KZ-Ausstellung im Bahnhof Holocaust-Opfer in der Scham-Ecke

Bahnchef Mehdorn wollte keine Holocaust-Ausstellung in seinen Bahnhöfen. Doch er musste sich dem Machtwort von Minister Tiefensee beugen. Also wurde "Sonderzüge in den Tod" unter dem Potsdamer Platz in Berlin eröffnet - allerdings reichlich stiefmütterlich platziert.

Von


Martha Abraham führt das Alphabet an, mit Leo Zyzyman endet die Liste der 800 deutschen und österreichischen Kinder, die aus Frankreich in Konzentrationslager geschickt wurden. Martha, geboren 1925, wurde mit dem Transport Nummer 8 vom französischen Angers nach Auschwitz deportiert. Leo Zyzman, musste den Transport Nummer 10 nehmen, ab Paris.

Ihre Namen stehen auf einer riesigen Schautafel. Jean-Pierre Guckenheimer, mit sieben Jahren in Auschwitz ermordet, seift auf einem Foto strahlend seinen Vater mit Rasierschaum ein, wenige Tage, bevor er im Transport Nr. 62 ab Nizza verschwand.

11.400 Kinder wurden insgesamt zwischen 1942 und 1944 aus Frankreich in Konzentrationslager deportiert, getrennt von den Eltern. 800 Kinder waren darunter, die aus Deutschland und Österreich nach Frankreich geflüchtet waren, aber auch dort nicht lange sicher waren. Nur zwei Prozent der Kinder überlebten. Über 30 Jahre lang hat die französische Organisation "Söhne und Töchter der aus Frankreich deportierten Juden" ihre Lebensdaten gesammelt - auch die der Kleinkinder, die nur mit einer Nummer versehen in das KZ verfrachtet wurden. An Schulen und Wohnhäusern in Frankreich erinnern Gedenktafeln an sie.

Unter Berlins quirligem Potsdamer Platz wurde die Ausstellung "Sonderzüge in den Tod - Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn" heute eröffnet. Dass sie dort zu sehen ist, ist nicht selbstverständlich, ein langer Streit ging voraus. Bahnchef Hartmut Mehdorn hatte sich gegen Bahnhöfe als Ausstellungsorte gewehrt - Beate Klarsfeld, NS-Forscherin und Journalistin, kämpfte weiter um die Ausstellung, "couragiert und beharrlich", wie Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei der Eröffnung lobt.

NS-Schicksale in aller Öffentlichkeit

Die NS-Diktatur habe sich im Alltag abgespielt, sagt Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). Sie müsse darum auch im Alltag zu sehen sein - an einem öffentlichen Ort, der eine zentrale Rolle in der systematischen Ermordung von Juden, Sinti und Roma in der NS-Diktatur gespielt hat: dem Bahnhof. "Wir gehen dahin, wo wir die Reisenden treffen. Sie sollen nicht ins Museum müssen, um von den Schicksalen der Deportierten zu erfahren", so Klarsfeld.

Mit der französischen Bahn (SNCF) hatten die akribischen Klarfelds, die seit den sechziger Jahren hochrangige NS-Täter in aller Welt aufspürten und zur Verurteilung brachten, weniger Scherereien. Sie zeigte die Schicksale der deportierten jüdischen Kinder zwischen 2002 und 2004 in den 18 größten Bahnhöfe Frankreichs. In Deutschland dagegen hatte sich die Bahn AG ein Jahr lang gegen die Ausstellung in ihren Räumen gesträubt - bis Tiefensee ein Machtwort sprach.

Richtig geheuer ist der Bahn die Aufarbeitung der Verstrickung der Deutschen Reichsbahn aber offensichtlich immer noch nicht. So wurde bei der Eröffnung viel zu wenig Platz für die Gäste freigehalten, unter ihnen zahlreiche alte Menschen aus Paris, die zu den "Söhnen und Töchtern der aus Frankreich deportierten Juden" gehören.

Ausstellung auf dem Abstellgleis

DB-Konzernsprecher Oliver Schumacher reagiert gereizt auf die Frage, wieso die Ausstellung am Rande eines Umsteigebahnhofs platziert sei - und nicht etwa im neueröffneten Berliner Hauptbahnhof. Er nennt keinen Grund, sagt bloß, es sei "eine gute Entscheidung". Von den für die Wanderausstellung geplanten zehn Städten stehen erst die nächsten drei fest: Halle, Schwerin und Münster. Auch den mehrfach geäußerten Vorschlag einer nicht im Nürnberger Bahnmuseum, sondern in einem Bahnhof platzierten Dauerausstellung nach der Deutschland-Tour schmettert er ab.

Am Potsdamer Platz weist ein Schild nach links, zum Bundesrat. Eines nach rechts, zum Sony-Center. Geradeaus, keine 50 Meter entfernt, stehen die Schautafeln. Kein Schild weist den Weg dorthin.

Dabei ist die Ausstellung beeindruckend und informativ. Sie besteht aus zwei Teilen: einmal der Darstellung der Schicksale der 800 deutschen und österreichischen Kinder wie Martha Abraham und Leo Zyzman - und dann zahlreichen Schautafeln zur Verstrickung der Deutschen Reichsbahn in die KZ-Transporte. So ist ein Lieferschein des Ghettos in Lodz zu sehen, mit perfiden Angaben: Am 5. November 1941, als der Transport Nummer 1 im Ghetto nicht, wie fahrplanmäßig vorgesehen, um 11 Uhr eintraf, sondern erst um 16.55 Uhr, dauerte das Ausladen 35 Minuten. Die Fracht: "998 lebende Zigeuner, zwei tote Zigeuner", deren Gepäck "durchschnittlich 30 Kilogramm" betrug.

Tondokumente lassen Überlebende der Deportationen zu Wort kommen, wie Max Ansbacher, der 1942 von Würzburg über Theresienstadt und Auschwitz nach Dachau verfrachtet wurde. Oder Reichsbahner Willi Heise, bis 1944 in der "Güterabfertigung Auschwitz" tätig, der während des Auschwitz-Prozesses erzählt, "der Inhalt der Transporte", jeweils mehrere Hundert Menschen, sei in einem "Frachtbrief" notiert worden.

Beate Klarsfeld, die mit der Ausstellung einen späten Triumph gegenüber der Bahn AG errungen hat, sagt lächelnd, es sei ein "Erfolg", dass die Ausstellung überhaupt stattfinde. Und betont noch einmal, dass sie zwischen 2002 und 2004 in den größten Bahnhöfen Frankreichs zu sehen gewesen ist. Dass der Potsdamer Platz nicht die erste Adresse für "Sonderzüge in den Tod" ist, sagt sie nicht. Aber das ist unübersehbar.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.