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Tennis-Theater in Düsseldorf: Strunzdumme Mensch-Maschinen

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Hauptdarsteller Edgar Eckert in "La Chemise Lacoste" (r.): "Seinem Dress fehlt das Zeichen" Zur Großansicht
Sebastian Hoppe

Hauptdarsteller Edgar Eckert in "La Chemise Lacoste" (r.): "Seinem Dress fehlt das Zeichen"

Wer ist unten, wer oben? Das Schauspielhaus der Millionärsstadt Düsseldorf fragt nach der gläsernen Decke und zeigt einen Tennis-Stipendiaten, der einen Unforced Error nach dem anderen macht. Am Ende darf er nicht überleben.

Im Hintergrund eine grüne Wand, haushoch. Am Rand eine Ballmaschine. Daneben drei Eimer mit Tennisbällen. Sonst nichts. Die Bühne im Düsseldorfer Schauspielhaus (Bühnenbild: Christoph Rufer) ist fast leer, wirkt kalt und steril. So wie das Jahrzehnt, das auf ihr ausgestellt wird: die Achtziger, das Jahrzehnt der glatten Oberflächen.

Aus einem Loch im Bühnenboden quillt erst Rauch und dann ein Zottel, mit Bauch und Bart, mit wuscheligem Lockenhaar und pissgelbem Tennisdress, die Schuhe ungebunden. Felix heißt der Zottel (Edgar Eckert). Er hat sechs Brüder und er soll als einziger von ihnen aus armen Verhältnissen aufsteigen dürfen, gefördert vom Staat.

Doch dann treten ihm Tobi (Florian Jahr) und Philipp (Bettina Kerl) entgegen, in sterilem Weiß und steifer Haltung, das grüne Lacoste-Krokodil auf Shirt und Shorts und Socken und Schuhen, die Haare perfekt frisiert, die Figur perfekt geformt (Kostüme: Ellen Hofmann). Beide lehnen sich lässig zurück an die Wand, beide winkeln ein Bein nach hinten ab, in identischer Pose. Zwei Tennisroboter, die alsbald drauflos texten, emotionslos. Zwei Sprechmaschinen, die in Versatzstücken die kulturelle Tradition herbeizitieren, der sie entwachsen sind - und die sie nun an der Macht hält. Mal sprechen sie Felix wie einen Film-Außerirdischen an, "du willst doch sicher mal nach Hause telefonieren", mal bemühen sie Goethes Faust, mal die Kraft der Marken, um sich von ihm zu distanzieren. "Seinem Dress fehlt das Zeichen".

"La Chemise Lacoste" heißt das Stück von Anne Lepper, das die Regisseurin Alia Luque nun im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses uraufgeführt hat. Es geht um die gläserne Decke zwischen oben und unten, um Mechanismen der Distinktion, die in den Achtzigern groß in Mode waren - und die in den aktuellen Krisenzeiten wieder an Bedeutung gewinnen. Die Abstiegsangst in Mittel- wie Oberschicht sorgt dafür.

Die leistungsversessenen Achtziger

Leppers Text hat einen ganz eigenen Sound. Kalt ist er, und kalt ist auch die Atmosphäre der Inszenierung, frei von Gefühlen und von Einfühlung. Die Figuren sind völlig überzeichnet, alles andere als realistisch. Sie formulieren gestelzt und steif und unbeholfen, strunzdumme Aussagen, die so naiv und schlicht und klischeehaft draußen in der Welt nie fallen würden. Es sind keine Charaktere, es sind Typen, die für den Modellcharakter der gezeigten Mechanismen stehen, für die Gleichnishaftigkeit der Geschichte. Unterstrichen wird dieser Modellcharakter durch harte Schnitte zwischen den Szenen: Das Licht geht jedes Mal kurz aus, und in das Schwarz hinein erklingen Elektro-Takte von Kraftwerk.

Das Paradoxe: Durch den fehlenden Realismus kommt die Realität besonders klar zum Ausdruck. Denn Tennis, das ist der Sport der technik- und leistungsversessenen Achtziger: der Sport, in dem derjenige gewinnt, der am monotonsten funktioniert - wie ein Roboter. Derjenige, der am wenigsten Unforced Errors macht - wie eine Ballmaschine. Der Emporkömmling Felix hingegen macht auf dem gesellschaftlichen Parkett einen Unforced Error nach dem anderen. Das fängt mit seiner Frisur an.

Die Sätze in Leppers Text fließen vor sich hin, widerstandslos. Nicht mal Satzzeichen gibt es. Ihre Mensch-Maschinen spucken ein Zitat nach dem anderen aus, aus der Hoch- wie aus der Popkultur, so wie die Ballmaschine auf der Bühne die Tennisbälle ausspuckt: in einem monotonen Rhythmus, der harmlos wirkt und der einen leicht einlullen kann. Am Ende jedoch lässt sich bei weitem nicht jedes Geschoss retournieren, nicht von Felix und auch nicht von den begüterten Betrachtern im Parkett.

Zu gut schlagen sich die Regisseurin Luque und ihr Ensemble im ersten Satz. Ihnen gelingt es, den so störrischen, widerborstigen, eigensinnigen Text in Szene zu setzen, ohne ihm seinen Zauber zu nehmen. Das Geheimnis: Sie sprechen den Text, aber sie spielen ihn kaum; sie stellen ihn aus.

Tennisstar mit bärtiger Geliebter

Dass es am Ende dennoch nicht "Spiel, Satz und Sieg Luque" heißt, liegt daran, dass dem ersten Satz noch ein zweiter folgt, in dem die Szenerie wechselt: Edgar Eckert, der den Felix so famos gespielt hat, zieht ein neongelbes Kleid an und gibt fortan Kay, die bärtige Geliebte des Tennisstars Sebastian (Daniel Fries). Sie begleitet ihn zu einer Party, bei der die anderen Gäste im Popper-Look gekleidet sind und um einen Pool herumlümmeln, gefüllt mit tausenden Tennisbällen. Ein Bällebad für die feine Gesellschaft.

Sie führen Partygespräche, plaudern über Politik so dumpfbackig wie über Radioaktivität, lästern snobbistisch über die neue Geliebte ihres Idols. "Da ist was Mangelhaftes in Ihrem Äußeren", moniert ein Gast, und ein anderer mutmaßt: "Für uns sieht das Kleid heruntergekommen aus, aber dort, wo sie herkommt, hat diese Art sich zu kleiden vielleicht ausreichend Anhänger, um Mode zu sein". Frei nach Adorno: Fun ist ein Bällebad.

Der Inszenierung gelingt es leider nicht mehr so gut, die Sätze hinfliegen zu lassen, wo sie hingehören: ins Leere. Die Smalltalk-Schnipsel wirken auf der Bühne nicht so zusammenhanglos, wie sie sich im Text lesen. Das Ergebnis erinnert zu sehr an eine realistische Partyszene. Und Realismus, das ist der Tod für Leppers Text.

Immerhin: Das Schlussbild nach 90 Minuten sitzt wieder. Nachdem die Partygäste Kay auch körperlich angegriffen haben, schafft Sebastian sie beiseite, indem er sie im Bällebad ertränkt. Die Gäste singen dazu die Bachkantate "Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden", basierend auf einem Gleichnis aus dem Lukasevangelium. Die zynische Auslegung: Emporkömmlinge wie Felix und Kay haben auf dem Centre Court des Lebens nichts zu suchen.

Dann klappt die grüne Wand um und begräbt das Bällebad samt Felix alias Kay unter sich. Klappe zu, haariger Affe tot. Auf der Oberseite der Platte kommt ein Tennisfeld zum Vorschein, mit Netz und Schiedsrichterstuhl, auf dem Sebastian Platz nimmt. Nach welchen Regeln hier gespielt wird, entscheiden immer noch er und seinesgleichen.


"La Chemise Lacoste". Düsseldorfer Schauspielhaus , nächste Vorstellungen am 20.2, 7.3., 11.3., 27.3. sowie am 2.4., 12.4. und 23.4., Karten unter www.duesseldorfer-schauspielhaus.de und unter Telefon 0211/369911.

Zum Autor
Maria Feck/ DER SPIEGEL
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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