Lawrence-Weiner-Retrospektive Wenn Wörter zu Skulpturen werden

Lawrence Weiner gilt als der Konzeptkünstler schlechthin. Seine radikalen Ideen über Kunst gehören bis heute zu den heiligen Schriften seiner Zunft. Das Düsseldorfer K21 vereint seine federleichten Wortskulpturen nun in einer überwältigenden Retrospektive.

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas


Lawrence Weiner bezeichnet sich gerne als Bildhauer. Allerdings ist er ein Bildhauer, an dem Kunstspediteure und Luftfrachtunternehmen wenig Freude haben dürften. Denn seine Skulpturen sind nicht etwa tonnenschwer, sondern federleicht. Sein Material ist weder Marmor noch Bronze. Weiners Skulpturen bestehen aus Sprache. Meistens sogar nur aus einer Reihe von Wörtern, die an markanten Orten oder Un-Orten im öffentlichen Raum angebracht sind.

Entweder gemalt oder aufgeklebt. Dem aufmerksamen Passanten dürften sie allein aufgrund ihrer Größe und typographischen Eleganz ins Auge fallen. "Wir sind keine Enten auf dem Teich. Wir sind Schiffe auf dem Meer", war da beispielsweise 1989 auf einem in der Elbe verankerten Ponton unterhalb des Hamburger Fischmarkts zu lesen. Sätze wie diese springen den Betrachter sofort an. Lassen ihn für einen Moment innehalten. Vielleicht über sein Leben und seine Zukunft nachdenken. Vielleicht aber auch völlig gleichgültig weiterziehen. Je nachdem.

Weiner weiß um das Restrisiko einer Kunst, die sich aus dem Schutzraum der Galerien und Museen in die Öffentlichkeit begibt. Ihr mögliches Scheitern sieht er mit großer Gelassenheit: "Künstler sind keine Ärzte", sagt er, "Sie stellen keine Rezepte aus. Sie sind nicht verantwortlich, ein Flugzeug zu fliegen. Wenn sie einen Fehler machen, machen sie einen Fehler."

Lawrence Weiner ist ein sanftmütiger Intellektueller mit Rauschebart, Pferdeschwanz und goldenem Ring im Ohr. Seine Zigaretten dreht er sich selbst. Und zur Eröffnung seiner großen Retrospektive, die nach Stationen in New York und Los Angeles, jetzt im K21, der auf Gegenwart spezialisierten Dependance der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, zu sehen ist, trug er eine knallrote Lederjacke, die er extrem leger über seine Schultern geworfen hatte. Dass einer wie er neben seinem New Yorker Studio in SoHo auch noch ein Kanalboot in Amsterdam besitzt, verwundert nicht weiter.

Weiner, 1942 in der South Bronx in New York geboren, ist Konzeptkünstler. Eigentlich sogar der Konzeptkünstler schlechthin. Denn von ihm stammen radikale Ideen über Kunst, die bis heute praktisch zu den heiligen Schriften der Zunft gehören und an Kunstakademien und Universitäten gelehrt werden.

Seine 1969 erstmals veröffentlichte, berühmte Absichtserklärung etwa lautet so: "1. Der Künstler kann die Arbeit herstellen. 2. Die Arbeit kann angefertigt werden. 3. Die Arbeit braucht nicht ausgeführt zu werden." Man mag solche Ideen vielleicht kurios finden. Kunstwerke, die nicht ausgeführt werden, existieren doch gar nicht.

Schnupftuch mit subversiver Raffinesse

Doch genau um diese Offenheit, das breite Feld der Möglichkeiten, geht es bei Weiner. Er liefert in Sprache gegossene Ideen. Wer eine seiner Arbeiten kauft, erhält ein Zertifikat, vielleicht auch nur einen Luftpostbrief mit einer Handlungsanweisung darin. Welche Schrift, welche Farben, welche Buchstabengröße - der Titel der Arbeit legt bereits Materialien und Art der Ausführung fest. Den Ort der Anbringung darf der Käufer selbst bestimmen. Weiner: "Was Kunst interessant macht, ist die Tatsache, dass jeder sie realisieren kann, sobald die Idee formuliert ist. Das ist der Punkt."

In seiner Düsseldorfer Retrospektive, die den schönen Titel "As far as the eye can see" (So weit das Auge reicht) trägt, sind nun in überwältigender Fülle Arbeiten von 1960 bis 2007 zu sehen. Weiner ist ein sogenannter "Künstler-Künstler", also einer, dessen Arbeiten besonders von den Kollegen geschätzt werden. Etliche Leihgaben aus den Sammlungen von Künstlern wie Claes Oldenburg, Maurizio Cattelan oder Carl Andre zeugen davon. Die Wände sind über und über mit Schriftarbeiten in unterschiedlichen Typographien, Farben und Abmessungen angefüllt. Einige frühe Gemälde und Zeichnungen dokumentieren die Anfangsjahre seines Werks.

Daneben geben Ausstellungsplakate, Offsetdrucke, Künstlerbücher und Multiples aus fünf Jahrzehnten einen Überblick über seine Ausstellungen und Projekte in aller Welt. Eine große Glasvitrine versammelt Editionen und Kleinstauflagen, mit denen Weiner seine Sprach-Kunstwerke unters Volk bringt: Streichholzbriefchen, Brillenputztücher, Damenstrumpfhosen, Aufkleber und Ansteckbuttons, sogar ein großes Schnupftuch ist dabei.

Weiner versteht sich wie kaum ein anderer darauf, seine kleinen Botschaften mit leicht subversiver Raffinesse in den Alltag einzuschmuggeln. Mit Metaphern kann der abgeklärte Intellektuelle jedoch nichts anfangen.

Textbotschaften für ein besseres Leben

Alles ist so gemeint, wie es schriftlich formuliert wurde. Weiner mag es nicht, wenn seine Kunst mit kunsthistorischen Weihen versehen im Museum auf Besucher wartet. Das wird ihm dann zu wenig zeitgenössisch.

Deshalb begibt er sich auch in Düsseldorf direkt in den Stadtraum. So hat er die Fassade des zur Zeit wegen Umbaus und Erweiterung geschlossenen Stammhauses der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K20) mit der 100 Meter langen Schriftarbeit "VIELE FARBIGE DINGE NEBENEINANDER ANGEORDNET BILDEN EINE REIHE VIELER FARBIGER DINGE" (1979) versehen. Und einen ganzen Straßenbahnzug ziert jetzt der Satz "EINE LINIE GEZOGEN VOM ERSTEN STERN DER ABENDDÄMMERUNG BIS ZUM LETZTEN STERN DER MORGENDÄMMERUNG" (1995). Kleine versteckte Textbotschaften, die während der Laufzeit der Schau in Düsseldorfer Zeitungen erscheinen, ergänzen seine Strategie zur Unterwanderung der Lebenswelt mit künstlerischen Botschaften.

Einige seiner Spracharbeiten aber haben den Ideenstatus verlassen und sich im Ausstellungsraum zu echten Objekten materialisiert. So zum Beispiel "EIN HALBER LITER WEISSER HOCHGLANZLACK AUF DEN BODEN GEGOSSEN UND TROCKNEN GELASSEN" (1968). Die angetrocknete Farbpfütze bedeckt tatsächlich das edle Parkett und dürfte beim Abbau der Schau wohl nur mit Mühe zu entfernen sein.


Lawrence Weiner: "AS FAR AS THE EYE CAN SEE", Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K21, Düsseldorf, bis 11. Januar 2009. Katalog: Yale University Press, in englischer Sprache, 414 S., 212 Abb., 54,80 Euro.



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