Lichtverschmutzung durch LED: Die große Flacker-Folter

Von Christian Tröster

Leuchtdioden sind ein Triumph der Technik - und eine Plage. Denn die LED-Dauerblinker nerven überall, ob am Fernseher, an der Espressomaschine oder am Rasierer. Wer also neues Elektrospielzeug oder Haushaltsgeräte hat: viel Spaß mit noch mehr Lichtverschmutzung! Und gute Nerven.

Überall Leuchtdioden: Schluss mit dem LED-Stalking! Fotos
DPA/ Fraunhofer-Institut

Die Glühbirne ist bereits tot, und die Energiesparlampe gilt auch nur als Phänomen des Übergangs - es lebe die Light Emitting Diode, bekannt unter dem Kürzel LED. Bereits in zehn Jahren, so prophezeit eine Studie des Elektronikkonzerns Philips, werden 70 Prozent aller Lichtquellen LED sein. Die Vorteile der digitalen Lichttechnik sind evident: Die Dioden sind klein, wartungsarm, fast unzerstörbar, energieeffizient, sie arbeiten bis zu elf Jahre lang, und nach dem Exitus kann man sie auch noch umweltgerecht entsorgen. Unsere große LED-Erleuchtung steht also kurz bevor. Doch der Triumph der neuen Technik sorgt für eine neue Plage.

Denn gerade weil die LED klein sind und wenig Strom verbrauchen, meinen Designer, sie wirklich überall einbauen zu müssen. Das kalte Licht der Leuchtdioden strahlt aus Autos und an Fahrrädern, hinter Bildschirmen, von Werbetafeln - und zunehmend in ganz normalen Leuchten. Und, ja, es gibt sogar Schuhe, Tassen und Hüte mit LED-Beleuchtung.

Die mag man vielleicht als Scherzartikel abtun - doch bei gewöhnlichen Haushaltsgeräten wird aus dem sonnigen Spaß schnell düsterer Ernst. Man nehme als Beispiel nur mal die elektrische Zahnbürste. Das Gerät, das früher still im Bad stand, blinkt heute dank eingebauter LED dienstbeflissen vor sich hin. Das zuckende Licht signalisiert - wie bedeutend! - den Ladevorgang. Und es nervt.

Noch lästiger ist, dass die modernen Bürsten selbst dann weiterleuchten, wenn sie nicht laden. Und dass die Hersteller den Aus-Schalter oft ganz weglassen. Wer den Glühpunkt also nicht mehr erträgt, kann nur noch den Stecker ziehen. Gleiches gilt für viele Rasierapparate, Espressomaschinen, Musikanlagen, Fernseher, Telefone, Digitalantennen und Gegensprechanlagen. Und das umso mehr in diesen Tagen, da die Weihnachtsdeko mit Geschenken um die Wette leuchtet, in denen LED verbaut sind - genauso wie in der Weihnachtsdeko selbst, denn moderne Lichterketten bedienen sich der Technologie ja ebenfalls.

Das Wohnzimmer wird zum Times Square

Damit ist die sogenannte Lichtverschmutzung in der Wohnung angekommen, sprich: sinnlos abgestrahltes, gesundheitsschädliches Licht, das es als Umweltproblem bislang nur im öffentlichen Raum gab. Doch zu viel Licht in der Nacht, das belegen Untersuchungen allgemein, wirbelt den Hormonhaushalt der Menschen durcheinander. Einen gesunden Schlaf genießt man am ehesten in kompletter Dunkelheit. Doch wo soll die in Zukunft noch zu finden sein? Selbst in Wohnungen mit heruntergelassenen Rollos und zugezogenen Vorhängen heißt es: Und ewig glüht die Diode.

Tatsächlich scheint die Designidee hinter dem Dioden-Boom zu sein: Alles machen, was technisch geht. Für das anbrechende LED-Zeitalter haben sich die Designer offenbar darauf verständigt, den Grundsatz "Form Follows Function" zu vergessen. Denn das Leuchten wird den Menschen ja geradezu aufgezwungen. Bei keinem Produkt, davon kann man getrost ausgehen, wünschen sich Konsumenten eine Leuchtanzeige, die sich nicht ausschalten lässt. Sondern sie wollen telefonieren, ihre Zähne putzen oder Musik hören.

Wie wäre es also mit Hinweisen auf den Verpackungen? Wenn Zigarettenschachteln warnen können, sollte bei Haushaltsgeräten doch auch eine Aufschrift möglich sein: "Achtung, überflüssiges Leuchten!" Oder, für den positiven Fall: "Ohne LED", so wie "Ohne künstliche Zusatzstoffe". Eine Biozahnbürste sozusagen oder ein nachhaltiges Telefon.

Bis es womöglich einmal soweit kommt, wird das LED-Stalking weitergehen und die Menschen werden weiter von unnötigem Licht verfolgt. Irgendwann sehen unsere Wohnzimmer dann aus wie der Times Square in New York oder eine Einkaufsstraße zur Weihnachtszeit. Diese Orte kann man allerdings meiden, daheim dagegen gibt es kein Entrinnen. Nicht einmal durch das nahe liegende Abwehrmittel: Steckdosenleisten mit Schalter. Denn die hat die LED-Industrie ja auch schon mit Glühpunkt ausgestattet. Eine helle Freude.

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insgesamt 252 Beiträge
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1. "Form follows function" gilt schon lange nicht mehr
bjuv 26.12.2012
statt dessen zwingen Designer dem Verbraucher ihre (Alp-)Träume auf, auch wenn das Produkt die Aufgabe, für dies es erdacht war, aufgrund des Desings nur noch schlecht erfüllen kann. Gilt nicht nur für sinnlose LEDs. Für mich besonderes augenfällig: Mittelklasse-Kombis mit abgesenktem Dach hinter der C-Säule und schräger Heckscheibe. Für Familien mit Kinderwagen-Transportbedarf und andere nicht nutzbar. Zwei deutsche PKW-Hersteller haben inzischen darauf reagiert bieten (wieder) eine der Funktion folgenden Form an.
2. Wo ist das Problem ?
frimpton 26.12.2012
Hier wird wieder einmal ein Problem beschrieben, das gar keins ist. Mich stört die blinkende LED an meiner Zahnbürste nicht.
3. Gruenenblatt
holde 26.12.2012
Wenn jetzt DER SPIEGEL ins gleiche Horn blaest, lese ich lieber gleich Greenpeace oder Propaganda der GRUENEN! Es wird langweilig!!
4. Ach Gottchen ... der Albtraum der Konservativen ...
rodelaax 26.12.2012
Jaja, furchtbar diese neue Welt. Alles ist so bunt, schnell und eigentlich versteht der Autor gar nichts mehr. Früher war doch alles besser!
5. Zur Not
bigmischa 26.12.2012
hilft es auch die ewig störende LED mit Klebeband zu überkleben! Ansonsten hat der Schreiber des Artikels völlig recht! Den Disignern sollte vielleicht mal ein Licht aufgehen :-)
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