Lagerfeld-Ausstellung Das Model und der Silberfuchs

Designer Karl Lagerfeld präsentiert auf einer Ausstellung in Berlin 350 Schwarz-Weiß-Fotos mit nur einem einzigen Motiv: dem Model Brad Kroenig. Die Bilder beweisen in ihrer Gleichförmigkeit vor allem eines: Lagerfeld kann auch Langeweile perfekt verkaufen.


Berlin - Karl Lagerfeld ist ein Fuchs. Ein Silberfuchs, wie er da vorn auf dem Podium sitzt, schlohweiß glänzender, hartgesprühter Zopf, undurchdringlich schwarze Brille, solariumbraune Lederhaut, schmale Statur und - wenn er nicht redet - eine Mimik wie ein Roboter auf Standby.

Lagerfeld hat dafür gesorgt, dass in der Berliner c/o-Galerie am Freitag die Hölle los ist. Zur Pressekonferenz, die vor der Eröffnung der Lagerfeld-Foto-Ausstellung "One Man Shown" stattfand, kommt er zu spät, das Haus ist voll von wartenden Journalisten, und sein Eintreffen erkennt man an dem hüpfenden, wogenden, grell erleuchteten Pulk aus Fotografen, Kameraleuten und anderen Pressemenschen, in dessen Mitte der kleine, 73-(nach eigenen Angaben 68-)jährige Lagerfeld zu finden sein muss. Umringt von Bodyguards selbstverständlich.

Bis zu seiner Ankunft hatte man bereits Zeit, durch die Ausstellung zu schlendern, um 350 große und sehr große Schwarz-Weiß-Bilder mit nur einem Motiv anzuschauen: Dem Model Brad Kroenig. Kroenig ist 27 Jahre alt, stammt aus St. Louis in Missouri und wurde vor ein paar Jahren vom alten Silberfuchs entdeckt und als male model (Lagerfeld, der Multilinguist aus Hamburg, spricht vom "Mehl Model") aufgebaut.

Vor der Kamera, so behauptet Lagerfeld, habe der junge Mann kein Geheimnis, er sei geradezu fotografiesüchtig, es sei seine Berufung und Begabung, abgebildet zu werden. Er stirbt, sobald der Scheinwerfer erlischt, pathetisiert der Pressetext weiter, setzt das aber immerhin in Anführungszeichen: In Wirklichkeit lebt Brad Kroenig glücklicherweise noch.

Auf den Bildern sieht man also immer nur den einen Mann. Dreieinhalb Jahre lang hat Lagerfeld mit ihm gearbeitet, erzählt er später, und wenn man den Bildern glaubt, waren das ganz schön gleichförmige Jahre, die für Kroenig vor allem aus Duschen, nackt Herumstehen und –liegen und sich-selbst-im-Spiegel-Betrachten bestanden. Die Fotos sind größtenteils Modelposen – zwar behauptet Lagerfeld viele der Aufnahmen seien zufällig entstanden, Schnappschüsse quasi – doch entweder hat Kroenig seine Mimik absolut unter Kontrolle, oder seine Ausdrucksbandbreite geht einfach nur von A bis B.

Die Techniken, mit denen die Fotos bearbeitet und entwickelt wurden, sind oft interessanter als ihr Inhalt, manche Bilder sind auf Leinände hochkopiert worden, manche wirken grobkörnig oder verschwommen. Aber sehr selten hat man Lust, eine Betrachter-Beziehung zum Bild einzugehen, zu belanglos-werbeästhetisch kommen sie daher, zu sehr entsprechen sie Klischeevorstellungen von dem, was Frauen und Männer landläufig schön finden sollen: als ob man aus den Augenwinkeln eine lange Reihe von Zeitungsreklame in schwarz-weiß wahrnimmt.

Das Model Kroenig verbirgt weder etwas, noch gibt er etwas auf den Bildern – er stellt sich einfach nur so hin, guckt einfach nur so, dass es ganz schön aussieht. Und das ist ganz schön öde.

Aber Lagerfeld ist eben ein Fuchs und weiß aus dem Effeff, wie man etwas inszeniert. Im ehemaligen Postfuhramt in Berlin-Mitte, in dem die Galerie residiert, sitzt er in schwarzem Anzug, silbergestreifter Krawatte und Pennerfingerlingen aus silbernem Leder lässig und schwerhörig vor einer abgerockten Steinwand und lässt sich vom Galeristen Stephan Erfurt jede Frage wiederholen, was zu effektreichen Kunstpausen im Gespräch führt.

Was er denn zu der Body-Mass-Index-Diskussion um zu magere Models zu sagen hätte, will eine Journalistin wissen. Ach, winkt Lagerfeld ab, und redet davon, dass die Frauen heutzutage eben schlanker und zierlicher gebaut seien als die alte Garde der Models, und die seien darum natürlich sauer.

Er persönlich hätte eh noch nie ein magersüchtiges Mannequin gesehen, sagt er. Und diese Ignoranz traut man ihm tatsächlich zu.



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