Islamhass "Diese Woche kam eine E-Mail: 'Heil Hitler' - ich solle vergast werden"

Lamya Kaddor ist Deutschlands bekannteste Vertreterin eines sanften Islam. Vergangene Woche war sie Religionslehrerin. Diese Woche fürchtet sie um ihr Leben und das ihrer Schüler. Wie konnte es so weit kommen?

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9.20 Uhr. Ruhrpott, Dinslaken, ein flacher Neubau. Draußen die Herbstsonne. Drinnen lassen Jungs, breitbeinig in umgekrempelten Jeans, Muskeln spielen, wo noch gar keine sind. Ein Mädchen in Kopftuch und Röhrenjeans tuschelt mit ihrer Freundin.

Der Alltag von Lamya Kaddor beginnt mit dem, was sie "Arbeit an der Basis" nennt. Für 29 Siebtklässler der Friedrich-Althoff-Schule ist es: zweite Stunde, islamischer Religionsunterricht. Kaddor, 38, schwarze Haare, enge Stretchhose, hohe Schuhe, ist eine Frau, die größer wirkt, als sie ist, weil ihr Blick immer so viel fordert von der Welt. Sie spricht so tief und fest, dass Widerworte kaum eine Chance haben.

Um Luqman soll es gehen, den Propheten, der im Koran, Sure 31, seinen Sohn zur Dankbarkeit gegenüber Gott aufruft. Kaddor fragt: "Wofür seid Ihr dankbar?" Die meisten sind dankbar, dass ihnen die Eltern Essen und andere Dinge kaufen. Gino (Name geändert) sagt, er ist den Arbeitern bei Edeka dankbar, weil sie das Essen einpacken, und den Bauern, die die Tomaten anbauen. Und er sagt, dass er selbst Bauer werden will.

"Was wollen denn die anderen werden?", fragt Kaddor. Einer will Hodscha werden, islamischer Religionslehrer. Bankangestellter, Ingenieur, Kohlearbeiter. "'Minecraft' unter Tage", sagt einer, "Wallah." Eine Schülerin erzählt, dass eine Mitschülerin zum Islam konvertiert ist. "Aber die labert viel und trägt auch immer tiefen Ausschnitt. Geht nicht." Kaddor sagt: "Na und, trägst du Kopftuch?" Das Mädchen lacht; sie trägt ihr Haar lang und offen.

Das alles passierte vergangene Woche. Da konnte man Kaddor noch als Journalistin einen Tag in der Schule begleiten. Seit Dienstag gibt Kaddor keinen Unterricht mehr, weil, wie sie sagt, die Morddrohungen von Rechten so zugenommen haben, dass sie um ihr Leben und das ihrer Schüler und Kollegen fürchtet. "Noch vergangene Woche war ich bei den Sicherheitsbehörden, diese Woche kam eine Mail: 'Heil Hitler' - ich solle vergast werden. Es geht nicht mehr", sagt sie am Telefon. Kaddor hat sich beurlauben lassen, bis zu den Sommerferien 2017. Wie konnte es soweit kommen?

Kaddor führt das Reformdenken weiter

Kaddor ist nicht nur Teilzeitreligionslehrerin in einer Kleinstadt, in der die Rate an Kindern, deren Eltern oder Großeltern aus der Türkei kamen, hoch ist wie kaum sonst wo im Land. Die Islamwissenschaftlerin und Gründerin des Liberal-Islamischen Bunds ist in Deutschland auch die wichtigste Stimme und Verteidigerin eines sanften Islam. Im Gegensatz zu islamischen Traditionalisten führt Kaddor das Reformdenken weiter, den Idschtihad, die normative Koranauslegung. Wenn sie etwa über Familien und verlorenen Zusammenhalt spricht, erinnert das an den Wertekonservatismus vieler christlicher Stimmen. Kaddor sitzt regelmäßig in Talkshows, schreibt Bücher und Gastbeiträge für Zeitungen, hält Lesungen. Vor drei Jahren zogen fünf ehemalige Schüler Kaddors nach Syrien - das Buch "Zum Töten bereit", für das Kaddor mit den Eltern der Jungen sprach, wurde ein Bestseller.

Im Diskurs ist ihre Stimme wertvoll, weil sie die derzeit häufig genutzte Trennlinie auflöst zwischen denen, die wir sind, und denen, die ihr seid: Kaddor ist deutsche Tochter zweier Syrer, glaubt an Allah und bezeichnet sich als Verfassungspatriotin. Dafür wird sie in Deutschland 2016 zu Anne Will eingeladen und legt sich dort mit Frauke Petry an. Kaddor wird verehrt: Die "Brigitte" nannte sie kürzlich eine Aufklärerin. Andere kritisieren Kaddor, weil sie ihre Thesen zwar mit moralischer Verve vorbringt, als seien es Tatsachen, aber doch ab und an ungenau in ihren Argumenten wird; sie kippt dann von der angriffslustigen Erklärerin zur lauten Verteidigerin von Muslimen, bei deren Integration für Kaddor häufig vor allem die Gesellschaft versagt hat. Die "FAZ" schrieb ihrem Bund deswegen ein "Geschäftsmodell der vormundschaftlichen Opferstilisierung" zu.

Zustimmung und Kritik, Bewunderung und Angriffe; all das gehört zu der Rolle, die Kaddor in der Öffentlichkeit zugesprochen wird, und die sie immer wieder annimmt. Aber: Lamya Kaddor wird auch gehasst.

Mit "Die Zerreißprobe" bekam der Hass eine neue Qualität

Die an den Rändern, sonst sich selbst gegenseitig Feindbild, werden sich, geht es um Lamya Kaddor, plötzlich seltsam einig: Der Salafist Pierre Vogel versuchte auf YouTube nachzuweisen, dass sie keine wahre Gläubige sei. Der islamkritische Publizist Henryk M. Broder, der häufig längst nicht mehr sachlich schreibt, bezeichnete sie als "genuin dumm". Man selbst sagte letzte Woche beim Treffen zu Lamya Kaddor: "Ach, Broder." Man wollte sagen: "Lassen Sie das nicht an sich ran." Kaddor dachte nach. "Ja, Sie sagen das so. Und ja, vielleicht ist ihm nicht bewusst, was er da macht. Aber wenn Broder so etwas schreibt, dann kommen zig andere nach, die wollen, dass mich 20 Afrikaner vergewaltigen."

Hass gehörte schon vor Dienstag zum Alltag von Kaddor. Kaddor hält ihre Familie aus Sicherheitsgründen aus allem raus, was sie in der Öffentlichkeit tut. Aber mit ihrem neuen Buch "Die Zerreißprobe" bekam der Hass eine neue Qualität, sagt sie. In ihm setzt sich Kaddor mit Fremdenfeindlichkeit im Deutschland auseinander. "Die Zerreißprobe" ist kein tiefenanalytisches Sachbuch über Wurzeln und Entwicklungen, die den deutschen Rechtspopulismus in Flüchtlingszeiten mit neuen empirischen Erkenntnissen oder Gedanken einordnet. Er ist aber auch keine blinde Anklageschrift, sondern ein persönlich gefärbtes Buch einer Frau, die eine klare Haltung hat.

Kaddor warnt in dem Buch vor einer Islamfeindlichkeit, die sich in Deutschlands Mehrheitsgesellschaft festgesetzt hat, nachdem rassistisches Hetzen legitim geworden ist, wenn es sich als Bedenken gegenüber einer anderen Kultur tarnt. Deutschomane nennt sie die Menschen, viele von ihnen seien älter, solche, die den gesellschaftlichen Wandel zu Multikulti nicht mitbekommen hätten und jetzt völkisches Denken wiederbeleben wollen. "Deutschland hat ein Rassismusproblem: Wir müssen endlich darüber sprechen, was unsere Bringschuld ausmacht", schreibt Kaddor in ihrem Buch. Jetzt sagt sie: "Das ist ein Satz, an dem sich der Hass entzündet." Dahinter lauere dann nicht nur der Gedanke, die Ausländer sollten sich gefälligst anpassen, nicht die Deutschen. Sondern auch der, dass sie als Tochter syrischer Eltern in dieser Sache nichts zu sagen habe.

Natürlich kann man über Kaddors Haltung in "Die Zerreißprobe" diskutieren - vermutlich sollte man das auch. Darüber, wer sich wie integrieren muss, wer wie von einer Gesellschaft integriert wird. Wer was geben muss, was von wem gefordert wird. Zudem entwickelt Kaddor im Buch eine kompromisslose Härte, die nicht so stehen bleiben muss: Für sie kann Fremdenfeindlichkeit durch Bestrafung und Verurteilung eingedämmt werden. Die radikalisierten Jugendlichen, die in den Dschihad zogen, wollte Kaddor verstehen, sprach mit ihren Eltern. Wäre es nicht angemessen, auch die Rechten nicht nur abzustrafen, sondern nach den Wurzeln für die Radikalisierung zu suchen? Spannende Fragen.

"Im Islam darf man lügen", sagt die Frau

Allein: Dieser Diskurs ist nicht mehr möglich, wenn die Realität Kaddor auf eine brutale Weise recht gibt. Die Angst hat dafür gesorgt, dass eine Lehrerin, deren Islamunterricht nicht konservativ, sondern aufklärerisch angelegt ist, diesen aufgibt, weil sie um ihr Leben fürchtet - Islamhasser machen so eine Präventionsmaßnahme gegen Islamisierung zunichte. Dagegen solidarisieren sich, so erzählt Kaddor, jetzt auch Vertreter konservativerer Islamverbände mit ihr. "Ich finde das gut. Davor konnten manche, als ich über junge Dschihadisten geschrieben habe, mit meinen Haltungen eher weniger anfangen", sagt Kaddor. Kaddor mag es anders sehen - aber findet hier nicht auch wieder eine Instrumentalisierung ihrer öffentlichen Stimme statt?

"Sie werden es sehen", sagte Kaddor vergangene Woche in ihrem Auto, nach dem Unterricht auf dem Weg zu einer Lesung in einer Duisburger Kirche, "da wird auch wieder einer im Publikum sein." Was für einer? "Einer, mit dem man nicht mehr diskutieren kann."

Kaddor las vergangene Woche nicht aus ihrem neuen Buch, sondern nochmal aus "Zum Töten bereit", der Pfarrer wollte das so. Sechs Sitzreihen waren sehr locker gefüllt, Frauen mit Kopftüchern, Gemeindemitglieder. Ein Mann wollte beim Publikumsgespräch wissen, was ein Imam genau macht beim Freitagsgebet. Eine Frau wollte wissen, ob die Eltern, deren Kinder in den Dschihad zogen, Scham fühlten. Eine Frau mit kurzen grauen Haaren und Brille sagte: "Aber der Koran befürwortet Gewalt gegen Ungläubige." Kaddor sagte: Nur unter bestimmten Voraussetzungen, der Koran werde aber allzu oft instrumentalisiert. "Am Anfang steht bei Jugendlichen, die von Salafisten angeworben werden, häufig das Versprechen auf Gemeinschaft und Identität." Dann sagte sie: "Sie können noch einmal antworten, dann ist das Gespräch zuende." Die Frau blieb still, erst mal.

Später, als Kaddor signierte, fragte man selbst noch einmal nach. Die Frau, eine pensionierte Lehrerin, sagte: "Ich finde Frau Kaddor unmöglich. Die Muslime sind für ihre Radikalen selbst zuständig, nicht wir." Sie erzählte dann noch, dass neben ihr Türken eingezogen seien. "Ich habe mich gefragt, wie die sich so ein Haus leisten können und habe das meinem Nachbarn erzählt. Ein paar Tage später waren die Fenster bei meinem Auto eingeschlagen." Warum sie sicher ist, dass es die türkischen Nachbarn waren, die die Scheiben einschlugen? Sie wusste es nicht. Warum sie glaubt, dass Türken kein Geld haben? "Na ja. Den Türken sieht man das eben nicht so an, ob sie Geld haben." Dann sagte sie noch, einfach so: "Im Islam darf man lügen. Das ist deren Kultur." Wo sie das gelesen habe? Sie wusste es nicht. Sie lächelte freundlich und hatte keine Antworten auf ihre Ängste.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
manolis_glezas 01.10.2016
1. Liebe Frau Kaddor,
ich wünsche Ihnen Alles Gute und Viel Kraft. Lassen Sie sich nicht kleinkriegen. Es gibt in diesem Land viele, die steter Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt sind. Aber auch viel mehr, die sich dagegenstellen. Dazu gehören sehr viele Deutsche. Ein Nachgeben wäre ein Erfolg für die Diskriminierer. Außerdem glaube ich, dass anonymen Äußerungen im Internet viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das kommt oft von Leuten, die sich dies im echten Leben niemals trauen würden, und so armselig sind, dass sie ihrem Frust und ihrer Dummheit nur auf Diese feige Weise Ausdruck verleihen können.
peterregen 01.10.2016
2.
"Wie konnte es so weit kommen?" Die Frage läßt sich relativ einfach beantworten: 1. Unsere Politiker verblöden die Bevölkerung gezielt, sowohl durch mangelnde Bildung, als auch durch eigene Aussagen/eigenes Verhalten. 2. Vielen Menschen geht es (vermeintlich) immer schlechter (Niedriglohnbereich, Hartz 4, etc.) Fertig ist der Nährboden für extremistisches Gedankengut. Vor 25 Jahren hatten wir Rostock-Lichtenhagen. Was ist passiert? Damals haben sich die Politiker empört. Nächstes Jahr werden sich die Politiker nochmal empören. Ende. Nichts. Nada. Unsere Politiker reiten uns Schritt für Schritt ins Verderben und niemand unternimmt etwas dagegen... :-(
Horst-Güntherchen 01.10.2016
3. Pc
Wir gehen noch an unserer Political Correctness zu Grunde: Der Kardinalfehler liegt darin, dass Muslime wie Frau Kaddor als "Durchschnittsmuslime" in den Medien präsentiert werden. Dies steht allerdings im deutlichen Kontrast zu den Alltagserfahrungen vieler Menschen (und mir), die nur mit der hässlichen Fratze des Islam (ultrakonservativ, frauenverachtend, intolerant, verfassungsfeindlich, antisemitisch) in Berührung kommen. Menschen wie Frau Kaddor sind da eher die Ausnahme.
trader_07 01.10.2016
4. Mit Verlaub...
Zitat von peterregen"Wie konnte es so weit kommen?" Die Frage läßt sich relativ einfach beantworten: 1. Unsere Politiker verblöden die Bevölkerung gezielt, sowohl durch mangelnde Bildung, als auch durch eigene Aussagen/eigenes Verhalten. 2. Vielen Menschen geht es (vermeintlich) immer schlechter (Niedriglohnbereich, Hartz 4, etc.) Fertig ist der Nährboden für extremistisches Gedankengut. Vor 25 Jahren hatten wir Rostock-Lichtenhagen. Was ist passiert? Damals haben sich die Politiker empört. Nächstes Jahr werden sich die Politiker nochmal empören. Ende. Nichts. Nada. Unsere Politiker reiten uns Schritt für Schritt ins Verderben und niemand unternimmt etwas dagegen... :-(
Mit Verlaub, das ist Unsinn. Bildung ist eine HOLSCHULD. Jeder Mensch kann sich in Deutschland an jedem einzelnen Tag seines Lebens bilden. Man muss es aber WOLLEN. Frau Kaddor wünsche ich von Herzen alles Gute und dass sie sich von diesem armseligen Bodensatz unserer Gesellschaft nicht allzu sehr einschüchtern lässt.
ratiovinxit 01.10.2016
5. Gut, dass es Frau Kador gibt
Anstatt froh zu sein, dass es so vernuenftige und auf Ausgleich bedachte Vertreter gibt, die den Islam modernisieren wollen, ihn europatauglich machen, propagieren diese Ewiggestrigen die Ausgrenzung. Dabei haben wir uns soviel zu geben. Warum sollte zB. bei uns nicht auch die Vielehe eingefuehrt werden, das Leid und der Kampf um Anerkennung sovieler heimlicher Geliebter und ihrer Kinder waere beendet. Man koennte auch einzelne Passagen der Scharia, zB. was Behandlung von Sexualstraftaten betrifft, mal zur vorurteilsfreien Diskussion stellen.
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