Lars Rudolph Einsam unter Medienleichen

In dem Multimediaspektakel "Genetik Woyzeck" wird der deutsche Nachwuchsstar Lars Rudolph ("Fette Welt") von den virtuellen Köpfen Nick Cave, Christoph Schlingensief und Udo Lindenberg umzingelt.

Von Nicole Adolph


Der reale Wahnsinn: Lars Rudolph
DPA

Der reale Wahnsinn: Lars Rudolph

Hamburg - So muss der Fortschritt aussehen: Vor 162 Jahren sind die Menschen noch an der schlechten Welt verzweifelt, heute verzweifeln sie an den Medien, die die Welt auf den Bildschirm projizieren. Kein Wunder also, dass Georg Büchners klassisches Drama "Woyzeck" heutzutage nicht als normales Theaterstück, sondern als Multimedia-Spektakel auf die Bühne kommt.

In "Genetik Woyzeck" hat das Dresdner Künstlerpaar Harriet Böge und Peter Meining den Fiktionszusammenhang von Menschen und Medien mitsamt seiner Stars ins Visier genommen. Die Performance-Künstler brauchen dazu drei Leinwände, acht Monitore, eine Mikrokamera, ein Soundsystem und, immerhin: einen Schauspieler. Der sitzt, in Gestalt von Nachwuchsstar Lars Rudolph ("Fette Welt"), einsam auf einer sterilen weißen Couch - allein mit sich und seinen Stimmen und Bildern im Kopf.

Seine Mitspieler sind auf drei Leinwände projiziert: übergroße sprechende Köpfe in Schwarz-Weiß, körperlose Medienmenschen, dargestellt von Stars aus Film und Fernsehen, Musik und Theater. In 24 Kurzspots reden sie auf ihn ein - mit Büchners antiquierter Sprache, aber in ihrem eigenem modernen Slang: Unter anderem Hanna Schygulla, Ben Becker, Nick Cave, Christoph Schlingensief, Eva Mattes, Udo Lindenberg.

Medienleiche Udo Lindenberg

Medienleiche Udo Lindenberg

Was sie sagen, spielt eigentlich keine Rolle. Zusammenhanglose Sätze, die sich ins Bewusstsein des Medienabhängigen eingraben. Unter dem Singsang der Stars fühlt sich Woyzeck zunehmend vom Wahn umzingelt. Lars Rudolph, der 1997 den Max-Ophüls-Preis für den besten Nachwuchsdarsteller erhielt, brilliert in dieser Rolle mit ausdruckstarker Mimik und provozierenden Aktionen.

Rudolph macht vergessen, dass es im modernen "Woyzeck" keine Aktion auf der Bühne gibt. Auf kleinen Monitoren können die Zuschauer hautnah miterleben, was der Mediengeplagte tut: Ob er sein Gesicht im Stimmengewirr der Stars zu einer schmerzhaften Grimasse verzieht, seinen Penis aus der Hose packt und vor den Monitor hält oder alle Ecken seines Auges mit einer Taschenlampe ausleuchtet.

Am Ende der surrealen Verstrickung verliert Woyzeck jeden Rest an Wahrnehmung und fällt seinen Stars zum Opfer. Er wird von ihnen getötet und muss noch im Sterben die Stimmen aus der künstlichen Welt hören. Erbarmungslos murmeln sie: "Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord, so schön, als man ihn nur verlangen tun kann, wir haben schon so lange keinen gehabt." Ein Mord eigentlich, wie er jeden Tag im Fernsehen vorkommt.

"Genetik Woyzeck" wird am 15., 16., 21., 22. und 23. Oktober jeweils um 20.30 Uhr auf Kampnagel in Hamburg aufgeführt



© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.