Late-Night-Pleite Sat.1 setzt Anke ab

Nach schlechten Kritiken und noch schlechteren Quoten muss Anke Engelke ihre Late-Night-Show einstellen. Sat.1 strahlt die umstrittene Show am 21. Oktober zum letzten Mal aus.


Sat.1-Talkerin Engelke: Kein "Lichtblick"
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Sat.1-Talkerin Engelke: Kein "Lichtblick"

Berlin - Wie der Berliner Sender bestätigte, hätten Anke Engelke, die Produktionsfirma Brainpool und Sat.1 am Dienstag entschieden, die letzte "Anke Late Night" am 21. Oktober 2004 zu produzieren und auszustrahlen.

Zuvor war Sat.1-Chef Roger Schawinski zu einer Besprechung mit Anke Engelke nach Köln gereist. Bereits nach der Sendung am gestrigen Abend sei die Redaktion von der bevorstehenden Absetzung der Show informiert worden, berichtete die "Bild"-Zeitung. Bei einer Vertragsauflösung für die Sendung geht es um viel Geld. In dem ursprünglich auf drei Jahre angesetzten Vertrag sollte Sat.1 rund 40 Millionen Euro an die Kölner Produktionsfirma Brainpool überweisen. Da die Werbeeinnahmen wegen sinkender Quoten zurückgingen, drohte die Show für Sat.1 zum Minusgeschäft zu werden.

Das drohende Aus zeichnete sich bereits ab, nachdem der Nachrichtendienst "Kontakter" am Montag über erstmalige Unsicherheiten der Senderchefs berichtet hatte: Sat.1-Chef Roger Schawinski sagte dem Blatt: "Wir haben viel Stehvermögen bewiesen. Sollten wir allerdings irgendwann gemeinsam mit Anke feststellen, dass wir auf der Stelle treten, müssen wir uns entscheiden." Auch der Chef der gesamten Sendergruppe, ProSiebenSat.1-Vorstandschef Guillaume de Posch, sah keinen "Lichtblick" mehr für die Sendung. Noch im Juli hatte er öffentlich einen raschen Erfolg der "Anke Late Night" gefordert und wünschte sich einen zweistelligen Marktanteil bis zum Herbst.

Engelke, 38, war im Mai als Nachfolgerin von Harald Schmidt auf dem Late-Night-Platz bei Sat.1 angetreten und musste seither gegen schlechte Kritiken und sinkende Quoten kämpfen.

Sat.1-Chef Schawinski: "Ich danke Anke von ganzem Herzen"
DPA

Sat.1-Chef Schawinski: "Ich danke Anke von ganzem Herzen"

Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski sagte am Dienstag, die Entscheidung, sei "niemandem von uns leicht gefallen". Sie sei das Ergebnis "langer und intensiver Überlegungen und Gespräche" und die Konsequenz aus der Quotenentwicklung. Er fügte hinzu: "Ich danke Anke von ganzem Herzen. Sie hat faszinierendes Stehvermögen bewiesen und einen erstklassigen Job gemacht."

Engelke selbst bedauerte das Aus: "Schade, dass die Sendung nicht mehr Zuschauern so viel Spaß gemacht hat wie meinem Team und mir. Im übrigen plane ich keine kreative Pause", sagte sie mit Blick auf den Ausstieg Harald Schmidts im Dezember vergangenen Jahres. Sat.1 will nach dem 21. Oktober auf dem Sendeplatz der Talk-Show um 23.15 Uhr zunächst eigene Serien wie "HeliCops - Einsatz über Berlin" zeigen. Engelke und der Sender würden aber weiterhin eng zusammenarbeiten, hieß es. Neben neuen Episoden der Sketch-Sendung "Ladykracher" sollen auch neue Primetime-Shows und Specials mit Engelke gemeinsam entwickelt werden.

"Wie ein Streichholz in der Olympia-Halle"

"Anke Late Night" war am 17. Mai gestartet. Die Premiere hatte bis zu 3,53 Millionen Zuschauer, doch die Quote sank rapide ab. Der tiefste Punkt wurde mit 600.000 Zuschauern und einer Quote von 4,9 Prozent im Juli erreicht. Vom Start bis zum 4. Oktober hatte die Show laut Sat1 durchschnittlich 860.000 Zuschauer und einen durchschnittlichen Marktanteil von 7,7 Prozent; in der Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren waren es 9,3 Prozent.

Am Anfang hatte Schawinski noch versichert: "Die Show braucht eine Anlaufzeit und einen Sender mit einem breiten Kreuz. Beides hat sie." Einen Tag vor der Premiere setzte Schawinski 20.000 Euro auf den Erfolg von "Anke Late Night" und erklärte, sie sei "die wichtigste und prestigeträchtigste neue Sendung, seit ich bei Sat.1 bin".

Show-Veteran Rudi Carrell könnte jetzt triumphieren: Er hatte 10.000 Euro darauf gewettet, dass die Sendung ein Flop wird. Engelke sei ein sensationelles Talent und eine tolle Sketch-Schauspielerin, aber mit einer täglichen Late-Night-Show überfordert. Sie stehe da "wie ein Streichholz in der Olympia-Halle, Riesendekoration, kleine Frau", lästerte der 69-Jährige.

Kritiker monierten, dass die Gags beim "Stand up", dem satirischen Rundumschlag zu Beginn der Sendung, nicht zündeten, dass die Frauenparodien aus "Ladykracher" auf die Dauer langweilten, und die Studioband die Leute nicht vom Hocker reiße.

Schawinski persönlich gab Programmtipps, als sich das Kritiker-Murren nicht beruhigte und die Quoten weiter absackten: "Anke Engelke muss Rituale einführen, wie Harald Schmidt es auch gemacht hat. Die dicken Kinder von Landau oder seine Chinesen - in dieser Art bräuchte Anke Engelke auch etwas." Nach der Sommerpause sollte "Anke Late Night" mit neuen Ideen und verkleinertem Studio aufgefrischt werden.

Engelke selbst hatte vielleicht schon zu Beginn Böses geahnt: "Das erste halbe Jahr wird ganz, ganz bitter. Da kann ich in die Selbsthilfegruppe gehen, in der Gottschalk, Schmidt, Willemsen sitzen." Gerade einmal fünf Monate hat das Late-Night-Experiment mit einer Frau als Gastgeberin überdauert. Nach dem Scheitern der Job-Show "Hire and Fire" und dem geringen Erfolg des Unterhaltungsformats "Kämpf um deine Frau" muss ProSiebenSat.1 schon den dritten Misserfolg in diesem Herbst verkraften.



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