Lebenshörbuch: 70 Jahre in 70 Minuten

Von Matthias Lohre

Erinnerungen an die Kindheit, die erste große Liebe, den Krieg. Ganz normale Menschen erzählen einer Journalistin ihre Lebensgeschichte – daraus werden Doku-Hörspiele der authentischen Art.

 "You are my sunshine": Heinz Grunzke erzählt
Max Lautenschläger

"You are my sunshine": Heinz Grunzke erzählt

Berlin - Über alles hat er mit seiner Frau sprechen können. Fast vierzig Jahre lang. "Nur nicht über den Tod", sagt Heinz Grunzke. Dann war es zu spät. Anfang der neunziger Jahre ist sie gestorben. An Krebs. Ihre Lebensgeschichte hat niemand aufgezeichnet. Bei ihm sollte es anders werden.

Der heute 74-Jährige wurde deshalb aufmerksam, als er vor einem halben Jahr im Internet auf die Website "Lebenshörbuch" stieß. Das Angebot: Eine Hörfunk-Journalistin kommt mit Mikro und Aufnahmegerät vorbei, zeichnet die Lebensgeschichte der Befragten auf. Über viele Stunden, an mehreren Tagen, in den eigenen vier Wänden. Bei Kaffee und Kuchen entsteht schnell ein Vertrauens-Verhältnis zu Ingeborg Koch, der Frau mit der sanften Radio-Stimme. "Es ist erstaunlich, wie gut einfache Leute erzählen können", sagt die 54-Jährige.

Über 80 Jahre alt sind die Ältesten, die sich zum Gespräch mit Ingeborg Koch bereit erklären. Was die alten Menschen erzählen, wird von ihr am Rechner digital geschnitten, geordnet und verdichtet. Dabei ist es wichtig, nicht allzu viele Pausen herauszuschneiden und dadurch das Sprechtempo der Menschen zu erhalten. Auf eine CD gebrannt, ergeben die Gespräche eine persönliche Chronik. Das eigene Leben in rund 70 Minuten. Für die Kinder und Enkel.

Deshalb hat sich also auch Heinz Grunzke mit der Radio-Journalistin Ingeborg Koch in seinem Wohnzimmer hingesetzt und erzählt. Von der Kindheit in Küstrin und der britischen Kriegsgefangenschaft. Davon, wie ihm die Soldaten zwischen den Baracken seinen ersten US-Schlager beibrachten: "You are my sunshine, my only sunshine. You make me happy, when skies are grey". Das Mikrofon auf dem Tisch war schnell vergessen. Mit ruhiger Stimme erzählt der gelernte Elektromeister auch, wie er sich 1944 mit seinem jüngeren Bruder verabredete: "Nach dem Krieg treffen wir uns bei Großonkel Wilhelm". Der Bruder kam, aber über seine Kriegserfahrungen hat der damals Zwölfjährige bis heute nicht gesprochen.

Wenn der weißhaarige Mann mit den wachen, blauen Augen über sein Leben erzählt, findet sich darin keine Bitterkeit, etwa über die verlorene Heimat oder die Polio-Erkrankung, die ihn vor mehr als einem halben Jahrhundert zum Gehbehinderten machte. Grunzke ist einfach froh, seiner Tochter, seinem Sohn und den fünf Enkeln von seinem Leben berichten zu können.

Meist sind es jedoch nicht die alten Menschen selbst, die ihre Erlebnisse in einem Tondokument festhalten wollen. Denn die meisten finden ihr Leben in der Rückschau oft nicht sonderlich interessant. Es sind die Kinder und Enkel, die die vielleicht letzte Möglichkeit nutzen wollen, von der älteren Generation mehr zu erfahren. Das Motiv ist klar: "Wenn ein Familien-Mitglied über sein Leben erzählt", sagt Ingeborg Koch, "dann erzählt er auch von mir." Allzu oft geht mit dem Tod eines Elternteils die gesammelte Familien-Geschichte verloren.

Und der Wellensittich singt dazu

Mehr als 15 CDs hat Ingeborg Koch gemeinsam mit ihrem Mann Rainer in den vergangenen eineinhalb Jahren zusammengestellt, seit es ihr Angebot gibt. Auf den ersten Blick sind die CDs nicht ganz billig. 750 Euro kostet die günstigste Variante: "Ihr Leben als Monolog", von den Kochs geschnitten und chronologisch geordnet. Ein geringer Preis, findet Ingeborg Koch: "Allein die Produktion kostet fünf Tage. Übernachtungen vor Ort kommen dazu. Bis zu drei Wochen kann die gesamte Arbeit dauern."

Heinz Grunzke ist einer der wenigen, die sich für die kostspieligste Variante entschieden haben: 2500 Euro für ein Hörbuch. Sprechertexte trennen die einzelnen Passagen, Musikstücke aus der jeweiligen Zeit kommen dazu. Lange suchte Ingeborg Koch nach der Original-Version von "You are my sunshine". Mit Erfolg. Auf der CD geht jetzt Heinz Grunzkes Gesang über in den Ton der kratzigen Schallplatte aus den frühen vierziger Jahren.

Auf einer anderen CD ist im Hintergrund ein hoher, wiederkehrender Laut zu hören: ein zwitschernder Wellensittich. Eigentlich wollte Ingeborg Koch den Vogelkäfig vor dem Interview aus dem Raum tragen. Aber der Kunde beharrte darauf, dass der Vogel bleibt. Weil er zu seinem Leben gehört.

Doch nicht alle Erinnerungen sind auf CD pressbar. Manchmal muss Ingeborg Koch ihre Kunden vor sich selbst schützen: Wenn beispielsweise ein wütender Vater die Ton-Aufnahmen für eine "Abrechnung" mit seinen beiden Söhnen nutzen will. Oder wenn ein anderer Herr scheinbar endlos über seine große Liebe erzählt. Nur war sie nicht seine spätere Ehefrau und die Mutter seiner Kinder.

Das Lebens-Hörbuch ist nicht als letzter Gruß eines Sterbenden gedacht. Ihre Chronik könnte Menschen den Übergang vom Arbeits- zum Rentner-Leben erleichtern, glauben die Kochs. Eine Zwischenbilanz, auf die noch viel folgen kann. So wie beim 74-jährigen Heinz Grunzke. Der muss nach dem Gespräch schleunigst zurück nach Hause. Zu seiner zweiten Frau. Die beiden haben vor wenigen Jahren geheiratet.

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