AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Leben im Netz Das große Nichts

Das Netz ist toll. Es ist bequem. Bücher, Platten, unsere Daten - nichts gehört mehr uns. Und dem Hirn ging es auch schon mal besser.

DPA

Eine Kolumne von


Was macht es eigentlich mit dem Gehirn der Menschen, wenn ihr Dasein zunehmend virtuell stattfindet? Was macht es jenseits von philosophischen Aufsätzen, die keiner liest und der Auswertung des Ocean-Persönlichkeitstests? Wie verändert sich das Offlinedasein, wenn die Musik in Clouds und Streamingdiensten stattfindet, die Filme, die Bücher, die Freunde, die Shops, das Sozialleben aus einer Benutzeroberfläche bestehen, die vielleicht nicht real ist? Was passiert denn dann in der 1.0-Welt mit der Feuchtausstattung, die man durch den Winter tragen muss, in einer Menschengeschwindigkeit, die so langsam ist?

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Heft 13/2018
Wie der allmächtige Konzern noch zu stoppen ist - und wie sich die Nutzer schützen können

Im Netz ist das Leben schnell. Irgendein Spacken kommentiert irgendwas - Trumps Haare, was irgendein Star, der auch nur online existiert, sagt oder tut. Irgendein gefälschtes Video von irgendwas geht viral. Und - die Medien greifen es auf. Im Fernsehen, das man online sieht, in den Onlinezeitungen werden Twitter- und Facebookmeldungen und -filme von irgendwelchen Honks oder Bots zitiert. Irgendjemand hat etwas gepostet. Na super.

Vollkommen logisch, dass die Menschen Politik langweilig finden und lieber für abgehalfterte Reality Stars oder schlechte Komiker stimmen. Falls sie abstimmen. Denn in Ländern, wo das online passiert, sind es vielleicht Bots, die voten oder Malware aus China. Egal.

Es ist alles egal geworden, weil es immer weniger gibt, das real stattfindet, das ein anderes Gefühl herstellt, außer Gereiztheit. Die Menschen scheinen einen Hass auf ihr Dasein zu entwickeln, wenn es außerhalb des Netzes stattfindet. Demonstrationen zum Beispiel, oder in eine Partei einzutreten, Mahnwachen, Widerstand, all das Zeug ist unattraktiv, mühsam, außerhalb macht man nur noch Aktionen, wenn sie Gewalt und Hass beinhalten, damit sie im Ansatz ein Onlinegefühl erzeugen, oder man bleibt im Netz. Da kann man doch so großartig politisch arbeiten. In Troll-Fabriken aktiv werden, Videos oder Stimmen faken.

Was macht es mit dem Menschen, wenn das Gehirn fragmentiert ist, die Aufmerksamkeitsspanne nanosekundenlang, die Fähigkeit zum kreativen Denken zerstört? Was machen 2,5 Milliarden Dosen Ritalin mit dem Hirn, mit dem Gefühl - außer dass sie Depressionen fördern und auch hier wieder die Kreativität killen, weiß man noch nicht mehr. Außer dass die sechs Firmen, die das Medikament herstellen, ausgezeichnet verdient haben. Apropos. Seit jeder sich in irgendeiner Form äußert, Teil der Öffentlichkeit ist, Freunde findet, die vielleicht Bots sind, ist das Gefühl des Einzelnen, wichtig zu sein, in seltsame Größenordnungen gestiegen.

Jeder hat das Gefühl, die Welt kreise um ihn, seine Meinung ist wichtig, seine Bewertung kann Restaurants ruinieren, sein Kommentar demütigt Politiker, seine Krankheit - die einmaligste, er hat das nachgesehen, der Mensch, er kann alles, der Mensch, er hat Tutorials gesehen, Klimawechsel - schon begriffen. Cern - alles klar, Magenoperationen. Kann er selber. Komm mal her, Gertrud. Gertrud ist jetzt tot. Aber online lebt sie weiter.

Second Life war der Probelauf. Jetzt sind wir alle im Second Life, hurra. Milliarden halten sich in einer neuen Welt auf, deren Grundfunktionen sie noch weniger durchschauen als die der sogenannten Realwelt aus Lava und Atmosphäre, sie wissen schon, das Ding da draußen. Milliarden haben keine Ahnung, wie ein Rechner funktioniert, Algorithmen, wie man manipulieren kann, was manipuliert wird, sie starren auf Pixel und vertrauen. Was ja eigentlich rührend ist. Der Einzelne hat die Relation seiner Bedeutung komplett verloren, verloren das Gefühl, ein Wurm unter Milliarden zu sein.

Das macht so wütend, so wütend, dass man im Netz das Gefühl hat, alles hinge von der eigenen bescheuerten Meinung ab. Und draußen, wenn man dann rumläuft, in Zeitlupe, mit seinem frierenden Körper, da bekommt man keinen Respekt für sein wichtiges Sein. Was macht es mit dem Menschen, wenn nichts mehr anfassbar ist, alles vielleicht Fake, wird der Mensch dann selber zum Fake, der sich nur in die Realität zurückbefördern kann, in dem er sich Chips in den Cortex schießt?

Es ist doch großartig für die Demokratie, dass jeder sich jetzt Gehör verschaffen kann. Ja nun - konnte der einzelne in demokratischen Systemen auch früher. Es stand jedem frei, Leserbriefe zu schreiben, Parteiarbeit zu machen, eine Zeitung zu gründen oder Wissenschaftlerin zu werden. Es war nur einfach - anstrengender und langsamer. Und das mag keiner mehr, in der Zeit, in der jedes Bedürfnis in Sekunden erfüllt, jeder Scheiß in Sekunden rausgebrüllt werden muss.

Das Denken verkümmert, weil es zu anstrengend ist. Das Mitgefühl verdorrt, weil Erregung im Netz in Sekundenbruchteilen stattfindet. Die Frustration wächst, weil das 1.0-Leben so langsam und langweilig ist, und dann wählt man eben irgendeinen Stuss, der das Erregungslevel am Leben erhält, weil es bekannt ist und klingt wie Gepöbel im Netz, darum wählt man 5 Stelle, wegen Online-Partei, dann wartet man darauf, dass man endlich für sein Dasein gewürdigt wird.

Das fucking Netz, einmal für Armee und Wissenschaft gegründet, ist zur Leni Riefenstahl der Welt geworden. Ein Ort der Verblödung, Verhetzung, der Manipulation und der Frustration. Was dagegen hilft sind nur Aktionen im 1.0-Dasein. Angebote, die zu Bewegungen werden können, als Gegengewicht zu aus dem Netz in die Straßen verlagertem Hass. Sage ich. Ihnen online. Schreibe ich als Technikfan, als Bot, der ich bin. Abschalten, und wieder leben. Die Langsamkeit wieder lernen. Das wäre mal die erste Idee.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
lathea 24.03.2018
1. "Die Langsamkeit wieder lernen" in einer Welt, ....
.......in der immer mehr und immer schneller Informationen erfasst, gefiltert und verarbeitet werden müssen, kann man Schnelligkeit nur noch mit einem minimalistischen Ansatz lernen. Es ist normalerweise nicht möglich, Fortschritt wieder umzukehren - auch wenn es Manche gern hätten. Die Menschen werden das machen, was sie schon immer gemacht haben: sich anpassen oder untergehen. In den Schulen müsste mehr zu Dingen wie "Glück, Zufriedenheit, Erfolg, Politik und Persönlichkeitsentwicklung" auf dem Lehrplan stehen, damit unsere nachfolgenden Generationen sich mehr im realen gesellschaftlichen Kontext einbringen und darin auch zurecht kommen können und damit sie ein stabileres seelisches Gerüst bekommen, um Manipulation zu erkennen und ihr widerstehen zu können. Langsamkeit ist schön und gut für Menschen, die seelisch stabil sind und die daraus einen Flow ziehen können. Aber sie bringt keinen Kick und je schneller die Informationsverarbeitung und je kompakter der Tagesplan wird, umso mehr wird der schnelle "Kick" gleichsam als Auslöser zum Entschleunigen und Regenerieren wichtiger für den Einzelnen. Den Medien und dem Datenschutz sowie der auf Gewaltenteilung und Demokratie basierenden Kontrolle der Medien und des Internets wird künftig eine strategische Rolle zukommen. Hoffentlich verschläft die EU hierbei aus Falscheinschätzung nicht die Menschenrechte und das Wohl der Bevölkerung Europas.
dr.schnabel 24.03.2018
2. Ich
habe tatsächlich eine enge Freundin ans Internet verloren. Für sie gibt es nun langweilige Realos und spannende "Blogger, Models, Traveller, #good food, #beachlife". Sie hat nun 600 Freunde auf der ganzen Welt, von denen sie wohl 590 noch nie gesehen oder ein Wort mit ihnen gewechselt hat. Sie kann nicht mehr zwischen dem Leben und seiner punktuellen Darstellung unterscheiden. Sie will das Leben, das bei Instagram & Co. abgebildet ist, auch analog führen, was vielleicht heilsam wäre. Aber derzeit ist sie noch ausschließlich virtuell dabei. Spricht man sie darauf an, wird sie extrem aggressiv.
dasfred 24.03.2018
3. Vielleicht habe ich lange genug in der Realität gelebt
Für mich ist dieses Internet eine willkommene Ergänzung zum realen Leben, weil ich in Dinge eintauchen kann, die in meinem Leben nicht stattgefunden haben. Gut, es gab das Fernsehn, dass mich mit künstlichen Realitäten versorgt hat, aber ich war eben abhängig davon, was gerade auf den Sender gebracht wurde. Nun kann ich mir unabhängig von der Zeit alle Varianten menschlichen Seins betrachten. Unbeobachtet über Trolle schmunzeln, über die man im realen Leben nur hinter vorgehaltener Hand läßtert. Mir läuft die Realität nicht davon, schon allein, weil ich sie nicht mit einem Knopfdruck ausschalten kann. Trotz Internet genehmige ich mir noch meine Muße Stunden aber ich muss die Langeweile nicht mehr bewältigen.
Agent0815 24.03.2018
4. auf den Punkt...
Liebe Frau Berg, Sie treffen hier absolut ins Schwarze. Ich habe einen 15-jährigen zuhause, der das Problem zwar durchaus einsieht, aber wenn er das Smartphone weglegen und rausgehen würde, wäre er tragischerweise alleine... also ändert er nichts, weil andere das eben auch nicht machen.
cat69 24.03.2018
5. Das Leben ist offline
Das ist für mich Sportverein, Kultur in allen Formen und mit Freunden zusammensein. Wer sein Heil im Netz sucht, den habe ich bisher nur scheitern sehen. Für mich ist das Quatsch auch wenns Milliarden machen.
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