Laibach-Konzert in Nordkorea Im Disneyland des Faschismus

Als erste westliche Band spielen Laibach am Mittwoch in Nordkorea, um dem Diktator Kim Jong Un zum 70. Geburtstag seines Staates zu gratulieren. Ein schlechter, ein schlimmer Witz.

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DPA

Der Unterschied zwischen Margarine, Leberwurst oder Fischstäbchen und dem Totalitarismus ist leicht erklärt: Lebensmittel haben ein Verfallsdatum, das auf die Packung gedruckt wird, der Totalitarismus nicht.

Das Ergebnis ist aber das gleiche: Nach einer gewissen Zeit fängt das Ganze an, irgendwie ranzig zu riechen.

Die Band Laibach zum Beispiel, die in den Achtzigerjahren ihren Disney-Totalitarismus erfand und die jugoslawischen Kommunisten so lange hitlerhaft anschrie, bis sie davonkrochen - riecht heute ranzig.

Oder der Diktator Kim Jong Un, der im Jahr 2015 seinen Disney-Totalitarismus pflegt und dafür von hirnlosen Hipstern verehrt wird und ab und zu einen Onkel umbringen lässt - er roch immer schon ranzig.

Lustige Dinge mit Hakenkreuzen

Wenn nun diese doppelte Ranzigkeit zusammenkommt, weil Kim Jong Un Laibach eingeladen hat, zwei Konzerte in Pjöngjang zu geben, dann führt das zu einer Art chemischen Reaktion, bei der alle ästhetischen wie politischen Kategorien verschwinden, wie in einem Text des gehypten Philosophen Slavoj Zizek.

Der war mal ein Kumpel der Leute von Laibach, als alle noch zusammen in Ljubljana lebten - Laibach fühlten sich damals antikommunistisch links und trampelten gegen die Staatsdeppen an und machten lustige Dinge mit Hakenkreuzen und zeigten, dass sie viele Filme von Leni Riefenstahl geschaut hatten.

Es war, wie Zizek es nennt, der "Flirt mit der obszönen Dimension" des Faschismus - mit Ironie hatte das nie etwas zu tun, dazu war es zu laut und zu grob. Und mit Subversion auch nur dann, wenn man glaubt, dass der Faschismus wirklich das Gegengift zum Kommunismus ist.

Womöglich fanden sie die ganze Hitlerei einfach geil, weil man mit ihr die Mächtigen in westlichen Demokratien wie in kommunistischen Diktaturen so gut ärgern konnte - eine scharfe, eine gefährliche Sache.

Braunhemden-Apokalypse aus dem Legokasten

Es war eben cool, 1981 in München den Mussolini zu tanzen, wie es DAF taten, die Deutsch-Amerikanische Freundschaft, aus einer Post-Punk-Laune heraus, die den ganzen Lederwahn und die eigene Faszination mit der Nazi-Folklore mitbedachte.

Es war aber eben ganz und gar nicht mehr cool, 2006 in Moskau mit Laibach zu tanzen, die schnarrten: "Wir alle sind besessen, wir alle sind verflucht, wir alle sind gekreuzigt, und alle sind kaputt, von Reiztechnologie, von Zeitökonomie, von Qualität des Lebens, von Kriegsphilosophie".

Das Video sah aus, als habe sich Borat mit ein paar Springerstiefeln einen Spaß gemacht - und die Botschaft war so links-rechts-konfus, wie die Band möglicherweise schon immer war.

Laibach waren 1980 als Kunstprojekt gestartet, was auch immer das heißen sollte - als sie dann aber 2012 tatsächlich in der ehrenwerten Tate Modern in London auftraten, hatte sich ihr Spiel mit den Schockeffekten längst verbraucht.

Es hatte, wie so oft bei dem Hantieren mit Naziworten oder -Gedanken oder -Anspielungen, etwas Verzweifeltes, Lächerliches, Geistloses, es war eine leere Geste, eine Provokation, aus der jemand vor langer Zeit die Luft herausgelassen hatte.

Sie hätten ja auch einfach aufhören können, nachdem sie Titostan in Grund und Boden gegrölt hatten - aber lieber suchten sie sich in der Demokratie, dem Kapitalismus oder der Nato neue Gegner, denen sie mit ihrem altmodischen Armrecken und SS-Donnergebrüll begegneten.

Laibach haben den eigenen Tod überlebt

Sie hatten, für Künstler besonders tragisch, ihren eigenen Tod überlebt und zogen nun wie Zombies herum, mit bodenlangen Schlachtenmänteln, die sie hätten ablegen können, wenn sie gewollt hätten, wenn sie nicht selbst angefangen hätten, sich mit ihrer eigenen Pose zu verwechseln.

Sie seien "Volksfeinde", hieß es 1983 im jugoslawischen Fernsehen. 2009 machten sie den "Volkswagner". Slavoj Zizek nennt sie heute "Staatskünstler".

Sie passen also auf eine borathafte Weise perfekt zu Kim Jong Un - und sind doch unterwegs wie Geisterfahrer mit Tempo 30: Wenn es irgendetwas gab, das sie einmal sein oder tun wollten, hier sind sie an das Ende all ihrer Kunst gekommen, Animateure im Beachclub der Unmenschlichkeit.

Organisiert, so heißt es, wurden die Auftritte in Pjöngjang von dem norwegischen Künstler Morten Traavik, der schon so glorreiche Ideen hatte wie die Wahl einer Miss Landmine in Angola - und als er von fünf Nordkoreanern das Lied "Take On Me" der Band A-ha auf Akkordeons spielen ließ, wurde das auf Youtube mehr als zwei Millionen Mal angeklickt.

Die Popkultur, die mal ein Mittel der aufklärerischen Ambivalenz war, ist heute nur noch ein Quell der Missverständnisse. Und der Faschismus gehört ins Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds.

Wenn das die Subversion ist, von der Laibach immer geträumt hat, dann darf die Band ihren Auftritt in Pjöngjang als die Rache der Geschichte an ihrem eigenen Ende betrachten.

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insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
StFreitag 19.08.2015
1. Das ist mal
ein schöner Text. Allerdings trägt der Auftritt von Laibach in Pjöngjang dazu bei, sichtbar zu machen, was zusammengehört. Denn Kommunisten sind die Regierenden dort nicht. Sie nutzen allenfalls stalinistische Symbole, die Josef Wissarionowitsch bei den Nazis entlehnt hatte, die wiederum den Duce beklauten. Da sind wir zurück bei Laibach und können erkennen, daß es sowas wie rechts und links nicht gibt und bestimmte Ausdrucksformen verräterisch sein können.
Lichtgestalt1503 19.08.2015
2. Warum
so dünnhäutig? Über Geschmack lässt sich nicht streiten, wie man weiß. Es gibt dutzende Bands und Künstler, die seit Jahrzehnten dasselbe Ding durchziehen, meistens um Geld zu verdienen. So what? Und nein, wir müssen im Jahr 2015 nicht mehr reflexartig zucken, wenn ein Hakenkreuz in einer künstlerischen Performance auftaucht - auch wenn es der Kolumnist gaaanz schlimm findet.
D_v_T 19.08.2015
3.
Für Kim-Jong Un hat das ganze sicherlich Kalkül. Da kann er seinem Volk zeigen, seht mal im Westen, da sind die Bands und die Musik so furchtbar, da könnt ihr froh sein in Nordkorea zu leben.
arikimau 19.08.2015
4. Sind sie nicht viel mehr ein Spiegel
Unsere Gesellschaft ist verwirrt und ziellos.
deus-Lo-vult 19.08.2015
5.
Laibach haben seit jeher provoziert und werden das auch weiterhin tun.
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