Haußmanns "Hamlet"-Inszenierung: Tarantino ist nichts dagegen

Von Christine Wahl

"Hamlet" am Berliner Ensemble: Die "lustigen Ideen" sind nicht ausgegangen Fotos
Lucie Jansch

Splatter-Orgien, Borderline-Tänze, Theaterdonner: Leander Haußmann hat Shakespeares "Hamlet" für das Berliner Ensemble eine rabiate Neuinterpretation verpasst.

"Heute bin ich dankbar für jede lustige Idee, die ich nicht habe", bekannte Leander Haußmann kürzlich in seiner Autobiografie "Buh" selbstironisch. Da macht man sich als Theaterkritiker natürlich sofort Sorgen: Sollte der 54-Jährige - einer der Letzten seiner Zunft, die auf solide-altbackenen Theaterwebsites immer noch rührend als "Enfant terrible" vorgestellt werden - allen Ernstes seriös werden wollen?

Man darf aufatmen. Die für "lustige Ideen" zuständige Hirnregion in Haußmanns Theaterregie-Kopf ist immer noch überdurchschnittlich aktiv. Daran lässt seine Shakespeare-Inszenierung "Hamlet" im Berliner Ensemble keinen Zweifel. Splatter-Orgien, eindrucksvoll ausgeleuchtete Borderline-Tänze des Titelhelden, Blitze und Theaterdonner en masse: In der Story aus dem dänischen Königshaus fährt Haußmann wirklich alles auf, was das persönliche Kreativ-Zentrum und die Theatermaschinerie hergeben.

Natürlich ist "Hamlet" für dieses bühnentechnische Muskelspiel bestens geeignet. Auch wenn den eher moralinsauer veranlagten Regie-Puristen das Trash-Potential des Shakespeare-Stückes bis dato offenbar entgangen ist! Zur Erinnerung: Weil dem dänischen Kronprinzen und Nachwuchsakademiker Hamlet so ziemlich alles fehlt, was man heutzutage unter Macher-Qualitäten versteht, gilt er als einer der größten Zauderer der Weltliteratur. Träge hockt er im elterlichen Palast herum, bändelt mit Ophelia an - der Tochter des Hausangestellten Polonius - und lässt sein Studium in Wittenberg schleifen.

Dabei hat Hamlet einen Auftrag. Zumindest, seit ihn der Geist seines toten Vaters heimgesucht hat: Er sei keines natürlichen Todes gestorben, teilt der nächtens aus der Gruft gefahrene Vatergeist dem überraschten Sohn mit. Vielmehr habe ihn sein eigener Bruder - Hamlets Onkel Claudius - aus Karrieregründen vergiftet. Tatsächlich ist Claudius durch die Heirat mit Hamlets Mutter Gertrude inzwischen zum König aufgestiegen. Und nun soll der Dänenprinz seinen getöteten Vater bitteschön rächen.

So alltagsklar wie hier klingt Shakespeare selten

In Leander Haußmanns Inszenierung lässt der Junior keinen Zweifel daran, dass ihm der Alte mit diesem Rache-Auftrag äußerst ungelegen kommt. Der dröhnende Vater-Zombie - von Joachim Nimtz sehr schön als Karikatur pathetischer Theaterdeklamationskunst von vorgestern vorgeführt - überrascht seinen Sohn prompt im Bett mit Ophelia. Genauso nervig geht die Sache auch weiter für den Dänenprinz, der in Christopher Nells Darstellung vergleichsweise klein und zart gewachsen ist. Bei Haußmann ist Hamlet weniger der philosophisch angehauchte Zögerer als vielmehr einer, der den lästigen Auftrag so pragmatisch wie möglich hinter sich bringen will. Er weiß nur leider nicht, wie - und ist damit in bester Gesellschaft.

Denn überhaupt scheint Haußmanns dänischer Königshof eher am nüchternen Pragmatismus der heutigen Kabinette Merkel und Co. orientiert als an hochfahrenden Theatertönen oder gar an visionären (Regie-)Konzepten. So alltagsklar wie hier klingt Shakespeare tatsächlich selten. Hausdiener Polonius (Norbert Stöß) stülpt sich schnell ein Jungdynamik simulierendes Toupet auf den Kopf, bevor er arbeiten geht.

Die Spitzel Rosenkranz (Peter Miklusz) und Güldenstern (Georgios Tsivanoglou), die Claudius auf seinen Neffen Hamlet ansetzt, sehen in ihren dunkelbraunen Präsent-20-Anzügen aus wie ehemalige Stasi-IMs, die eine Nachwende-Karriere als Staubsaugervertreter gestartet haben. Claudius selbst ist bei Roman Kaminski ein Machttechniker im schwarzen Dreiteiler, der als Relikt aus möglichen Sponti-Zeiten eine spärliche Halblanghaarfrisur über die Jahre gerettet hat. Und der eigentlich - darin seinem Neffen nicht unähnlich - lieber seine Ruhe hätte als ständig irgendwelche Intrigen einfädeln zu müssen.

Das Theaterblut sprudelt munter wie bei einem Wasserrohrbruch

Johannes Schütz hat dem Dänenhof ein tolles Szenario gebaut: Ein Labyrinth aus unterschiedlich hohen Wänden mit eingelassenen Fenstern, das dank Drehbühnentechnik oft rotiert und so immer wieder verschiedene Raumsituationen schafft. Nicht nur, dass hier hinter irgendeinem Mäuerchen prinzipiell sekündlich eine Bühnennebelkerze gezündet, ein Theaterblitz produziert oder ein Hofnarr (Peter Luppa) hervorgezerrt werden kann! Sondern diese Wände eignen sich auch hervorragend als Kunstblutspender: Wenn Hamlet während einer Unterredung mit seiner Mutter - schön lakonisch gespielt von Traute Hoess - den Dolch durch die dünne Wand stößt und dabei den dahinter lauschenden Polonius trifft, sprudelt das Theaterblut so munter wie bei einem Wasserrohrbruch.

Anschließend weidet Hamlet - Tarantino ist nichts dagegen! - die Leiche seines Opfers gründlich aus. Seinen berühmten Monolog "Sein oder Nichtsein" spricht er mit dem bluttriefenden Polonius-Gehirn in der Hand.

Es ist allerdings nicht die pure Ironie und der reine Trash, den Haußmann hier abendfüllend zelebriert. Zwischendurch bekommt der Regisseur, den der "FAZ"-Kritiker Gerhard Stadelmaier einmal zu "Deutschlands fröhlichster Regienull" adelte, immer wieder die Ernsthaftigkeitskurve: Selten sah man beispielsweise die im fortgeschrittenen Stadium zerrüttete Ophelia, die über Hamlets plötzlichem Liebensentzug wahnsinnig wird, derart würdevoll und unpeinlich wie hier bei Anna Graenzer.

Ophelias Wahnsinnsszene ist normalerweise ein echter Horrorpart für Jungschauspielerinnen: Da werden sich - gern in Unterwäsche - die Haare wahlweise gerauft oder manisch abgeschnitten und dazu unter spastischen Zuckungen debile Blicke um sich geworfen. Nicht so bei Haußmann und Graenzer! Hier bleibt Ophelia trotz Wahnsinn wohltuend bei sich - und trifft die Schmerzzone dadurch umso tiefer.

Bevor sich hier aber womöglich doch noch exklusive Ernsthaftigkeitsschübe einschleichen könnten, tritt garantiert das engelsgleiche Gitarren-Akkordeon-Duo Apples in Space auf, hinter dessen Gitarrenpart sich Haußmanns Sohn Philipp verbirgt, und versichert uns allen sehr versöhnlich mit Bob Dylan: "Death is not the End"!

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insgesamt 3 Beiträge
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1. die deutschen brauchen das eben so
klfm01 25.11.2013
Keine Theateraufführung kommt mehr ohne albern überzogene "Tabubrüche" aus, egal ob sexuell oder fäkal. Sonst empfindet der Deutsche nicht, daß es sich um "Kunst" handeln könnte. Erbärmlich.
2. Shakespeare
Heitgitsche 25.11.2013
Much ado about nothing
3. Werktreue endlich einmal anders...
deSelby 25.11.2013
Zitat von klfm01Keine Theateraufführung kommt mehr ohne albern überzogene "Tabubrüche" aus, egal ob sexuell oder fäkal. Sonst empfindet der Deutsche nicht, daß es sich um "Kunst" handeln könnte. Erbärmlich.
Mit einer auf Krawall und Schockeffekte ausgerichteten Inszenierung ist Haußmann sehr viel näher an dem, was elisabethanisches Theater ausmachte, als mit einer im wahrsten Sinne des Wortes blutarmen Weiheveranstaltung für einen bis zur endgültigen leblosigkeit verdorrten und beweihräucherten Klassiker.
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