Deutsche Leitkultur Wir sind viel zu zurückhaltend

Wer kann, wer soll entscheiden, was "deutsch" ist, was "deutscher" - und was "undeutsch"? Eine starke Leitkultur ist bitter nötig, nur müssen wir sie nicht neu erfinden - wir besitzen sie bereits.

Installation in der Münchner Innenstadt (als Werbung für ein Integrationsgesetz von Bündnis 90/Die Grünen)
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Installation in der Münchner Innenstadt (als Werbung für ein Integrationsgesetz von Bündnis 90/Die Grünen)

Ein Gastbeitrag von Jörg Bong


Zum Autor
  • Stefan Gelberg
    Jörg Bong ist Verlegerischer Geschäftsführer der S. Fischer Verlage, Frankfurt am Main; Autor, Herausgeber. Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie, Geschichte und Psychoanalyse, Promotion über Aufklärung und Romantik.

Bereits mit der bloßen Idee einer deutschen Leitkultur ist die Frage nach dem spezifisch "Deutschen" gestellt. Was ist deutsch? Eine absurde wie katastrophale Sondierung beginnt, die zwangsläufig mit der Bestimmung eines "Undeutschen" endet. Schon das muss jeder Appell, eine deutsche Leitkultur zu bestimmen, reflektieren: die deutsche Geschichte in ihrem vollen Umfang, insbesondere eben alle vergangenen mörderischen Unternehmungen, eine "deutsche Kultur" durchzusetzen gegen die verhasste "demokratische Kultur der Weltbürger", wie Adolf Hitler es in seiner Rede 1938 auf einer "Kulturtagung" der NSDAP formulierte.

Kulturelle Vielfalt aus zersplitterter Geschichte

Die Forderung nach der "einheitlichen Kultur" war zentrale Forderung des Nationalsozialismus. In einer liberalen Demokratie dagegen gibt es Kultur per definitionem lediglich als Pluralität, Vielfalt und Differenz. Selbstredend auch innerhalb deutscher Kultur, die in ihrem enormen Reichtum eine grandiose Mannigfaltigkeit auszeichnet. Wer sollte wie daraus auswählen, was normativ sein sollte?

Die Wurzeln der eigenen, der großartigen kulturellen Vielfalt Deutschlands liegen nicht zuletzt in der äußersten realen Diversität der deutschen Historie: Man denke nur an die - bis heute in der stark föderalen Republik weiter wirkende - Geschichte der Klein-, Mittel-, Stadtstaaten und Königreiche, als andere Nationen sich mit mächtigen kulturellen Kapitalen längst gebildet hatten.

Noch heute machen in der Bundesrepublik höchst ausgeprägte lokale und regionale Identitäten und Differenzen das Leben aus - bis ins Sprachliche -, eigene Mentalitäten, Temperamente, Charaktere. Und diese lokalen, regionalen kulturellen Identitäten sind im Leben der einzelnen Menschen zumeist die mächtigsten, die unmittelbarsten auf jeden Fall. Regionen mögen dabei für viele ihrer Einwohner anders gelagert sein als Nationen: Einem Saarländer mag der Elsässer trotz anderer Nationalität kulturell näher sein als ein Ostfriese - und umgekehrt. Wieder verböte sich streng, eine Kultur davon hervorzuheben im Sinne des "deutscheren" Deutschen. "Wo schlägt das wahre deutsche Herz?", hieß die fatale Frage einst.

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Leitkultur-Debatte: Das Wort, das niemals stirbt

Und die deutsche Sprache? Taugte sie als Idee der Leitkultur? In vielerlei Hinsicht gewiss. Für das Leben in unserem Land, als Voraussetzung zur Integration auch, genauer: zu jedweder ökonomischen, sozialen wie kulturellen Partizipation. Aber auch die deutsche Sprache und der Grad ihrer Beherrschung gerieten zu einem höchst heiklen Kriterium, wenn wir sie im Sinne der Leitkultur dazu machen wollten. Wie gut müsste man sie beherrschen, mündlich, schriftlich? Und: Was wäre mit jemandem, der menschenverachtende oder totalitäre Ideen verfolgte und sie in passablem, korrektem oder gar brillantem Deutsch formulierte? Und jemandem, der radebrechend deutsch spricht, aber die grundlegenden Werte und Ideen unserer liberalen, freiheitlichen Demokratie nachdrücklich befürwortet und leben will - wer verkörperte die Leitkultur? Wir teilen unsere Werte glücklicherweise mit Dutzenden anderen Nationen, mit Hunderten Millionen Menschen auf der Welt.

Der Königsweg zur deutschen Leitkultur

Wo immer man hinschaut: In der deutschen Geschichte wimmelt es von Leitkultur-Desastern. Dabei gibt es in unserer Gegenwart eine ganz einfache Möglichkeit, die deutsche Leitkultur in einer für alle gültigen Weise zu bestimmen. So wie es vielfach und gewichtig formuliert wurde. Sie kann in nichts anderem bestehen als in der umfassenden, großartigen Kultur des demokratisch-liberalen Wertekanons, der sich in unserem Grundgesetz kristallisiert. Dem kulturellen - gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen, sprich universellen - Fundamentaltext von 1949. Ein Text, in den die gesamte demokratische Kultur der gesamten deutschen Geschichte eingegangen ist, die demokratische Kraft von 1848 (und den Jahren davor) wie die der Weimarer Republik. Ein elaborierter demokratisch-liberaler Wertekanon, der sich darüber hinaus in vielen weiteren Texten äußert: im Bundesverfassungsgerichtsgesetz, im Parteiengesetz, im Untersuchungsausschussgesetz, aber auch in unseren diversen Bürgerlichen Gesetzbüchern, im Sozialgesetzbuch, in der von Deutschland bestätigten Menschenrechtskonvention, im Völkerrecht etc. Der demokratisch-freiheitliche Geist formulierte einen großen, stolzen Katalog an diesen Grundtexten seiner Leitkultur.

Es geht ganz streng um eine verbindliche Kultur unveräußerlicher Ideen und Werte, verstanden als eine emphatische Kultur sämtlicher historisch erstrittener elementarer Rechte im Sinne der Menschenrechte, Freiheitsrechte, Gleichheitsrechte. Im Sinne auch einer der Rechte komplementären Kultur der Pflichten und Schranken - wie es im Grundgesetz heißt - mit denselben Inhalten. Um eine ganze Kultur der Freiheit, des Individuums und eine ganze Kultur der gesellschaftlich-politischen Ordnung, die sie am weitgehendsten ermöglicht: der liberalen Demokratie.

Unser Grundgesetz ist - das ist das Entscheidende, sonst funktioniert es nicht - radikal mehr als ein Text, ein Gesetz. Es ist tatsächlich eine umfassende Kultur, und zwar im exakten und weitesten Sinne des Wortes. Es ist Bekenntnis: ein ganzes, spezifisches Menschen-, Gesellschafts- und Weltbild, beruhend auf humanen, humanistischen Werten. Auch auf zentralen christlichen Werten wie jenen der Liebe und Nächstenliebe.

Eine solche Definition einer Leitkultur besteht dann allerdings keinesfalls in der - unmöglichen - Bestimmung einer leitenden Kultur innerhalb einer gesellschaftlichen Vielfalt von Kulturen. Sie besteht in der Einrichtung und Durchsetzung einer Ordnung und eines Prinzips, die alle anderen Kulturen und ihre Vielfalt in einer Demokratie erst ermöglichen. Und regulieren. Nur so gelangt man aus der Krux ihrer inhaltlichen Definition heraus.

Unsere Werte sind die mächtigste Waffe

Das Grundgesetz ist die definitive Konkretion einer deutschen Leitkultur in ihrer denkbar präzisesten und denkbar schönsten Form. Für alle, die hier leben, für alle, die kommen. Ein solch leidenschaftliches Bekenntnis zur Verfassung hat nichts, gar nichts mit Schwärmerei, Idealismus, Utopismus zu tun - im Gegenteil: Es ist knallharter Realismus und Pragmatismus. Alles, unsere gesamte Ökonomie, Wohlstand und Frieden beruhen auf diesen Werten, nur so bewahren wir eine Wirklichkeit, die lebenswert ist.

Die zerstörerischen, neuen wie alten Dämonen eines neuen wie alten Nationalismus und Totalitarismus, der Diskriminierung, Verachtung und des Hasses - der anti-humanen, anti-demokratischen Fraktionen - gewinnen erneut an Kraft in unserer Welt. Es gibt nur eines: Wir müssen sie niederringen. Unser Wertekanon ist in diesem Kampf unsere mächtigste Waffe. Fürchterlich nur, wozu wir ihn haben verkommen lassen: zu mechanischen, harmlosen Formeln, rituellen Reden. Noch viel schlimmer: zu Selbstverständlichkeiten.

Real liegt die größte Bedrohung der liberalen Demokratie ohne Zweifel in ihrer eigenen selbstzerstörerischen Lethargie - der von uns allen. Gerade eben, weil Demokratie kein natürlicher Zustand ist, sondern eine fragile kulturell-historische Errungenschaft, die auch wieder vergehen kann, muss sie von uns tagtäglich lebendig gehalten werden.

In Hinblick auf die Normativität ihrer selbst muss sich die liberale Demokratie - bei aller unbeirrten, permanenten Selbstkritik - absolut setzen. Ihre Grundwerte als nicht-verhandelbar praktizieren. Hier läuft die Grenze der Toleranz, die Grenze des Kompromisses. An diesem Punkt muss sie nach innen wie nach außen wehrhaft sein, ein leidenschaftliches Bollwerk ihrer eigenen Ideen und Prinzipien.

So lebensnotwendig der Diskurs und der ernste Streit der Demokraten untereinander ist, so bereit müssen alle zur rabiaten Einigkeit der genuinen Demokraten sein. Die anti-demokratischen Kräfte, außen wie innen, - welcher Provenienz auch immer - lachen sich ins Fäustchen, wenn wir es nicht sind. Die freie, starke Demokratie ist, es wird erstaunlich gerne vergessen, de facto ebenso die Prämisse einer freien, starken Wirtschaft und eines freien wie sozial verantwortlichen Marktes. Freiheit und Demokratie sind unsere konkreten Geschäftsgrundlagen.

Dass das unbedingte Bekenntnis zum Grundgesetz und aller implizierten Ideen und Werte - ein deutscher "Verfassungspatriotismus", wie es modern heißt - "abstrakt", "akademisch" sei, eine Sache der Intellektuellen und Eliten, dabei aber nicht die Seelen und Herzen der Menschen ausfülle, stellt eine gefährliche Diffamierung dar. Traurigerweise hat sie Tradition in Deutschland, von Beginn an war sie eine populistische Waffe gegen die Demokraten, schon die von 1848, und diente ihrer wirkungsvollen Denunziation. Mit fast im Wortlaut identischen Vorhaltungen - "Gelehrtenträumer" etc. - wurde die kleine demokratische Fraktion in der Paulskirche verhöhnt: "Die deutsche Seele braucht etwas anderes, braucht mehr!"

Das Grundgesetz ist pure Emotion

Dabei verhält es sich doch genau umgekehrt: Das Grundgesetz ist das heftigste Gegenteil von abstrakt und akademisch. Es ist nicht bloß der Verstand, sondern vor allem das Herz und die Seele unserer Werte: In Hinblick auf jeden einzelnen Satz, auf jedes einzelne Wort dieses großartigen Textes wären abertausende Schicksale zu erzählen, die diese Worte und Sätze erst in diesen Text brachten. Geschichten von geflossenem Blut, verlorenen Leben, Unterdrückung, Folter, Morden, Massakern, Massenmorden, Völkermorden. Ungeheure deutsche und europäische Geschichten auch von Mut, Tapferkeit, Aufrichtigkeit, Aufbegehren, Freiheitsdrang, bewusstem Opfer... Abstrakt? Ist das abstrakt? Akademisch? Ja, wirklich?

Das Grundgesetz ist geronnene Geschichte, die Essenz in humanistischer, aufklärerischer - und auch in utopischer - Hinsicht. Die Denunziation als "abstrakt" löscht sogar im Nachhinein noch einmal alle systematisch aus, die für diese Werte und Vorstellungen unter Einsatz ihres Lebens gestritten haben, ermordet wurden. So herum ist es wahr: Wofür ließe sich so viel Begeisterung, so viel lebendigstes Leben, so viel Energie, Hingabe und Kreativität entwickeln wie für die Werte der Freiheit, des Individuums, die Freiheit des Denkens, Redens, Tuns... So - und nur so sieht ein adäquates Verständnis des Grundgesetzes aus. Das ist sein Wortsinn, Emotion pur. Und: deutsche Leitkultur in nuce! Und genau in diesem Sinne müssen wir das Grundgesetz gesellschaftlich vermitteln.

Sofort kommt man zu einem verheerenden Versäumnis: Wir vermitteln diese Leitkultur viel zu schwach. Nicht einmal annähernd angemessen - beispielsweise - in unseren gegenwärtigen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen. Nicht erst in den weiterführenden Schulen - auch dort hingegen in völlig anderer Qualität und Intensität als es zur Zeit Praxis ist -, schon in den Kindergärten und Grundschulen brauchen wir demokratische Bewusstseinsmachung. Wir brauchen eine begeisterte, lebendige, konkrete wie umfassend ausgedehnte Demokratiekunde, eine "Unterrichtseinheit" auch, ja.

Wir dürfen keine einzige kleine Konzession machen

Das hat nichts "Staatszentralistisches" oder "Propagandistisches", wie wir es zuletzt im politischen Staats- und Gesellschaftskunde-Unterricht der DDR erlebt haben. Es ist ein entscheidender Aspekt einer nach innen wehrhaften Demokratie gewissermaßen. Wir sind viel zu zurückhaltend. Und natürlich wird eine Integration von vielen neuen Menschen aus vielen anderen kulturellen Kontexten nur funktionieren, wenn wir die Prinzipien unserer Leitkultur für uns selbst und sie uneingeschränkt zur Geltung bringen.

Mit allen Grundfesten verhält es sich so: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", es gilt das "Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit", auf "körperliche Unversehrtheit" usw. Paradigma ist die Religionsfreiheit, eine Leitkulturfrage par excellence, da sie grundlegend für alles "Private" und die tiefsten Überzeugungen jedes einzelnen steht. "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses (das also strukturell mit "Glauben" gleichgesetzt wird) sind unverletzlich", heißt es wunderbar apodiktisch - der demokratische Staat ist der Gewährleister. Eine epochale Errungenschaft, die Deutschen haben auch diese Freiheit durch allerschwerste, brutalste Erfahrungen errungen.

Wir dürfen keine einzige kleine Konzession machen, egal, bei welcher Religion. Das Gute: Auf diese Weise lassen sich diese Prinzipien strikt formulieren, ohne Angst haben zu müssen, wider Willen in dieses oder jenes populistische Lager zu geraten, welche in diesen Punkten scheinbar dieselben Forderungen erheben. Wir müssen unsere liberal-demokratische Kultur mit aller Macht stärken. Die liberale Demokratie mit ihrer Kultur in der Offensive halten. Attraktiv für alle. Also ja: Mit unserer äußersten Kraft und Klarheit müssen wir eine deutsche Leitkultur formulieren, aus vielen Gründen; wir, die genuinen Demokraten, jetzt, unverrückbar - ansonsten formulieren sie ganz andere. Und zwar ganz anders.

insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
Ein_denkender_Querulant 07.05.2017
1. Was ist nötig?
Das Grundgesetz ist unsere Leitkultur, ferig. Was soll dieser Schmarn der Gartenzwerge, die jeden zum Mützenpolieren treiben wollen. Unerträglich!
Edelstoffl 07.05.2017
2. Hervorragender Artikel zum Thema !
Es gibt in unserer Kultur eben auch aufgrund unserer Geschichte Werte, welche m.E: unverhandelbar sind. Und das ist unsere "Leitkultur" - welche Diversität ausdrücklich bejaht. "Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf."
Markus Landgraf 07.05.2017
3. JA - das müssen wir machen
Vielleicht kann man noch eine Debatte hinzufügen, die freiheitliche Demokratie im Sinne des Deutschen Grundgesetzes zu Erweitern: Nach dem Vorbild Frankreichs könnte man der Freiheit des Glaubens eine strikte Trennung von Staat und Kirche hinzufügen. Das wäre zwar ein Novum in der Deutschen Geschichte, aber ein guter Beitrag zur friedlichen Globalisierung. Ist es wirklich noch Zeitgemäß, dass Kirchen (ja - auch die Christlichen) vom Staat unterstützt werden, dass sie Steuern eintreiben dürfen und dass am Wahlvorabend die Kandidaten sich beim Gottesdienst/Predigt/Messe filmen lassen? Viele Probleme liessen sich vermeiden wenn Kirchen von den Staatsorganen als eine von vielen wohltätigen Organisationen betrachtet werden würden - vor allem der Streit, wer denn nun als Kirche anerkannt wird.
scooby11568 07.05.2017
4. Das ist mal der mit Abstand vernünftigste...
Kommentar zu dem Thema, den ich hier lesen durfte. Danke!
De facto 07.05.2017
5. Universal
Das Grundgesetz ist nicht gleich Leitkultur. Es beschreibt Universalrechte die eigentlich überall der Welt gelten sollte. Leitkultur ist das gelebte und genau das macht es den deutschen so schwierig es zu definieren.
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