Larissa Marolt als Theaterschauspielerin Dschungelcamp für Jedermann

Aus dem Dschungel auf die Bühne: Die frühere Trash-TV-Rebellin macht Theater. In Potsdam spielt Larissa Marolt die Rolle der Buhlschaft in einer "Jedermann"-Inszenierung. Und plant ihren nächsten Auftritt bei Arte.

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Dem Hausburschen Engelbert geht es prächtig, das ist eine Erleichterung. Auch seine Vogelspinne und der Abwäscher Pauli sind wohlauf, ein Glück. Und endlich, endlich kann man jetzt mal mit einer der größten Trash-TV-Heldinnen aller Zeiten bis ins letzte Detail besprechen, wie das denn damals genau war, als sie im Dschungelcamp den Krokodilfußschmodder versehentlich am Hemd von Winfried Glatzeder abwischte und der dann… .... Nein.

Es dauert ein bisschen, bis man es vor lauter eigener Euphorie - nach all den Jahren ikonischer Verklärung aus der Ferne nun also wirklich ein leibhaftiges Treffen mit der großen Larissa Marolt! - dann doch noch merkt: Dschungel-Larissa wohnt hier nicht mehr.

Die möglicherweise ein paar mal zu oft wiederholten, eventuell in ihrer Hymnenhaftigkeit minimal gruseligen Ausführungen, WIE toll man sie im Dschungelcamp genau fand, warum das Prinzip Larissa Marolt unbedingt gegen das System Melanie Müller hätte gewinnen müssen - vermaledeiter Busengeneral! -, hört sich die verehrte Trash-Veteranin höflich an. Und möchte dann doch lieber über was anderes sprechen. Ihre Zeit bei im "Dschungelcamp"scheint für sie inzwischen so etwas wie ein ewig gedudelter Sommerhit, ihr persönliches "Hossa!". So recht könnte sie sich auch gar nicht mehr erinnern, sagt sie, es ist doch alles schon so lange her. Und überhaupt: Krokodilfuß? Welcher Krokodilfuß?

So wird aus dem lange erträumten Trashgipfel dann doch ein Abschied. Larissa spielt jetzt Theater. Sehr ernsthaft. In Potsdam wird in der Nikolaikirche gerade Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" gegeben, mit interessanter Besetzung: Wolfgang Bahro, der ewige Verschlagenheitsanwalt Dr. Gerner aus "GZSZ", spielt den Teufel, Max Schautzer den lieben Gott. Und Larissa spielt die Buhlschaft, die personifizierte Verführung des alten Jedermanns.

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Larissa Marolt: Erst Trash, jetzt Kultur

Die kleinste große Rolle der Theatergeschichte, sagt man gern, zumindest eine, bei der Theaterfexe bei jeder neuen Inszenierung mit behaglicher Spannung der Besetzung entgegenbeben. Senta Berger, Veronica Ferres, Nina Hoss, Larissa Marolt - diese Buhlschaft-Historie klingt erst mal wie eines dieser Logikrätsel, bei denen man rausfinden muss, welcher Begriff nicht in die Reihe passt, weil fast alle exotische Südfrüchte bezeichnen, nur einer ist eine Edeldorsch-Art.

Die Rolle ist kein Scherz, die Besetzung nicht kurios gemeint. Mit hochgeklapptem Mantelkragen sitzt die 26-jährige also im Café gegenüber der Nikolaikiche und spricht über ihre Interpretation dieser klassischen Rolle: "Ich sehe die Buhlschaft nicht als berechnende Frau, die nur auf schnelles Geld aus ist. Ich spiele sie nicht als Biest, sie hat bei mir wirklich Gefühle für diesen älteren Mann. Natürlich hat sie auch einen Vamp-Wumms, wenn sie auftritt, in ihrem roten Tangokleid. Sie ist eine starke Frau."

Klar, Huschipuschi würde auch nicht zu Larissa passen, genau darum liebte man sie ja so. 2009 gewann sie "Austria's next Topmodel", im gleichen Jahr überstand sie auch die deutsche Version mit diesem ihr eigenen stoischen Starrsinn, den man bei den oft so bedauerlich biegebereiten Kandidatinnen dieser Formate leider nur selten sieht. 2014 zog sie schließlich ins Dschungelcamp und war dort das nonchalante Stolperkind, das sich allen Campnormen verweigerte: Sie wollte nicht um jeden Preis produktiv sein, etwas leisten, um gemocht zu werden. Sie funktionierte nicht, das war herrlich erfrischend, und Eingeweihten gilt es als unverzeihlicher Schnitzer in der Geschichte dieses Formats, dass sie schließlich im Finale gegen Melanie Müller unterlag, ihre Gegenspielerin, die ständig von allen verlangte, sie sollten sich zusammenreißen.

Sie wird als "Frau Doktor" begrüßt

Beim Zuschauen im Camp, später auch in anderen Formaten wie "Let's Dance", hatte man gelegentlich den Eindruck, Larissa würde vor allem auf ältere Männer wie ein Aggro-Trigger wirken, weil sie sich in Konfliktsituationen den gewohnten weiblichen Weglächel- und Beschwichtigungsstrategien verweigert und kein Problem damit hat, auch einmal eine Zumutung zu sein, wenn sie ihre eigene Position vertritt. Gelegentlich werde sie in Interviews gefragt, warum sie so eine Zicke sei, das findet sie traurig und ein bisschen kurios. "Wenn man eine Zicke ist, weil man als Frau für sich selbst einsteht, bin ich gerne eine." "Zickckcke!", sie sagt es mit kratzig-kehligem Kärntner-K.

Vor dem Camp hatte sie in New York die Schauspielschule besucht, nach dem Camp übernahm sie kleinere Vorabendserienrollen, spielte Dienstmädchen und Spielerfrauen. Seit August 2017 verkörpert sie in der Daily Soap "Sturm der Liebe" im Ersten die Ärztin Alicia Lindbergh, ursprünglich eine Nebenrolle, die für sie zur Hauptrolle ausgebaut wurde. Mitte Oktober steigt sie auf eigenen Wunsch aus. "Diese Hauptrolle hat mir die Tür zu neuen Rollen geöffnet", sagt sie, man nehme sie ernst. Im Hotel werde sie jetzt beim Einchecken gelegentlich mit "Frau Doktor" begrüßt. "Manchmal fragen mich auch Leute, welches Medikament ich empfehlen kann."

Sie erzählt von den Proben, trinkt Cappuccino, man beobachtet sie verstohlen und wartet auf einen typischen Larissa-Moment. Eine winzige, supertypisch schräge Eskapade, die offenbart, dass sie es wirklich ist. Ein kleiner Stolperer vielleicht, eine leicht verquere Lebensweisheit wie im Dschungel, wo sie mir ernster Miene goldene Sätze wie "Ich esse keine Schmetterlinge" sagt. Das ist natürlich unfair, der Dschungel ist bald fünf Jahre her, natürlich hat sie sich verändert. Das ist schön für sie, aus rein egoistischer Trashlover-Sicht natürlich tragisch.

"Ich würde gern einmal in einem Arthouse-Film spielen"

Sortierter wirkt sie, gedanklich aufgeräumter, als man sie sich vorgestellt hatte. Dann lacht sie immerhin das Larissa-Lachen, eine frühlingsfohlenhaft unbekümmerte, laut schallende Unverwundbarkeitserklärung. Wenn Leute ihr die klassische Theaterbühne nicht zutrauten, sei ihr das eh wurscht, erklärt sie glaubhaft: "Wenn jemand gar nichts von dir erwartet, kannst du ihn nur positiv überraschen."

Unter den Dschungelcamp-Zuschauern gibt es ja diese eine, putzige Gruppe, die hartnäckig behauptet, außer diesem zweiwöchigen Niveau-Karneval im Januar niemals Trash-Fernsehen zu schauen, sondern ausschließlich intellektuelle Schlaubi-Sender. Sie werden sich über Larissas weitere Schauspielambitionen freuen: "Ich würde gerne mal in einem Arthouse-Film spielen. Low-budget Independentsachen finde ich großartig! Oder was Uriges, wo ich Dialekt spreche."

In einer kleinen Larissa-Miniatur spielt sie vor, wie es klingen würde, wenn sich beide Ideen vermischen würden, lacht noch einmal ihr Schallelachen, dann spricht sie weiter über ihre "Jedermann"-Rolle. Tschüss, Trash-Larissa, es war schön mit dir, viel Erfolg im ernsten Fach. Vielleicht gibt es in Zukunft ja doch einen Kompromiss, ein Hopsen zwischen den Welten. Und eine Buhlschaft, die einen leidenschaftlichen Monolog mit einem entschiedenen "Bunkt!" beendet.

"Jedermann" mit Larissa Marolt als Buhlschaft wird noch bis zum 14. Oktober in der Potsdamer Nikolaikirche gespielt.



insgesamt 5 Beiträge
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dasfred 03.10.2018
1. Ich glaube, jetzt, wo sie laufen gelernt hat,
ohne zu stolpern, ist das Beste weg. Jetzt ist sie nur noch eine Schauspielerin unter hunderten, die man sieht und wieder vergisst. Irritiert hat mich nur Max Schauzer. Hat er sich nicht schon vor gut zwanzig Jahren beklagt, dass ihn das ZDF aus Altersgründen entsorgt hat? Also muß er wohl doch noch seine Rente aufbessern.
evamariar 03.10.2018
2. Keine Angst....
....Frau Rützel, diese Veranstaltung ist TrashTheater vom Feinsten. Man wundert sich nur, daß nicht die Büchners als dicke Base und Vetter auftreten und wieso nicht Frank Fußbroich den Teufel "spielt". Also nur keine Sorge, bleibt alles beim Alten.
henderson2 03.10.2018
3. Larissa oder Vanessa wer ?
Liebe Frau Rützel, oft kenne ich die "Stars" nicht. Diesmal auch wieder dieses " Wer ? " Unabhängig davon mag ich Ihre Beiträge. hen.
-fels- 03.10.2018
4. an die rekation
schon armselig, dass ihr solche kommentare wie zuvor nicht zulasst. wohl zu viel pipi langstrumpf gesehen - ich mach mir die welt, widdewidde...
Alexis_Saint-Craque 04.10.2018
5. Aufstieg
Sie hat gute Aussichten, vom subalternen Trash in den superioren aufzusteigen. Denn auch das Erhabene kann ohne Klicks nicht länger leben. In Kirchen wählt man ja auch statt donnerndem Orgelfuror Gitarren für Zartbesaitete. Danke für diesen schönen Tag. | Wir sehen also keine Wandlung, sondern lediglich einen Aufstieg. Einen Aufstieg, der allen Verlorenen Mut machen kann. Du musst dich selbst veräußern. Frau Marolt zeigt, wie einfach das in der Rolle der Psychisch-Gefahrdeten gelingen kann. Wenn das mal kein Trash ist.
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