Flüchtlinge in Deutschland Diese Menschen wollen hier arbeiten

Die AfD verklagt ein Hamburger Kulturzentrum, weil es Geld für Flüchtlinge zweckentfremdet haben soll. Der Fotograf Peter Hönnemann kontert jetzt mit einer Fotoserie - von Menschen, die bei uns arbeiten wollen, aber nicht dürfen.

Peter Hönnemann

Hamburg - Es ist Wahlkampf in Hamburg, am 15. Februar wird die Bürgerschaft neu gewählt. Die AfD hofft auf den erstmaligen Einzug in das Landesparlament und fand im Dezember ein etwas überraschendes heißes Eisen: Der AfD-Landesvorstand erstattete Strafanzeige gegen die Intendantin des Kulturzentrums Kampnagel, Amelie Deuflhard - wegen "des Verdachts der Beihilfe zu Ausländerstraftaten".

Was sich Deuflhard aus Sicht der Rechtspopulisten hatte zuschulden kommen lassen, war die Umwidmung einer temporären Spielstätte des Sommerfestivals, dem hölzernen Nachbau der umkämpften Roten Flora. Winterfest gemacht und umbenannt in Ecofavela Lampedusa-Nord, beherbergt der Holzbau den Winter über einige afrikanische Flüchtlinge.

Gebaut hat das umstrittene Gebäude die Künstlergruppe Baltic Raw, die seit vielen Jahren temporäre Kunsträume aus Holz entwirft. Dass eines ihrer Holzhäuser dauerhaft bewohnt wird, ist aber auch für die Baltic-Raw-Macher neu. Bis Mai soll die Ecofavela, die so heißt, weil sie den ökologischen Standards eines Passivhauses entsprechen soll, als Aktionsraum dienen, besonders für die Flüchtlinge der Lampedusa-Gruppe.

"Wir wollen - aber dürfen nicht arbeiten"

Die Afrikaner sorgen schon seit bald zwei Jahren für Schlagzeilen in Hamburg: Vor dem Bürgerkrieg aus Libyen übers Mittelmeer nach Lampedusa geflüchtet, lebten sie in Hamburg zunächst auf der Straße, bevor ein Teil von ihnen vorübergehend Unterschlupf in der St.-Pauli-Kirche fand.

Als der SPD-Senat im Herbst 2013 die Afrikaner bei Kontrollen aufgreifen ließ, gab es Demonstrationen und Proteste in der Stadt, die zum Jahreswechsel in Ausschreitungen rund um die Davidwache und die Rote Flora gipfelten, sowie in der Einrichtung eines Gefahrengebiets in Altona und St. Pauli. Diese Vorgeschichte muss man bei der Betrachtung der AfD-Strafanzeige wohl im Hinterkopf haben: Die Lampedusa-Flüchtlinge sind zu politischen Symbolen in der Stadt geworden.

Doch für die Menschen selbst stehen - neben der weiterhin drohenden Abschiebung - auch ganz direkte Probleme im Raum. Zum Beispiel das der fehlenden Arbeitserlaubnis. Ali M.* hatte in Ghana den Schneiderberuf erlernt, an einer Nähmaschine in der Ecofavela Lampedusa-Nord näht er Kissenbezüge.

Für den Fotografen Peter Hönnemann saß er Modell mit gebundenen Händen: Damit will Hönnemann, der schon Berühmtheiten wie Stephen King, Christoph Waltz oder den Dalai Lama porträtierte, auf die Botschaft der Lampedusa-Flüchtlinge hinweisen: "Wir wollen - aber dürfen nicht arbeiten."

Eine Art soziales Labor

Auch Esther O. hat sich von dem 1960 in Hamburg geborenen Hönnemann fotografieren lassen. Sie stammt aus Nigeria und möchte den Kampnagel-Mitarbeitern und -Besuchern die afrikanische Küche vorstellen. Schließlich solle das Kunstprojekt eine Art soziales Labor sein, "Aktionskunst mit dem Ziel, die Flüchtlinge zu integrieren", wie es Berndt Jasper von Baltic Raw ausdrückte.

Ein wichtiger Hinweis, denn schließlich berufen sich die Kampnagel-Verantwortlichen in dem von der AfD angezettelten Rechtsstreit auf die Kunstfreiheit, "eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Demokratie", wie Intendantin Deuflhard betonte. Peter Hönnemann arbeitet seit 2013 immer wieder mit und auf Kampnagel - sehen Sie seine Porträts von vier Flüchtlingen in unserer Fotostrecke.

* Auf Bitten der Veranstalter verzichtet SPIEGEL ONLINE darauf, die Nachnamen der Flüchtlinge zu nennen.

insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
archback 28.01.2015
1.
"Wir wollen - aber dürfen nicht arbeiten" Gegenfrage: Was könnt ihr denn?
manniac 28.01.2015
2. Ganz Afrika will in Deutschland arbeiten
"Ali M.* hatte in Ghana den Schneiderberuf erlernt" Ghana gilt als eins der sichersten Länder in Afrika. Ein Ghanese hat darum auch kein Recht auf Asyl. Konzentrieren wir unsere Hilfe auf die wirklichen Flüchtlinge.
bonngoldbaer 28.01.2015
3. Weiter so
Die AfD entlarvt sich wieder einmal als das, was sie ist. Ich hoffe, es gelingt ihr, mit dieser und ähnlichen Aktionen soviele potentielle Wähler abzuschrecken, dass sie unter 5 Prozent bleibt.
fatherted98 28.01.2015
4. Diese Frage...
Zitat von archback"Wir wollen - aber dürfen nicht arbeiten" Gegenfrage: Was könnt ihr denn?
....stellen Sie mal lieber nicht. Ein Beispiel: Eine Deutsche Krankenschwester möchte im Nachbarland Dänemark auch als Krankenschwester arbeiten...ihre Qualifikation wird aber nur zum Teil anerkannt und wird als erstes "nur" Pflegekraft...bis sie verschiedene Schulungen und Prüfungen durchlaufen hat...was Jahre dauern kann. Nun stelle man sich die gleiche Frage mit Flüchtlingen aus Afrika...wir suche ja Menschen für den Pflegebereich....ohne Qualifikation...ist da Arbeit möglich? Ich behaupte erst mal nein. Zwischenzeitlich will man ja für den Pflegebereich in der EU bereits Abitur fordern. Gut...soweit ich verstanden habe möchte die eine Dame eine afrikanische Kneipe aufmachen...lobenswert...nur ist das eine sinnvolle Ergänzung zu unserem Problem Fachkräftemangel? Die von ARD und ZDF kolportieren Behauptungen, dass nur die Besten der Besten...also nur Hochqualifizierte Flüchtlinge zu uns kommen, läßt sich nicht belegen. Alle jungen Männer die in Flüchtlingslagern vor Ceuta interviewt wurden wollten bei Real Madrid Fussballstar werden...
submerger 28.01.2015
5. Wollen arbeiten, dürfen aber nicht.
Das ist aber nicht von der AfD so beschlossen worden, sondern ist Gesetz. Wenn man das ändern will, muß man den üblichen Weg einschreiten und nicht versuchen, die AfD da rein zu ziehen. Im übrigen sind das weit weniger Populisten als z.B. die neue Regierung in Athen, die Linkspopulisten. Die hat tatsächlich durch reinen Populismus die Wahl gewonnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.