Legendäre Foto-Manipulation: Fahne gefälscht, Uhr versteckt, Wolken erfunden

Von Michael Sontheimer

Heldenhaft hisst der Sowjetsoldat die Rote Fahne, Hammer und Sichel flattern auf dem Reichstag: Yevgeny Khaldei hat eines der berühmtesten Bilder der Zeitgeschichte fotografiert. Jetzt wird er mit einer Retrospektive in Berlin gewürdigt - doch ausgerechnet sein legendäres Werk manipulierte er mehrfach.

Es sei früher Morgen am 2. Mai 1945 gewesen, erzählte er später. Er war zum Reichstag gegangen, im Zentrum Berlins. Drei Stunden zuvor hatte der letzte deutsche Oberbefehlshaber der Reichshauptstadt kapituliert, doch es wurde noch vereinzelt gekämpft. Yevgeny Khaldei hatte seine Leica-Fotokamera dabei - und eine Sowjetfahne.

Der 28 Jahre alte Fotokorrespondent im Rang eines Leutnants der sowjetischen Marine traf in dem ausgebrannten Parlamentsgebäude einen jungen Kameraden und überredete ihn, auf dem Dach mit der Fahne zu posieren. Zwei weitere Rotarmisten gesellten sich dazu.

Khaldei belichtete einen ganzen Film, 36 Fotos. Eines von ihnen wurde in verschiedenen Varianten zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts, zu dem Bild, das im kollektiven Gedächtnis von Deutschen und Russen gleichermaßen die Niederlage Nazi-Deutschlands und den Sieg der Roten Armee repräsentiert.

Nach dem Krieg wurde Khaldei in Stalins totalitärem Reich als Jude diskriminiert und geriet in Vergessenheit. Erst 1991 stieß der Berliner Künstler Ernst Volland zufällig in Moskau auf den Fotografen und publizierte ein Buch mit seinen Bildern. Ende dieser Woche nun wird – am Jahrestag des offiziellen Kriegsendes, am 8. Mai – im Berliner Gropius-Bau eine große Retrospektive des wichtigsten sowjetischen Fotojournalisten des 20. Jahrhunderts eröffnet.

Zum einen werden Fotos aus dem "Großen Vaterländischen Krieg" zu sehen sein, von der Eroberung Sofias, Bukarests, Budapests und Wiens durch die Rote Armee, dem Fall Berlins, der Potsdamer Konferenz und den Nürnberger Prozessen; zum anderen Bilder vom Alltag und der Arbeitswelt in der Sowjetunion, vor und nach dem Krieg.

Fotograf des bedeutenden Augenblicks

Khaldei war kein Stilist, sondern der Fotograf des bedeutenden Augenblicks. Angesichts der vielen dokumentarisch-schlichten, aber brillanten Fotos, die er im Laufe von sechs Jahrzehnten gemacht hat, ist es bitter, dass er sein bekanntestes Bild mehrfach manipulierte und später dafür immer wieder kritisiert wurde. Die verwickelte Geschichte des Fotos der Rotgardisten mit der Fahne auf dem Reichstag hat Ausstellungskurator Volland nun in einem kleinen Buch rekonstruiert.

Demnach flog Khaldei noch in der Nacht, nachdem er auf dem Reichstag fotografiert hatte, nach Moskau. Als das Bild in dem Gewerkschaftsmagazin "Ogonjok" am 13. Mai 1945 erstmalig gedruckt wurde, war zunächst ein Detail manipuliert. In Wirklichkeit trug der Rotarmist, der den die Fahne hissenden Kameraden stützte, an beiden Unterarmen eine Uhr. Mit der Forderung "Uri, Uri" waren Sowjetsoldaten damals plündernd durch Berlin gezogen. Khaldei, das räumte er später ein, kratzte die Uhr am rechten Arm seines Modells mit einer Nadel aus einem der Negative.

Auf der nächsten Version des Fotos dräuten auf einmal dunkle Rauchwolken am Himmel. In der letzten Version war eine neue Fahne zusehen, die sich dramatisch im Wind bauschte.

Obwohl zumindest drei weitere sowjetische Militärfotografen am 1. und 2. Mai 1945 am und auf dem Reichstag Soldaten mit Flaggen fotografierten, setzte sich Khaldeis Bild durch. Später auf die Manipulationen angesprochen, antwortete er nur: "Es ist ein gutes Foto und historisch bedeutend. Die nächste Frage bitte."

Propagandist für die gute Sache

Khaldei sah sich in einem gerechten Krieg gegen Hitler und die deutschen Invasoren seiner Heimat und verstand sich als Propagandist für die gute Sache. In den Jahren vor seinem Tode im Oktober 1997 pflegte er zu sagen: "Ich vergebe den Deutschen, aber vergessen kann ich nicht." Sein Vater und drei seiner vier Schwestern wurden von den Deutschen ermordet.

Die Mutter und ein Großvater des 1917 im ukrainischen Jusowka, später Stalino, heute Donezk, geborenen Khaldei waren bereits ein Jahr nach dessen Geburt bei einem Pogrom erschossen worden. Er selbst war dabei verletzt worden. "Im Pass", sagte er später, finde sich das "Kainsmal, dass du Jude bist".

Bevor er 1948 bei der staatlichen Nachrichtenagentur Tass entlassen wurde, warfen ihm seine Vorgesetzten sein angeblich niedriges "Bildungsniveau" und seine mangelnde "politische Ausbildung" vor, doch er erklärte seinen Rauswurf so: "Der wahre Grund war, dass ich Jude bin."

Das hatte er nicht nur mit rund der Hälfte seiner sowjetischen Kollegen gemein, die den Zweiten Weltkrieg fotografierten, sondern auch mit dem Fotografen, der auf Seiten der Amerikaner die einprägsamsten Bilder des Zweiten Weltkriegs machte – dem ungarischen Juden Endre Friedmann alias Robert Capa, der 1948 zu den Gründern der Fotoagentur Magnum zählte. Die beiden konnten sich gut leiden, und Capa schenkte Khaldei, als sie in Nürnberg die Kriegsverbrecherprozesse dokumentierten, eine "Speed Graphic"-Kamera.

Khaldei, der von sich sagte, es sei ihm "ein inneres Bedürfnis", Bilder zu machen, war auch noch als alter Mann ein manischer Fotograf. Der "Capa Russlands", wie ihn Fotohistoriker auch nennen, hauste in Moskau in einer Einzimmerwohnung, die ihm gleichzeitig als Dunkelkammer diente. Als er einmal 10.000 Mark Honorar für ein Buch und eine Ausstellung bekam, gab er das Geld umgehend für eine Rolleiflex aus.

"Eine solche Kamera", sagte Khaldei, "habe ich noch nie in meinem Leben gehabt."


Ernst Volland: "Das Banner des Sieges": Berlin Story Verlag; 80 Seiten; 60 Abbildungen, 9,80 Euro.

Yevgeny Khaldei – Der bedeutende Augenblick. Eine Retrospektive: Martin-Gropius-Bau, Berlin. Vom 9. Mai bis 28. Juli 2008

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