"Kuttners Kleinanzeigen" Sperma auf dem Spannlaken

Hausbesuche der anderen Art: Ex-MTV-Moderatorin Sarah Kuttner, die eine Zeitlang Deutschlands berühmteste Arbeitslose war, nimmt in ihrem neuen ARD-Format Kleinanzeigen ins Visier – und nähert sich im virtuosen Plapperton den menschlichen Dramen dahinter.

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In Saarbrücken wird ein Puff verkauft. Ein schöner Anlass, mal wieder die Saar-Metropole zu besuchen. Es gibt ja sonst keinen, meint Sarah Kuttner. Von dem Angebot hat sie über eine Zeitungsannonce erfahren. Jetzt turnt sie mit der kolumbianischen Bordellbesitzerin Patrizia durch die sonnigen und sauberen Räume und stöbert in den Arbeitsablagen der weiblichen Angestellten herum.

"Deo, Gleitcreme, Kondome – genau wie bei mir zu Hause", meint sie. Einmal zieht sie eine osteuropäische Prostituierte ins Bild, die sich ein bisschen ziert. Als Kuttner sich dann zu ihr aufs rote Spannlaken legt, guckt die ehemalige MTV-Moderatorin doch ein bisschen angewidert. Hat wohl Spermaspuren entdeckt. Ansonsten wird alles fröhlich befingert. "Ich kauf doch nicht die Nutte im Sack", so die Begründung.

Die ARD-Stammkundschaft, von der es heißt, sie sei schon ein wenig reifer, dürfte auf Sarah Kuttners etwas andere Reportageform verstört reagieren. Andererseits: Wer von den betagten Damen und Herren sitzt noch kurz vor Mitternacht vor dem Fernseher?

Eine gute Uhrzeit also für die mächtigen alten Männer vom Ersten, um ihren jungen Redakteuren mal einen so genannten "Entwicklungsplatz" einzurichten. Unter anderem liefen an dieser Stelle bereits ein paar Folgen des jugendlichen Gesellschaftsmagazin "Echtzeit", wo der journalistische Nachwuchs eine etwas gewollte Art der "Presenter-Reportage" ausprobierte, die in der ARD zeitweise sehr beliebt war.

Und jetzt also darf sich hier Sarah Kuttner austoben, die nach ihrem Rauswurf bei MTV eine Zeitlang so etwas wie Deutschlands berühmteste Arbeitslose gewesen ist. Für "Kuttners Kleinanzeigen" durchforstet sie die Annoncen der Zeitungen nach Merkwürdigkeiten und Auffälligkeiten. Zum Beispiel solchen: "Suche drei Esel, Lola, Sina und Vera, die im August 2007 ins fränkische Seeland verkauft wurden".

Gelegentlich wird die 29-Jährige ja als nächste große Prime-Time-Unterhalterin gehandelt. Aber eigentlich ist es ganz gut, dass sie erstmal nicht den Weg von Anke Engelke oder Barbara Schöneberger geht, da könnte sie ja auch nur verlieren. Vielleicht lag aber auch einfach kein anderes Angebot vor. Oder vielleicht will sie die ARD, für die sie ja schon mal recht schön den Grand-Prix-Vorentscheid moderierte und die WM 2006 kommentierte, einfach noch einmal in einem entlegeneren Winkel des Programms testen. Auf jeden Fall zeigt Kuttner mit diesem Format, das übrigens schon mal vor drei Jahren unter anderem Titel ("Suche, biete, tausche") und mit anderem Reporter (Thomas Michel) im Nachmittagsprogramm des SWR lief, was sie am besten kann: Reingehen, rumlärmen und einfach mal gucken, was so passiert.

Tausche Katzenklo gegen Kaffee

Dass dieses arg saloppe Konzept durchaus dazu taugt, ein Fenster in den bizarren bundesrepublikanischen Alltag zu öffnen, zeigt sich im heutigen Auftakt der Serie, für den Kuttner unter anderem auch nach Rantum gereist ist. Dort fanden sich in einer örtlichen Zeitung erstaunlich viele Kaffeegesuche. Katzenklos, Kinderklamotten, Gartentische – alles soll eingetauscht werden gegen den offensichtlich dringend benötigten Pulsbeschleuniger. Als Schalter der unterschiedlichen Inserate entpuppt sich der 17-jährige Gunnar, der die Reporterin norddeutsch nölend wie die Rapper von Deichkind durch seine Friesenhütte führt.

Oben in seinem klitzekleinen, mit Horrorfilmpostern zugehängten Jugendzimmer versucht er schließlich, der Ex-Jugendfernseh-Moderatorin eine Umarmung abzuringen, worauf diese abwehrt: "Und dann gleich noch die Zunge reinstecken, oder wie?"

Später stehen Gunnar und Sarah vor dem dreckigen und kaputten Plastikgartentisch, für den Kuttner ganz zu Recht nicht mal ein Pfund Kaffee hinlegen will. Da beginnt Gunnar dann auf einmal von seinem Stiefvater zu erzählen. So ein richtig übler Typ sei das gewesen, den seine Mutter und er inzwischen aus dem Haus gejagt hätten.

Nein, Kuttner ist natürlich keine, die nachfragt. Keine investigative Journalistin und auch keine Therapietante. Trotzdem blitzen gelegentlich – trotz der Beliebigkeit, die dieses Format mit sich bringt – bewegende menschliche Dramen in den Drei- bis Fünf-Minuten-Spots auf.

So wie eben auch während der Visite bei der kolumbianischen Puffmutter Patrizia, die Einrichtung und Kundschaft ihres Unternehmens kostengünstig abtreten will. Bei aller Feuchtgebietsfröhlichkeit der neuen ARD-Reporterin wird die Rotlichtchefin auf einmal ganz ernst: "Ich will mir in meiner Heimat ein neues Leben aufbauen und dies alles hier vergessen."

Das sind so die kurzen Momente, wo die flott zusammengeschnittenen Hausbesuche eine gewisse Tiefe entwickeln. Und zwar nicht deshalb, weil Sarah Kuttner Einfühlungsvermögen heucheln oder gar gnadenlos nachhaken würde. Aber in der von ihr virtuos herbei geplapperten Zwanglosigkeit zeigen ihre Gesprächspartner eben gelegentlich eine Art konstruktive Unbefangenheit. Auch eine Art, die Welt in die Mangel zu nehmen.


"Kuttners Kleinanzeigen", sonntags 23.30 Uhr, ARD



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