheater Die Seele als Trümmerlandschaft

Martin Kusej geht seinen Einstand am Münchner Residenztheater konservativ an: Mit Schnitzlers auf Nummer sicher inszeniertem Psycho-Reigen "Das weite Land" gelingt ihm zwar kein Volltreffer - dank Stars wie Juliane Köhler oder Tobias Moretti aber ein gelungener Theaterabend. 

Hans Jörg Michel

Von Christine Wahl


Mit schwarzem Sakko und roter Krawatte steht Martin Kusej, der neue Chef des Bayerischen Staatsschauspiels München, vor seinem Theater. Schwarz-rot: Diese Koalition ist keinesfalls als Zufallstreffer aus dem Intendanten-Kleiderschrank zu betrachten. Vielmehr prägt sie ab sofort den Gesamtauftritt des Hauses. Auch die Programmhefte und die Internetpräsenz sind, passend zum Spielplan, in der einerseits Aufbruch versprechenden, andererseits auf Bewahrung pochenden Farbkombination gehalten.

Es dauert keine halbe Stunde mehr, bis sich drinnen der Vorhang für Arthur Schnitzlers Gesellschaftsdrama "Das weite Land" öffnet, die erste Premiere von Kusejs Amtszeit. Und der gebürtige Kärntner, der vor seiner Theaterkarriere als Profi-Handballer die österreichische Bundesliga aufmischte, von 2005 bis 2006 Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele war und im Vorfeld seiner Münchner Intendanz neun Kilo abgespeckt hat, wie er der "Süddeutschen Zeitung" verriet, will Ansprechbarkeit signalisieren.

Die zweideutige Losung "Wir werden Sie treffen", die Kusej intern zur Eroberung des Münchner Publikums ausgegeben hat, wird am Eröffnungsabend also erst mal in ihrer umarmenden Variante erprobt: 'Wir gehen auf Sie zu', strahlt der Intendant auf der Vortreppe aus.

Dieser Eindruck bestätigt sich anschließend auch auf der Bühne. Kusejs Schnitzler-Inszenierung will eher eine freundliche Übernahme sein als ein Neustart mit der Brechstange. Dabei handelt es sich um einen Neubeginn, der - darin sind sich die Münchner Szene-Beobachter einig - bitter nötig war. 35 Jahre lang, mehr als die doppelte Kanzler-Amtszeit von Helmut Kohl, hatte Kusejs Vorgänger Dieter Dorn das Theaterleben an der Isar geprägt: Erst als Oberspielleiter, dann als Intendant der Münchner Kammerspiele und schließlich - von 2001 bis 2011 - eben als Chef des Residenztheaters. Dorns Theater war in den 1980er und 1990er Jahren stilprägend. Es verschloss sich aber - wie viele zunächst grandiose künstlerische Aufbrüche - zunehmend aktuellen Entwicklungen.

Seitenspringer trifft Labersack

Weder explizit zeitgeistig noch dezidiert gestrig, sondern eher betont zeitlos kommt nun Martin Kusejs Schnitzler-Inszenierung daher. Dabei hat die Tragikomödie, die fast auf den Tag genau vor 100 Jahren gleichzeitig am Residenztheater und acht weiteren Bühnen uraufgeführt wurde, bis heute nichts an Identifikationskraft eingebüßt: Beziehungsfrustrierte, Seitenspringer, Elektrakomplex-Behaftete und Labersäcke geben sich in der schicken Villa der Fabrikanten-Familie Hofreiter die Klinke in die Hand.

Der Umgangston zwischen dem Hausherrn Friedrich und seiner Gattin Genia ist dabei von einer Frostigkeit, dass eigentlich jeder, der hier über die Schwelle tritt, umgehend in Kälteschock-Starre verfallen müsste. Dafür allerdings scheinen die Bankierseheleute Natter, die Schauspielerin Anna Meinhold-Aigner, der Arzt Doktor Mauer und der Rest des Wiener Großbürger-Klüngels, den Schnitzler hier gleichsam zur Seelen-Analyse auf die Couch legt, viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Frau Meinhold-Aigner kommt seit Jahren nicht über die Fremdgänge ihres Ex-Mannes hinweg. Frau Natter hat gerade eine Liaison mit Herrn Hofreiter hinter sich. Und der Fabrikant selbst rennt schon wieder einem Mädchen in die Arme, das seine Tochter sein könnte. Gattin Genia revanchiert sich, indem sie eine Affäre mit dem Sohn ihrer Freundin beginnt. Und obwohl an der Oberfläche alles nach lässiger Spielerei aussieht - nicht umsonst trifft man sich bei den Hofreiters ständig zum Tennis -, sind nach fünf Akten unter dem Strich zwei Todesfälle und jede Menge gebrochene Hinterbliebene zu beklagen.

Der Identifikationstauglichkeit zum Trotz lässt Kusej das Stück konsequent in historisierenden Outfits spielen: Die Damen tragen edel-gestrige Abendkleider, die Herren gediegene Dreiteiler. Und Kusejs Stammbühnenbildner Martin Zehetgruber stellt sie dazu, oft statuarisch, in symbolträchtige Räume, die nach Transzendenz schielen und einen gewissen Überwältigungsgeist atmen, an sich aber relativ nahe liegend sind. Wenn der Hotelier Doktor von Aigner im dritten Akt die Kernbotschaft des Stückes verkündet, die vom naturgegebenen Chaos der menschlichen Psyche handelt, postiert er sich in einer entsprechend zerklüfteten Felsentrümmer-Landschaft: "Die Seele ist ein weites Land."

Der Dschungel wird noch dunkler

Haus und Garten der Hofreiters lässt Zehetgruber sogar zu einer Art Dschungel zusammenschnurren: Hinter einem mehrere Meter in die Tiefe reichenden Holzrahmen, der vom Parkett aus wie ein Bilderrahmen wirkt, hängen dicht an dicht Grünpflanzen vom Schnürboden. Spezialisten debattieren in der Pause darüber, ob es sich dabei um Trauerweiden handelt. Fakt aber ist, dass der schwer bezwingbare Dschungel gern zusätzlich verdüstert wird, wenn beim Seelenkundler Schnitzler gerade besonders tief ins "weite Land" eingedrungen wird.

Eines allerdings zeichnet sich schon jetzt ab: Auf das neue, rund 50-köpfige Resi-Ensemble - nach dem Wiener Burgtheater das zweitgrößte im deutschsprachigen Raum - darf man sich freuen! Kusej hat Stars wie Birgit Minichmayr, Bibiana Beglau, Nicholas Ofczarek oder Sophie von Kessel verpflichtet. Und viele Hochkaräter brillieren bereits in der Eröffnungsinszenierung: Tobias Moretti gewinnt seinem Friedrich Hofreiter tatsächlich mindestens so viele Nuancen ab, wie Zehetgruber Gesteinstrümmer ins "weite Land" gewuchtet hat. Juliane Köhler, eine der wenigen Akteurinnen, die Kusej aus dem Dorn-Ensemble übernommen hat, kombiniert die Kühle ihrer Genia mit einer reizvollen latenten Aggressivität. Eva Mattes wischt mit ihrem starken Auftritt als Diva und betrogene Ex-Ehefrau jeglichen Sentimentalitätsverdacht ihrer Rolle in einem Handstreich vom Tisch. Und August Zirner gelingt das Kunststück, den bedeutungsschweren Satz vom "weiten Land" ebenfalls in erstaunlicher Frische und Trockenheit über die Rampe zu transportieren.

Sicher: Kusejs ästhetische Ausrichtung - die Bewegung in Richtung psychologischer Realismus, zu der er sich in Vorab-Interviews bekannt hat - werden Theaterfans anno 2011 nicht einhellig als das Non plus ultra der modernen Bühnenkunst betrachten.

Aber: Man muss man ja auch nicht alles selber machen. Bereits an den nächsten drei Abenden des insgesamt viertägigen Eröffnungsmarathons steht ausschließlich neue Dramatik auf dem Spielplan. Und Ende Oktober gastiert ein Regisseur an der Isar, der mit Sicherheit die zweite Seite des Slogans "Wir werden Sie treffen" ins Spiel bringen wird. Mit freundlichen Umarmungen darf man jedenfalls nicht rechnen, wenn der Chef der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, im Resi Ödön von Horváths Oktoberfest-Stück "Kasimir und Karoline" auseinander nimmt!



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