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"Leitkultur"-Debatte: "Zuwanderung wird als Bedrohung empfunden"

"Das Niveau dieser Debatte ist auf Fußhöhe - man muss aufpassen, dass man nicht drauftritt", sagt Klaus J. Bade über die neue Diskussion über "deutsche Leitkultur". Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Migrationsforscher über die Angst vor Parallelgesellschaften und plädiert für einen positiven Migrationsbegriff.

Demonstrierende Muslime in Köln (am 21. November): "Klares Bekenntnis" gegen Terror im Namen des Islam
DPA

Demonstrierende Muslime in Köln (am 21. November): "Klares Bekenntnis" gegen Terror im Namen des Islam

SPIEGEL ONLINE:

Herr Bade, wie beurteilen Sie die neue Debatte um Islam, Zuwanderung und Integration?

Bade: Das Niveau dieser Debatte ist auf Fußhöhe - man muss aufpassen, dass man nicht drauftritt. Sie besteht zudem aus intellektuellen Ersatzleistungen, statt sich pragmatisch um die Kernaufgabe zu kümmern: Wir müssen lernen, mit kulturellen Unterschieden zu leben, und zwar auf beiden Seiten. Es geht um das, was die Amerikaner "Diversity" nennen. Aber in den USA haben wir einen positiven Migrationsbegriff: Einwanderer sind eine wirtschaftliche Bereicherung. In Deutschland ist der Begriff negativ: Migration als Bedrohung. Dazu kommt in den USA das "ethnic vote". Die Folge: Auch im Wahlkampf bemühen sich dort die Parteien um einen fairen Ton gegenüber wahlberechtigten Minderheiten. Wenn hier die meisten Türken eingebürgert und damit wahlberechtigt wären, würde auch nicht mehr so diskutiert wie heute.

SPIEGEL ONLINE: Die Begriffe der Debatte sind altbekannt: multikulturelle Gesellschaft, Parallelgesellschaften, Leitkultur.

Bade: Es sind lebende Leichname, die da wieder auftauchen. Zudem werden Entwicklung und Konzept verwechselt: Ergebnis der Entwicklung ist, dass wir in Deutschland inzwischen eine multikulturelle Gesellschaft haben, ob wir das so wollten oder nicht - Punkt. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Kritische Geister haben sich doch schon lange von dem romantischen Konzept verabschiedet, dass Multikulti eine bunte Rutschbahn in ein fröhliches Paradies ist. Kalten Kaffee sollte man nicht immer wieder aufwärmen. Über den Unsinn der "Parallelgesellschaften" sollten wir reden - aber um zu zeigen, dass "Klein-Istanbul" nichts anderes ist als es "Little Germany" in den USA des 19. Jahrhunderts war. Und die Amerikaner haben sich darüber zeitweise kaum anders aufgeregt.

SPIEGEL ONLINE: Politiker, darunter auch Bundesinnenminister Otto Schily, warnen vor Straßen- und Ortsschildern in fremden Sprachen. Toleranz heiße nicht, Intoleranz zu dulden, sagt Schily.

Moschee in Berlin: "Parallelgesellschaften gibt es in den Köpfen derer, die Angst davor haben"
DPA

Moschee in Berlin: "Parallelgesellschaften gibt es in den Köpfen derer, die Angst davor haben"

Bade: Soziale Brennpunkte entstehen aber nicht automatisch da, wo Einwanderer zusammenkommen, sondern wo Einwanderungsprobleme oder ethnische Probleme mit sozialen Problemen zusammentreffen. Parallelgesellschaften im klassischen Sinne gibt es in Deutschland gar nicht. Dafür müssten mehrere Punkte zusammenkommen: eine monokulturelle Identität, ein freiwilliger und bewusster sozialer Rückzug auch in Siedlung und Lebensalltag, eine weitgehende wirtschaftliche Abgrenzung, eine Doppelung der Institutionen des Staates. Bei uns sind die Einwandererviertel meist ethnisch gemischt, der Rückzug ist sozial bedingt, eine Doppelung von Institutionen fehlt. Die Parallelgesellschaften gibt es in den Köpfen derer, die Angst davor haben: Ich habe Angst, und glaube, dass der andere daran Schuld ist. Wenn das ebenso simple wie gefährliche Gerede über Parallelgesellschaften so weitergeht, wird sich die Situation verschärfen. Dieses Gerede ist also nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

SPIEGEL ONLINE: Also ist die Diskussion über den Islam eine Stellvertreterdebatte?

Bade: Ja, weil die mit dem Integrationsprozess bei schlechter Wirtschaftslage verbundenen sozialen Probleme die Einwanderer als Schwächste der Gesellschaft besonders hart treffen. Dabei helfen sie sich in ihren Herkunftsgemeinschaften. Davon zu trennen ist die Diskussion um aggressiven Fundamentalismus, Terror und die Benutzung des Islams für gewalttätige Aktionen. Dazu hat die große Demonstration am Sonntag in Köln ein klares Bekenntnis abgelegt. Wer jetzt noch weiter fordert, die Muslime müssten sich endlich öffentlich distanzieren, der sollte sich einen neuen Fernseher kaufen. Unstrittig ist aber, dass es eine fundamentalistische Gefahr gibt und das fundamentalistische Agitatoren Chancen bei muslimischen Einwanderern besonders dann haben, wenn soziale Probleme und Orientierungslosigkeit im Einwanderungsprozess zusammentreffen. Deshalb sollte man weniger populistisch jammern und mehr fragen, wie man da ganz konkret helfen kann. Dabei hilft auch das Zuwanderungsgesetz mit seinen dort formulierten Integrationsaufgaben.

SPIEGEL ONLINE: Am 1. Januar 2005 wird dieses Zuwanderungsgesetz rechtskräftig - was wurde vorher versäumt?

Muslime beim Gebet: "Es geht um den Umgang mit kulturellen Unterschieden"
DDP

Muslime beim Gebet: "Es geht um den Umgang mit kulturellen Unterschieden"

Bade: Ich habe schon Anfang der Achtziger ein solches Gesetz verlangt - jetzt regen sich diejenigen auf, die das damals abgelehnt haben unter dem Motto: "Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland." Das war schon damals falsch. Vor vielen Jahren haben Muslime gefordert, in Deutschland Imame auszubilden - das wurde abgelehnt. Wir haben eine Menge Chancen verpasst, weil wir die Realität nicht sehen wollten. Wir hätten selbstbewusst sagen sollen: Ihr dürft hier bleiben, aber das sind die Spielregeln, an die ihr euch zu halten habt. Da gebe ich Otto Schily Recht.

SPIEGEL ONLINE: Die einen nennen es Spielregeln, die anderen Leitkultur.

Bade: Aber dabei kann es doch nicht um eine leitende Kultur als solche gehen, sondern eben um den Umgang mit kulturellen Unterschieden, und das ist eben schwieriger als der Umgang mit populistischen Gespenstern. Ich hätte ja kein Problem damit, wenn es heißen sollte: Leitkultur der Demokratie, also das, was im Grundgesetz steht. Das Problem ist nur, dass anscheinend viele Deutsche auch nicht so genau wissen, was da drin steht.

Das Interview führte Jan Sternberg


Klaus J. Bade, 60, ist Geschichtsprofessor und Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) sowie stellvertretender Vorsitzender des Zuwanderungsrats der Bundesregierung

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