Lagerfeld übernimmt "Libération" "Ein bisschen reden, ein bisschen zeichnen"

Als Chefredakteur und Chefdesigner für einen Tag übernahm der Couturier Karl Lagerfeld die linke französische Tageszeitung "Libération". Heraus kam ein neues Format, ein paar Aquarelle und Tuschezeichnungen des Modemachers und - vor allem - eine Huldigung an Lagerfeld selbst.

Lagerfeld-Edition der "Libération": "Fußball leert den Schädel"
Karl Lagerfeld für "Libération", 22. Juni 2010 / "Libération" ist der Rechteinhaber für alle Reproduktionen

Lagerfeld-Edition der "Libération": "Fußball leert den Schädel"

Von , Paris


Papier gehört zum Handwerk - auch der großen Couturiers: Auf Zeichenblocks entstehen die Skizzen, auf Papier wird immer noch zugeschnitten oder abgesteckt. Seltener ist freilich, dass die Schneider von internationalem Zuschnitt sich mit gewöhnlichem Zeitungsdruck beschäftigen - so wie Karl Lagerfeld, der der fanzösischen Tageszeitung "Libération" am Dienstag einen "new look" bescherte.

Der kreative Geist des Hauses Chanel hat mit der "carte blanche" des linken Blattes eine luftige, romantische Version entworfen - eine Hommage an die Ausrichtung einer Zeitung, die heute zwar weitgehend im Besitz des Bankiers Rothschild ist, sich aber immer noch als eine der intellektuellen Meinungsführerinnen versteht. Im Format doppelt so groß wie sonst, geziert von Dutzenden Aquarellen und getuschten Zeichnungen des Modemachers, ist der Auftritt als "Chefredakteur" und "Chefdesigner" aber auch ein Huldigung an Lagerfeld und ein geschickter Werbecoup.

Was versteht er zu tun? "Nichts, nur ein bisschen reden, ein bisschen zeichnen", und natürlich hat er auch "nie Studien gemacht oder ein Diplom erworben", so ist das bei Lagerfeld, der natürlich auch gesteht "faul" zu sein. Zeichnen kann er allerdings, und seine Werke in der "Libération" vom Dienstag sind dann auch der einzige Mehrwert - die Taliban mit der Mohnblüte, oder eine etwas sauertöpfische Angela Merkel, die sich vorstellen könnte, auch Präsidentin zu sein: "Dann hätte ich denselben Titel wie mein Freund Nicolas…". Das klingt dann schon eher nach Kalauer.

Aber es gibt ja auch noch das Interview zu den Bildern, in dem der "Blattmacher" für einen Tag die Gelegenheit bekam, sich "selbst zu enthüllen": Herausgekommen ist aber eher das lobhudelnde Portrait eines Promis von "verblüffender Hyperaktivität". Wir erfahren, dass der charmante Lagerfeld es "verabscheut, nicht informiert zu sein", dass er eine Vorliebe für die Karikatur hat, die er "schon als Kind" entdeckte und er den Orden der Ehrenlegion aus der Hand von Staatspräsident Nicolas Sarkozy nur annahm, weil alles andere sonst "eine Beleidigung" gewesen wäre. So viel Bescheidenheit.

"Ich habe vage Ideen und, Gott sei Dank, gibt es andere Menschen, die mir helfen sie zu realisieren." Mon Dieu, möchte man sagen, so viel Genie. Seine Lieblingsbeschäftigung ist - gewiss - Lesen. Auf Deutsch, Französisch und Englisch, und wer so polyglott ist, darf beklagen, dass sein Spanisch nicht "perfekt", schlimmer, auch sein Italienisch ist gleichermaßen "nicht perfekt".

Und damit wir nun dem Phänomen wirklich nahe kommen, erfahren wir auch noch von seinen Vorlieben für frisches Brot, die Schriftstellerin Virginia Woolf und die Tatsache, dass er auf der rechten Seite einschläft. Fußball ist "non, non", nicht wegen des miserablen Abschneidens der französischen Nationalelf, nein, es leert den Schädel - Lagerfeld zeigt dazu den Kopf von Trainer Domenech als verfremdete, blutende WM-Trophäe. Und was liest Lagerfeld in einer Welt, die er bedroht sieht, weil "die intellektuelle Neugier durch das Fernsehen bedroht ist?" Philosophie, Geschichte. Da möchte man dann doch wissen, was der Créateur über die internationalen Zusammenhänge denkt, aber da gibt sich Lagerfeld bedeckt, auch wenn er "mit Sarkozy über Politik diskutieren könnte." Sein Engagement gilt politisch-korrekt der Umwelt, sein Papier kommt aus Ländern, die Bäume pflanzen.

Was verkündet Lagerfeld doch als sein Lieblingsmotto? "Let's forget about it." Papier ist geduldig. Auch das der "Libé"-Ausgabe vom Dienstag.



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spassamarbeiten 22.06.2010
1. vermessen
für mich lieber karl, sind pelzträger kopf-und seelenlos. für mich ist das was man heute unter luxus versteht, die kreationen von chanel, fendi, dior etc. kopflos. sie sind uninspirierend, seelenlos, "von der strasse" vergewaltigte trends (neon in der chanel hiver collektion) oder diors kriegs-gepinsele und armylooks rauf und runter, etc.pp - und das alles für leute, die zu 90% ihr geld verdient haben mit der ausbeutung von rohstoffen, übervorteilung von menschen, zockereien oder annektierung von land. das ist so. heutzutage ist die "grand dame" die russische "dame" (hüstel...) die abramovitch oder den ganzen anderen genossen die tage versüssen, das gleiche spiel in china - von saudi arabien, dubai, bahrain, abu dhabi etc. mal ganz abgesehen. da sind die frauen ja nur fürs haus geboren und um kinder zu kriegen. bin mir nicht ganz so sicher ob madame chanel DAS als erfolg bezeichnet hätte...oder kreativ, oder intellektuell, oder simply menschlich fortschrittlich. heutzutage ist die haute couture, sowie die pret a porter von proleten nur noch tragbar. reichgewordene fieslinge. das hat nix mehr mit stil zu tun. wenn sie in der sommerkollektion ne strohtasche mit ein paar süssen applikationen für 2500 euro verkaufen, ist das einfach aus dem ruder gelaufen. und kopflos. denn das lustige daran ist, das diese hohlköpfe die heute chanel usw kaufen, sich nur daran orientieren, was das markenbewusstsein geprägt hat. elitär zu sein, einer bestimmten gruppe zuzugehören, das wird heute versucht mit geld zu erkaufen - funktioniert aber nicht. die wirklichen gehobenen leute rennen schon lange nicht mehr auf der ave. montaigne rum. vielleicht gucken die alle in ihrer freizeit auch lieber fussball als sich mit russischen "damen" auf der rue cambon einzureihen.
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